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„Erst kommt der Impfstoff, dann die Moral“: Eine bedenkliche Gute-Nacht-Geschichte im ZDF

© REUTERS / POOLImpfzentrum in Berlin
Impfzentrum in Berlin - SNA, 1920, 12.03.2021
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„Warum scheitern die Deutschen?“, stand im Sendungstitel von „Maybrit Illner“. Was wohl als eine Schelte gedacht worden war, gestaltete sich als eine eher positive Bestandsaufnahme der bisherigen Corona-Politik – mit wenig Kritik und mit solider Prise Lob. Dennoch wurden die Zuschauer am Ende mit gewissen moralischen Zweifeln ins Bett geschickt.
Der schärfste Kritiker wurde aus Recklinghausen zugeschaltet. Der deutsche Hollywood-Schauspieler Ralf Moeller muss seit August in der nordrhein-westfälischen Kreisstadt herumhocken und sich um seine betagten Eltern kümmern, statt in Kalifornien zu drehen – wegen Corona.

„Das Menschliche geht da total weg“

„Wie sollen alte Menschen selbstständig im Internet ihren Impftermin organisieren?“, ärgerte sich der Star, dessen Mutter 85 und der Vater 92 Jahre alt ist. Er selbst, im digitalen Bereich längst beschlagen, hätte große Mühe, Impftermine für die Eltern zu organisieren. „Es wurde viel Tamtam gemacht, aber richtige Informationen gab es nicht“, stellte er fest. Und fügte hinzu: „Das Menschliche geht doch da total weg.“
Die versprochenen und in vielen Fällen ausgebliebenen Hilfszahlungen schnitt der sichtlich aufgeregte Schauspieler ebenfalls an. Viele Unternehmer und Selbständige erhielten kein Geld, sie seien pleite und „denken an Selbstmord“ – im Gegensatz zu Politikern, die ihre Gehälter regelmäßig auf ihre Konten überwiesen bekommen.

„Die Politik hat absolut versagt, das muss man ganz klar sagen“, konstatierte der Schauspieler. „Warum lernen wir nichts von den Chinesen? Warum lernen wir nichts von den Russen?“

Selbstverständlich erwähnte er auch „die Korruptionsgeschichten, die bei der CDU gerade stattfinden“.

„Wir sollten nicht zu sehr schimpfen“

Prompt erhielt der Kritiker einen Dämpfer – zunächst von einer regionalen Politikerin, die dazu noch keiner Regierungspartei angehört.
„Wir sollten nicht zu sehr schimpfen, weder auf unsere Politik noch auf die Bürger“, erwiderte die Grünen-Landrätin Anna Kebschull, die aus Osnabrück zugeschaltet wurde. „Natürlich haben wir immer wieder mit Mangelsituationen zu kämpfen. Dafür immer einen Schuldigen zu suchen, muss nicht unbedingt das richtige Mittel sein.“
„Es hilft nichts, auf die Politik zu schimpfen, weil wir einfach hier mit einer Mangelsituation zu tun haben“, fügte die junge Dame hinzu.
In dem Moment merkte man einmal mehr, was für ein Unding diese Zuschaltungen sind. Die Moderatorin dirigierte den immer heftigeren verbalen Schlagabtausch zwischen den beiden Zugeschalteten vom Studio aus und gab immer wieder ihren Senf dazu. So verwandelte sich das Ganze in einen chaotischen Wirrwarr, in dem niemand einander hörte und auch keinen einzigen Satz bis zum Ende sprechen konnte.
„Wenn ihr nicht seht, dass hier was absolut schiefläuft, dann weiß ich nicht mehr, was ich hier mache“, äußerte Moeller verärgert zum Abschied.
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„Wir haben durchaus Erfolge in Deutschland“

