Bringt der Golfstrom Westeuropa zum Einfrieren?

© AP Photo / Felipe DanaEisberge in Grönland
Eisberge in Grönland - SNA, 1920, 10.03.2021
Schmelzende Gletscher können Westeuropa einfrieren lassen. Der Arktische Ozean hat eine große Menge an kaltem Süßwasser angesammelt, das durch das Schmelzen des Eises entstanden ist. Wenn es in den Atlantik stürzt, könnte es das Klima Europas verändern, warnt die Fachzeitschrift „Nature Geoscience“.
Der Norden Westeuropas hat aufgrund der sich erwärmenden Strömungen ein ungewöhnlich warmes Klima für solch hohe Breiten. Die globale Erwärmung könnte jedoch gewaltige Anpassungen an diesem Gewächshaus.Modus vornehmen. Bisher wird die Hauptströmung der Arktis – der Beaufort Gyre – mit dem Zufluss von Süßwasser fertig. Die Reserven sind jedoch nicht endlos. Aufgrund des Abschmelzens der Gletscher ist dieser Zyklus laut Wissenschaftlern bereits schneller und turbulenter geworden.
Der Beaufort Gyre ist eine großflächige kreisförmige Wasserbewegung in der westlichen Arktis. Wind, der jahrzehntelang aus dem Westen weht, dreht das Wasser im Uhrzeigersinn (von oben gesehen). Dieser Zyklus fängt das Süßwasser ein, das beim saisonalen Abschmelzen der Gletscher entsteht, und gibt es in winzigen Portionen an den umgebenden Ozean ab.
Aber das Meerwasser in der Arktis (und auf dem gesamten Planeten) wird wärmer. Aus diesem Grund schmelzen die Gletscher intensiver als gewöhnlich. Seit den 1990er Jahren haben sich im Kreislauf 8000 Kubikkilometer Frischwasser angesammelt. Dies ist etwa ein Drittel des volumenmäßig größten Süßwassersees der Welt – des Baikalsees.
Emissionen (Symbolbild) - SNA, 1920, 02.03.2021
Europäische Firmen steuern auf 2,7 Grad Erderwärmung zu – Studie

Wissenschaftler befürchten AMOC-Störung

Was passiert, wenn diese Wassermassen aus dem Kreislauf entweichen und in den nahegelegenen Nordatlantik fallen? Wissenschaftler befürchten, dass der sogenannte atlantische meridionale Umkippkreislauf (Atlantic meridional overturning circulation AMOC) gestört wird.
Das ist eine Art riesiges Förderband, das die Tropen und die polaren Breiten verbindet. Das oberflächennahe Wasser, das von der äquatorialen Sonne erwärmt wird, fließt nach Norden. In der Arktis kühlt es bei Kontakt mit Eis und kalter Luft schnell ab. Aus diesem Grund nimmt seine Dichte zu, und das Wasser ertrinkt buchstäblich und sinkt auf den Boden. Eine tiefe kalte Strömung bewegt sich in Richtung der Tropen. Dort ersetzt dieses Wasser die Wassermassen, die zum Pol strömen. So schließt sich der Kreis.

Golfstrom kann abgeschwächt werden

In ihrer Studie haben Forscher aus Irland, Großbritannien und Deutschland beschlossen, das Ausmaß dieser Schwächung langfristig zu bewerten.

„Zum ersten Mal haben wir eine Reihe früherer Studien kombiniert und festgestellt, dass sie ein konsistentes Bild der Entwicklung von AMOC in den letzten 1600 Jahren liefern“, so Studienleiter Stefan Rahmstorf vom Potsdamer Institut für die Studie des Klimawandels (PIK). „Die Ergebnisse zeigen, dass AMOC bis zum Ende des 19. Jahrhunderts relativ stabil war. Mit dem Ende einer kurzen Eiszeit um 1850 begannen die Meeresströmungen abzunehmen, und ab der Mitte des 20. Jahrhunderts folgte eine zweite, noch stärkere Abschwächung.“

Wenn sich dieser Trend fortsetzt, wird sich das Golfstromsystem bis 2100 um 35 bis 45 Prozent abschwächen. Dies ist eine gefährliche Tendenz, die das globale Stromnetz instabil macht. In Zukunft könnte es ganz verschwinden. Infolgedessen würde sich das Klima großer Gebiete ändern. Der Norden Westeuropas würde viel kälter werden – schließlich hält nur die sogenannte Wärmflasche des Golfstroms das derzeit milde Klima dort aufrecht.

Golfstrom und Eiszeit

Andere Forscher wie der Kieler Meeresbiologe Mojib Latif sind zu dem Ergebnis gekommen, dass „der Einfluss des Golfstroms häufig überschätzt“ wird. Ließe man in Klimamodellen den Golfstrom komplett zusammenbrechen, ergäbe sich für Deutschland eine Temperaturveränderung – und zwar in diesem Fall eine Abkühlung – von ein bis zwei Grad im Jahresmittel.
Ein internationales Team unter Beteiligung des GEOMAR Helmholtz-Zentrums für Ozeanforschung Kiel hat anhand von Sedimentkernen aus dem Atlantik einen Zusammenhang zwischen schwankender Golfstromintensität und dem Beginn der Eiszeiten während des Pliozäns vor 3,6 Millionen Jahren nachweisen können. Studien zeigten, dass sich das Golfstromsystem bis 2100 um 35 bis 45 Prozent abschwächen könnte. Dies würde trotz des CO2-reichen globalen Klimas zur Gletscherbildung auf der Nordhalbkugel führen.
Sonne (Symbolbild) - SNA, 1920, 02.03.2021
Wissenschaftler sagen eine Katastrophe der Erdatmosphäre voraus
„Die Studie gibt uns wertvolle Einblicke in mögliche Auswirkungen eines sich abschwächenden Golfstroms“, betont Prof. Dr. Dirk Nürnberg vom GEOMAR, Mitautor der Studie. Dabei wies er darauf hin, dass im Pliozän insbesondere tektonische Prozesse im indopazifischen Raum zu der Abkühlung im Atlantik geführt und so den Golfstrom geschwächt hätten. Es gebe aber keine bekannte Analogsituation in der Erdgeschichte für den menschgemachten CO2- und Temperaturanstieg, wie die Wissenschaftler ihn in den letzten 100 Jahren beobachten.
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