„Es wird unvermeidbar sein“ – Chef der deutschen Impfkommission zu Corona-Impfpässen und „Sputnik V“

© SNA / Pressedienst der slowakischen Regierung / HandoutDer slowakische Ministerpräsident Igor Matovic (rechts) am Flughafen in Kosice, wo die erste Charge des russischen Sputnik-V-Impfstoffs abgegeben wurde, den 1. März 2021.
Der slowakische Ministerpräsident Igor Matovic (rechts) am Flughafen in Kosice, wo die erste Charge des russischen Sputnik-V-Impfstoffs abgegeben wurde, den 1. März 2021. - SNA, 1920, 12.03.2021
Der Vorsitzende der Ständigen Impfkommission (Stiko) am RKI, Prof. Dr. Thomas Mertens, hat den russischen Corona-Impfstoff „Sputnik V“ erneut gelobt. Auch ging er auf SNA-Fragen zu dessen eventueller Empfehlung für Deutschland ein.
Der russische Vektorimpfstoff „Sputnik V“ sei intelligent gebaut, sagte Mertens am Donnerstag in einem Online-Gespräch mit ausländischen Journalisten. Die Entwickler hätten auf zwei menschliche Adenoviren – Typ 5 und 26 – gesetzt, während es bei dem britischen Astra-Zeneca-Impfstoff um ein Schimpansen-Adenovirus gehe. „Bei Sputnik verwendet man für die erste Dosis einen Adenovirus-Vektor und für die zweite den anderen. Das hat theoretischen und wahrscheinlich auch praktischen Vorteil, dass die Immunität, die man gegen ein Vektorvirus erzeugt, eine geringere Rolle spielt, weil das Spike-Protein erhalten bleibt in den beiden Dosen, aber der Vektor wird verändert“, so Mertens.
Allerdings seien die bisher veröffentlichten „Sputnik V“-Daten in zwei englischsprachigen Artikeln, darunter in „The Lancet“, nicht ausreichend für eine Zulassung, fügte Mertens hinzu. Die europäische Zulassungsbehörde (Ema) prüft diese seit gut einer Woche. Die Hersteller müssten weitere Originaldaten nachliefern. Mertens reagierte auf die Angriffe einer Journalistin, dass die zu „Sputnik“ bisher veröffentlichten Daten nicht ausreichend für ein Lob seien. „Das mit den unzureichenden veröffentlichten Daten trifft auch auf alle anderen Impfstoffe wie von Biontech und Moderna zu“, so Mertens, denn die Veröffentlichungen seien immer nur Auszüge aus den Zulassungsdaten. Trotzdem ließen die Daten in „The Lancet“ die Hoffnung zu, dass dieser Impfstoff geeignet sein könne für die Pandemiebekämpfung.

Keine Daten nach Deutschland schicken

Welche Daten braucht man denn für eine Zulassung und eine anschließende Empfehlung für Deutschland, hieß die SNA-Frage an Mertens.
Die Hersteller des „Sputnik V“-Impfstoffes müssten bei der Ema auch die umfangreichen Daten aus der klinischen Phase 3 nachreichen, erwiderte Mertens. „Und das war natürlich der Hauptvorwurf gegen das russische Vorgehen, dass man die Phase-3-Studien nicht in dem Sinne korrekt gemacht hat, sondern man hat die Phase-3-Studie gleich an der Bevölkerung durchgeführt und nicht als eigentliche Phase-3-Studie.“ Aber wenn damit Sicherheit und Wirksamkeit des Impfstoffs an einer großen auch mit einer Kontrollgruppe versehenen Population nachzuweisen sei, hätte Mertens „grundsätzlich keine Bedenken“, das als klinische Studie zu akzeptieren für eine Empfehlung. Dabei bräuchten die russischen Entwickler die Daten nicht zusätzlich nach Deutschland zu schicken – die Ema gebe die Daten an das Paul-Ehrlich-Institut und das Bundesgesundheitsministerium weiter, und die Stiko bekomme den Zugriff auf einen zentralen Server. „Dann können wir parallel zu den Regulatoren die Daten bewerten“, so Mertens.
Nach Angaben der Entwickler hatte die klinische Phase-3-Studie mit mehr als 31.000 Menschen in Russland und Belarus Ende August 2020 begonnen. Die Vereinigten Arabischen Emirate, Indien und Venezuela führten dazu noch lokale klinische Studien mit dem „Sputnik V“-Impfstoff durch. Nach vorläufigen Forschungen bis zum November an rund 20.000 Freiwilligen aus den Moskauer Krankenhäusern wurde laut dem britischen Fachmagazin „The Lancet“ dem Impfstoff eine hohe Immunogenität, also die Fähigkeit eine Immunantwort auszulösen, Sicherheit und Wirksamkeit von 91,6 Prozent zugeschrieben.