Die restlichen 40 Minuten der Sendung verliefen recht gemächlich, obgleich Maybrit Illner immer wieder versuchte, die Diskussion kritischer zu gestalten. Immerhin hieß die Sendung: „Warum scheitern die Deutschen?“
Hat Deutschland vielleicht schlechte Minister? – fragte sie zum Beispiel Thorsten Frei, Vizechef der Unionsfraktion im Bundestag. „Herr Spahn und Herr Altmaier machen ihren Job ganz hervorragend“, versicherte dieser. Und überhaupt sei alles gar nicht so schlimm im Lande: „Wir haben durchaus Erfolge in Deutschland“, betonte Frei. „Wir haben zwei Drittel der Bewohner der Alten- und Pflegeheime geimpft. Wir haben gesehen, dass die Zahl der Toten deutlich zurückgegangen ist. Die Intensivstationen sind etwa halb so stark ausgelastet, wie das noch Mitte Januar der Fall war.“
Sigmar Gabriel, der in der Runde die Rolle des erfahrenen politischen Patriarchen übernahm, war immer wieder für versöhnliche Phrasen gut: „Ich finde es fast normal, dass dabei Fehler gemacht wurden.“
Die jüngste „Masken-Affäre“ in der Unionsfraktion kam selbstverständlich auch zur Sprache. Als Vizechef der Fraktion gestand Frei: „Das hat mein Vorstellungsvermögen gesprengt.“ Und versprach natürlich, alles nur Mögliche zu unternehmen, damit so etwas nicht mehr vorkommt. Auch dazu hatte der weise Patriarch Gabriel etwas Philosophisches (leider aber auch Banales) parat:

„Sie können noch so viele Regeln machen: Wenn Sie kein Störgefühl haben bei der Frage, ob Sie in der größten Krise an der Not der Menschen Geld verdienen können, werden Sie immer genug kriminelle Energie aufbringen, um irgendein Schlupfloch zu suchen.“

Dem ehemaligen „Spiegel“-Chefredakteur Georg Mascolo war auch nicht besonders danach zumute, die Bundesregierung zu kritisieren. Vielmehr war er geneigt, die Pandemie im globalen Großformat zu analysieren. Ausgerechnet in den USA sah er dabei ein Objekt seiner Kritik: In der globalen Krise habe die Weltmacht ausgesprochen eigennützig gehandelt und sei niemandem zur Hilfe geeilt: Selbst die Nachbarländer Kanada und Mexiko bekamen von den USA keinen Impfstoff und mussten diesen von der EU beziehen.

„Wenn diese Krise irgendwann vorbei ist, werden sich manche Länder unangenehme Fragen gefallen lassen müssen, weil sie nicht gesehen haben, dass es ein medizinisches und ein menschliches Argument gibt, anderen zu helfen", prophezeite er.

Wirklich? Jedenfalls fallen einem aus dem Stegreif eher keine Beispiele aus der bisherigen Geschichte ein, wo die Vereinigten Staaten nach ihren auch viel schlimmeren egoistischen Untaten von Gewissensbissen geplagt wären.
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„Erst kommt der Impfstoff, dann die Moral“

Momentan ist aber gewisse Schadenfreude in so manchen Ländern außerhalb der EU über die gegenwärtigen Impfstoff-Probleme der Staatengemeinschaft zu registrieren. In der „Maybrit Illner“-Show wurde diese Rolle der aus London zugeschalteten britischen Journalistin Anne McEvoy zuteil.
Die 55-Jährige, die schon nächste Woche geimpft werden darf, machte nicht einmal Anstalten, ihre (Schaden-)freude darüber zu verbergen, dass Großbritannien in Sachen Impfstoff-Versorgung nicht auf die EU angewiesen sei. Die altruistischen und solidarischen Ansätze Brüssels zog sie mit zynischem Sarkasmus ins Lächerliche: „Erst kommt der Impfstoff, dann die Moral.“
Großbritannien wäre bereit, Impfstoff zu exportieren, wenn die britischen Bürger wüssten, sie selbst seien in Sicherheit, belehrte die britische Journalistin das deutsche TV-Publikum. „Wenn man diese humanitäre Leistung aufnehmen will, muss man in der Lage sein, zu liefern.“ Um ihren eigentlich simplen Gedanken anschaulicher zu machen, fand Frau McEvoy auch ein metaphorisches Bild:

„Man kann den Kuchen verteilen, erst wenn man ihn gebacken hat.“

Mag sein, dass die Moderatorin von dieser zynischen Belehrung aus London dermaßen verblüfft war, dass sie die Journalistin gar nicht mehr nach irgendetwas fragte. Den Rest der Sendung durfte sie stumm mitverfolgen. Umso mehr, als die zehnminütige Schluss-Sequenz der moralischen Problematik gewidmet war – eben im Zusammenhang mit dem Masken-Skandal in der Union.
So blieb bei so manchen Zuschauern am Ende ein bitterer Nachgeschmack: Abgesehen von den peinlichen, aber letzten Endes verständlichen und meist rein technischen Problemen der Krisenbewältigung – wie steht es hier mit der Moral?
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