Lockdown als Kosmetik und Lockerung ein Armutszeugnis – Infektiologe Schrappe

© REUTERS / ANDREAS GEBERTEingang ins Deutsche Museum in München
Eingang ins Deutsche Museum in München - SNA, 1920, 12.03.2021
Der Infektiologe Matthias Schrappe kritisiert in einem Interview den Fokus von Bundeskanzlerin Merkel auf die Infektionswerte. Den Öffnungsplan von Bund und Ländern hält er für mutlos und fordert mehr Freiheiten für Immunisierte.
Der Infektiologe und Gesundheitsökonom Matthias Schrappe hält den stufenweisen Öffnungsplan von Bund und Ländern für ein „Armutszeugnis“ – zumindest aus epidemiologischer Warte. Das sagte der ehemalige stellvertretende Vorsitzende des Sachverständigenrates Gesundheit der Tageszeitung „Die Welt“ im Interview, der Artikel ist am Freitag erschienen. Den aktuellen Lockdown hätte man „in drei Zeilen zusammenfassen können“. Der Medizinprofessor aus Köln hat seit April mit acht Wissenschaftlern mehrere Papiere vorgelegt, in denen er eine neue Strategie anmahnt.

Bürgerrechte für Geimpfte und Immunisierte?

Beim neuen Corona-Fahrplan würden ihm jede Menge Punkte völlig fehlen, so Schrappe. Vorneweg die „brennende Frage“: Was soll geschehen mit Geimpften und mit Menschen, die Corona hinter sich haben und die deswegen immun seien? Immerhin hätten Untersuchungen aus Israel und Cambridge ergeben, dass der Impfstoff von Biontech auch vor einer Ansteckung Dritter schützt. In den USA habe auch die oberste Gesundheitsbehörde CDC entschieden, dass Geimpfte sich ohne Masken mit anderen Menschen in Innenräumen treffen dürfen.
In Deutschland wiederum würden auch Geimpfte in Altersheimen nicht aus ihrer Isolation entlassen. Viele dürften auf Empfehlung des Robert-Koch-Instituts (RKI), das weiter vor einer Ansteckung durch Geimpfte warnt, noch immer nicht gemeinsam essen oder Besuch empfangen. Die Ansteckungen seien Einzelfälle, behauptet Schrappe und wundert sich:
„Die Menschen in den Heimen erleben ihre letzten Lebenstage und sind seit einem Jahr isoliert. Sind das nicht die Fragen, die sich zuallererst stellen? In dem Merkel-Papier ist das kein Thema. Wie soll man das nennen? Befremdlich? Inhuman? Oder vergesslich?“
Eine genutzte Mundschutzmaske - SNA, 1920, 10.03.2021
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Lockdown ist nichts als „Kosmetik“

Auch den Lockdown kritisiert der Mediziner als unvernünftig. Man würde damit zwar vorübergehend gute Zahlen erreichen, doch das sei nur „Kosmetik“. Schrappe möchte auch wissen:
„Denn was wird, wenn der Lockdown wieder ausgesetzt werden muss? Oder wenn trotz Lockdown die Zahlen steigen? Ich empfinde es mittlerweile als einen Skandal, welche politische Rolle der Inzidenzwert spielt. Andere Werte müssen hinzugezogen werden.“
Tatsächlich seien aber mit der fortschreitenden Impfung der Alten und der Risikogruppen die Gesamtmelderaten überflüssig. Die Argumentation, Infektionen müssten in allen Altersgruppen gezählt werden, um das Risiko für die Alten abschätzen zu können, hätte sich erübrigt. Denn hier sei die Impfung ja angekommen, fügte der Mediziner hinzu.
Deswegen hätte eine Melderate von 50 heute eine völlig andere Bedeutung als im vergangenen Herbst. Denn heute betrifft die Infektion vor allem die Jüngeren, mit weitaus niedrigerem Risiko für schwere Krankheitsverläufe. Schrappe wünscht sich Melderaten spezifisch für die Altersgruppen 70 plus, um etwa Infektionen trotz Impfung oder bei Impfverweigerern zu erfassen.

Inzidenzen werden „politisch motiviert“ umgerechnet

Auch von den Schnelltests, auf die viele Hoffnungen gesetzt werden, erwartet der Internist nicht viel. Die Heraussortierung der falsch negativen und falsch positiven Ergebnisse werden im Mittelpunkt stehen. Er rät dazu, die Testkapazitäten dort zu konzentrieren, wo es wirklich nötig ist: in Schulen, Arztpraxen, Heimen, in Gruppen mit hohem Ansteckungsrisiko. Dafür muss man herausfinden, wo und wann sich die Menschen anstecken, sagte Schrappe, denn das sei bisher noch nicht der Fall:
„Wir stochern noch immer zu sehr im Nebel. Die täglich vom Robert-Koch-Institut verkündeten Zahlen sind extrem von der Zahl der Getesteten abhängig, werden dann aber politisch motiviert trotzdem auf die Gesamtbevölkerung hochgerechnet und zur Rechtfertigung von Maßnahmen verwendet. Wir haben es mit einer Epidemie durch asymptomatische Übertragungen zu tun. Hier müssten stichpunktartig in ganz Deutschland Menschen regelmäßig untersucht werden, in den Städten und auf dem Land.“
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Ganze Landkreise werden für lokale Ausbrüche bestraft

Mit solchen sogenannten „Kohortenstudien“ wüsste man längst, warum sich etwa auf dem Land so viele Menschen infizieren. Stattdessen würde Deutschland die Pandemie mit „dem Blick durchs Mikroskop“ und dem „Computermodell“ bekämpfen.
Schrappe fordert stattdessen, mehr Energien darauf zu verwenden, Infektionsherde zu identifizieren. Und diese bei lokalen Ausbrüchen herausrechnen, statt sie in die Inzidenzzahlen des ganzen Landkreises hineinzurechnen. Um diese Cluster zu finden, bräuchte man ein epidemiologisches Grundverständnis. Als Beispiel nennt er die Corona-Ausbrüche in Gefängnissen:

„Niemand redet darüber. Eine Vollzugsbeamtin sagte zu mir, Sie können sich nicht vorstellen, was da los ist. Es wäre die Aufgabe der Gesundheitsämter, solche Herde zu finden und dort präventiv einzugreifen.“

Dann müsste nicht die ganze Stadt dafür haftbar gemacht werden.
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