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Zu später Stunde in der ARD: Über Jogi Löw, Angela Merkel und die geschlechtsneutrale Maus

© REUTERS / POOLBundeskanzlerin Angela Merkel
Bundeskanzlerin Angela Merkel - SNA, 1920, 11.03.2021
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Jogi Löw, Angela Merkel, Jens Spahn, die beiden ungeschickten Masken-Schacherer von der Unionsfraktion, Meghan Markle, Corona und eine Person namens Heinrich Horwitz, die in Wirklichkeit kein Mann ist – die „Maischberger“-Show deckt ziemlich alles ab. Ein Getratsche zur späten Stunde mit wenig Inhalt, aber mit genug Unterhaltungswert.
Eines muss man dem TV-Talk „Maischberger. Die Woche“ schon lassen: Im Vergleich zu den „Schwestern-Sendungen“ wie „Anne Will“ und „Maybrit Illner“ bemüht sich diese Show etwas mehr darum, dass die Zuschauer zur späten Stunde nicht mitten in der Sendung einschlafen. Und durch die Vielzahl der Akteure und mehrfache Szenenwechsel konnte bei der jüngsten Sendung geschickt kaschiert werden, dass im Studio niemand von den politischen und sonstigen Großkalibern präsent war, dessen Meinung wirklich etwas zählen würde.

Die geschlechtsneutrale Maus

Warum soll uns etwa interessieren, wie der TV-Schauspieler Walter Sittler den jüngsten Skandal im britischen Königshaus beurteilt? Oder wen interessiert die Antwort der Deutschlandfunk-Journalistin Katharina Hamberger auf die traditionelle Frage der Moderatorin, wen die Anwesenden als den Gewinner bzw. den Verlierer der Woche betrachten würden? Hamberger erklärte, sie würde das titelgebende Tier von der „Sendung mit der Maus“ als die Gewinnerin ansehen, die diese Woche 50 geworden sei.

„Ist die Maus männlich oder weiblich?“, fragte Maischberger die treue Maus-Anhängerin. „Geschlechtsneutral“, erwiderte die Journalistin prompt und fügte hinzu: „Das hat sie selbst jüngst bei Twitter gesagt.“

Wohlgemerkt: Eine „sie“ hat das gesagt. Zum eigentlichen Gender-Geplänkel gelangte dann die Sendung allerdings erst am Schluss.
Etwa zehn Minuten lang unterhielten sich dann Sittler, Hamberger und Ansgar Graw, Herausgeber von „The European“, wie stark sich die „Masken-Affäre“ mit den beiden Bundestagsabgeordneten der Union auf die kommenden Landtagswahlen in Rheinland-Pfalz und Baden-Württemberg sowie auf die Bundestagswahlen im Herbst auswirken könnte. Das Urteil ihrer Kaffeesatz-Leserei lautete: Die Auswirkung des Skandals werde sich in Grenzen halten. Na gut.
Besitzerin eines Kleingeschäfts in Kiel begrüßt erste Kunden nach dem Lockdown, 8. März 2021 - SNA, 1920, 08.03.2021
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„Die Lockerung kommt zum absolut falschen Zeitpunkt“

Corona war an dem Abend – wie an allen anderen Abenden auch – selbstverständlich auch mit auf der Agenda. Zu dem Thema interviewte Maischberger zwei Experten – den Kölner Impfarzt Jürgen Zastrow und Thorsten Lehr, Professor für klinische Pharmazie. Zastrow ging auf seinen Impf-Alltag ein und gab dabei unter anderem zu, dass er sich hin und wieder über die vorgeschriebenen Verordnungen hinwegsetzt, damit nicht abgefragte Impfdosen nicht ungenutzt bleiben. Lehr soll ein Computerprogramm entwickelt haben, das Corona-Zahlen prognostizieren kann. Wie die Moderatorin nachdrücklich betonte, habe der Professor „mit den Prognosen bisher immer recht behalten“.
Da musste aber niemand unbedingt mit einem wahrsagerischen Programm gewappnet sein, um das zu wiederholen, was so viele andere, auch weniger versierte Beobachter bereits gesagt haben: Die jüngsten Lockerungen würden unweigerlich eine neue Steigerung der Inzidenzzahlen nach sich ziehen. Die von Bund und Ländern beschlossene „Öffnungsstrategie“ komme zu einem „absolut falschen Zeitpunkt“, meinte auch Lehr.