„Sie dürfen nicht alles aus nationalen Perspektiven“

Ungarische, slowakische und nun auch italienische Behörden erwerben den Impfstoff bereits, ohne die europäische Zulassung abzuwarten. Sie werden für ihre Alleingänge aber von den Medien und auch von den Mitbewerbern angefeindet. Ob die europäische Zulassung bei schwierigen Lagen wie in der Slowakei mit den Corona-Toten nicht überbewertet werde und ein nationaler Vorstoß ebenfalls eine Lösung wäre, fragte SNA weiter.
Mertens antwortete darauf:

„Die Tatsache, dass es eine europäische Zulassung gibt, ist eigentlich positiv zu bewerten. Sie dürfen nicht alles aus nationalen Perspektiven sehen bei der Covid-19-Impfung, es werden viele Impfstoffe untersucht und im Prinzip ist es eine sinnvolle Sache, dass jetzt nicht einzelne Länder wie Deutschland jetzt einen Impfstoff gegen FSME (Entzündung des Gehirns und der Hirnhäute – Anm.d.Red.) oder Masern – egal was – zulassen, sondern dass es über die EU-Zulassung läuft und es dann in allen Ländern Gültigkeit hat. Ich halte sie effektiver als eine nationale Zulassung. Es ergibt sich sofort die Frage: Wir werden in Deutschland einen Impfstoff zulassen – und was machen die Franzosen, die Italiener oder die Tschechen damit?“

Prof. Dr. Thomas Mertens
Vorsitzender der Ständigen Impfkommission am RKI
Es sei ein großer politischer Erfolg, lobte Mertens, dass die EU versucht habe, die Impfstoffbestellung gemeinsam zu regeln. Wenn wir jetzt innerhalb Europas über Impfstoffe streiten würden, obwohl die Bekämpfung der Pandemie keine nationalstaatliche Angelegenheit sei, hielte es der Professor für einen schlechten Vorgang. Er gab zu, dass er bei den Fehlern der Impfstoffbeschaffung durch die EU keine Einsicht habe und nur auf die Pressemeldungen angewiesen sei „genauso wie Sie“.
Mertens zu Covid-19-Pässen
Auch die Diskussion um die Impfpässe liege außerhalb seiner Kernkompetenz, gestand er. Persönlich halte er solche Pässe jedoch für unvermeidbar. Ein Impfnachweis an sich sei eine ärztliche Aufgabe. Dass etwa die Fluggesellschaften so einen Nachweis verlangen wollten, gehört Mertens zufolge zu der vertragsrechtlichen Regelung. „Wenn ich ein Ticket kaufe, dann ist es ein privater Vertrag und ich glaube nicht, dass da Restriktionen möglich sind in der Art, das darf nicht gemacht werden.“ Für den öffentlichen Personenverkehr wäre solch eine Voraussetzung nicht standhaft, weil die Menschen dies zur Lebensführung brauchen.
Einwilligungserklärung und das WHO-Impfzertifikat, in das vorerst die Covid-Impfung eingetragen wird - SNA, 1920, 01.03.2021
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