„Jetzt kommt die Lockerung nämlich zusammen mit der Tatsache, dass die Mutante die Oberhand gewinnt und das wird eine relativ gefährliche Kombination."

Diese Kombination veranschaulichte er dann mit furchteinflößenden Diagrammen, welche besagten, dass Deutschland bereits in wenigen Wochen Infektionszahlen haben würde wie in den schlimmsten Tagen der zweiten Corona-Welle. Damit sich aber die Zuschauer nicht gleich die Kugel geben, hatte der Gelehrte auch den üblichen Trost parat: „Wir können uns zurücknehmen und diese Kurven auch beeinflussen." Nun ja, wenigstens das.

Angela Merkel vs. Joachim Löw

Damit war das Thema Corona am Mittwochabend schon abgehakt – wirklich gut, dass das Thema diesmal ausnahmsweise nicht abendfüllend war. Die Moderatorin griff danach eine aktuellere Nachricht auf, nämlich die Rücktrittsankündigung von Bundestrainer Joachim Löw.

„Angela Merkel und Jogi Löw sind beide fast gleichzeitig ins Amt gekommen, jetzt gehen sie fast gleichzeitig raus: Wen werden Sie eigentlich mehr vermissen?“, wollte Maischberger von den Studiogästen wissen.

Für Schauspieler Sittler war die Antwort eindeutig: „Ich werde Angela Merkel mehr vermissen.“ Journalistin Hamberger drückte sich: „Ich möchte die Frage als Journalistin nicht beantworten.“ Publizist Graws antwortete diplomatisch: „Beide Abtritte sind notwendig.“ So weit, so gut. Eine Zuschauer-Umfrage sah das Skript der Sendung nicht vor.
Das lebhafteste Gespräch kam am Ende der Sendung, als ZDF-Moderatorin Petra Gerster und Schriftstellerin Nele Pollatschek über das Gendern im Fernsehen – und im deutschen Sprachgebrauch überhaupt – stritten.
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Wird Deutschland „das Bundeskanzler“ haben?

Aufgerollt wurde das Thema wohl wegen des jüngsten Frauentags. Den aktuellen Anlass lieferte aber der Shitstorm, den die Grand Dame der deutschen Politik, Gesine Schwan, unlängst im Netz erleben musste: Sie hatte eine Person namens Heinrich Horwitz, die sie nicht kannte, in einer schriftlichen Kommunikation irrtümlicherweise als „Herr“ angesprochen. Diese entpuppte sich aber als eine „geoutete, lesbische nicht-binäre Person“.
Gerster räumte ein, sie bekomme, seit sie in den ZDF-Nachrichten gewissenhaft gendert, haufenweise böse Zuschriften. Pollatschek betonte ihrerseits, sie möchte als „Schriftsteller“ vorgestellt werden. „Ich habe natürlich eine Identität, aber die ist nicht das Relevante hier“, äußerte sie recht temperamentvoll. „Warum ist das Einzige, was wir hier sichtbar machen wollen, das Geschlecht? Warum?"
Zum Ersten verunstalte das Gendern nach ihrer Ansicht die deutsche Sprache. Zum Zweiten würden damit die eigentlichen Probleme der Frauen – wie etwa das „Pay-Gap“, der Unterschied zwischen den Löhnen von Männern und Frauen – keinesfalls bewältigt. In der ehemaligen DDR sei außerdem das Gendern kein Problem gewesen, weil „alle Frauen gearbeitet haben".
Natürlich konnte der Schlagabtausch im Endeffekt nichts halbwegs Praktikables bringen. Nachdem Pollatschek den doch ziemlich absurden Vorschlag unterbreitet hat, im Streitfall ein Neutrum zu gebrauchen – zum Beispiel „das Bundeskanzler“ – musste den Zuschauenden klar werden, dass das Streitgespräch eher als Kabarett-Stückchen gedacht war.
Da muss man sich eigentlich freuen, dass sich die Maus aus der gleichnamigen Fernsehsendung – endlich! – als „geschlechtsneutral“ geoutet hat. Oder?
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