Die Freiheit und die Andersdenkenden – zum 150. Geburtstag von Rosa Luxemburg

© Foto : Wikimedia Commons / GemeinfreiRosa Luxemburg (Archivbild)
Rosa Luxemburg (Archivbild) - SNA, 1920, 06.03.2021
Am 5. März 1871 wurde Rosa Luxemburg geboren. Die Mitbegründerin der Kommunistischen Partei Deutschlands gilt bis heute als Ikone vieler linker Bewegungen und Parteien. Interessanterweise verbindet Anhänger wie Gegner ein berühmtes Luxemburg-Zitat. Doch Luxemburg war sowohl sehr viel mehr als auch sehr viel weniger, als Fans und Feinde glauben.
Die meisten Menschen verbinden mit dem Namen Rosa Luxemburg die Sentenz „Freiheit ist immer nur Freiheit des anders Denkenden“. Das ist die Kurzform einer etwas umfassenderen Randnotiz im Manuskript ihres Buches „Zur Russischen Revolution“. Das wurde erst drei Jahre nach ihrer Ermordung veröffentlicht und dort lautet die komplette Version dieser Randnotiz:

„Freiheit nur für die Anhänger der Regierung, nur für Mitglieder einer Partei – mögen sie noch so zahlreich sein – ist keine Freiheit. Freiheit ist immer nur Freiheit des anders Denkenden. Nicht wegen des Fanatismus der ‚Gerechtigkeit‘, sondern weil all das Belehrende, Heilsame und Reinigende der politischen Freiheit an diesem Wesen hängt und seine Wirkung versagt, wenn die ‚Freiheit‘ zum Privilegium wird.“

Rosa Luxemburg
„Zur russischen Revolution“ (1918/1922, Randnotizen)
Die Kurzform „Freiheit ist immer nur Freiheit des anders Denkenden“ gehört zu den am häufigsten bemühten Zitaten überhaupt. Als Luxemburg sie 1918 aufschrieb, befand sie sich in einem Gefängnis. Wieder einmal. Seit 1904 hatte sie mehrmals Haftstrafen wegen ihres politischen Engagements verbüßen müssen.
© Bundesarchiv/SAPMO BArch, NY 4002/15Manuskript Seite Rosa Luxemburg "Zur russischen Revolution" mit dem berühmten Zitat
Manuskript Seite Rosa Luxemburg Zur russischen Revolution mit dem berühmten Zitat - SNA, 1920, 08.03.2021
Manuskript Seite Rosa Luxemburg "Zur russischen Revolution" mit dem berühmten Zitat

Rosa Luxemburg – kleine Frau mit großem Willen

In ihrer Bewegungs- und Handlungsfreiheit eingeschränkt zu sein, gehörte ganz grundsätzlich zu einer Art Basis-Trauma von Rosa Luxemburg, gegen das sie von der Kindheit bis an ihr Lebensende ankämpfte und das möglicherweise ihre Impulsivität, ihre Leidenschaft, ihre Ungeduld, ihren unbändigen Drang, nicht stehenzubleiben, erklären könnte. Dabei fiel ihr das Gehen nicht leicht. Als kleines Mädchen ist sie fast ein Jahr lang ans Bett gefesselt, weil ein Arzt bei ihr irrtümlich eine Knochentuberkulose diagnostiziert hatte. Aus dem Gips befreit, stellte sich heraus, dass ein Bein irreversibel verkürzt war. Bei einer Körpergröße von 1,50 Meter ist eine solche anatomische Beeinträchtigung nicht sehr förderlich für das Gangbild. Menschen mit Handicaps und einem überdurchschnittlichen Intellekt entwickeln nicht selten ein außergewöhnliches Selbstbewusstsein, eiserne Disziplin und Selbstbehauptungswillen.
Aus der Zeit ihrer Zwangsbettruhe rührt eines ihrer überragenden Talente her. Wer ihre politischen Schriften nicht lesen mag, der sollte sich die Briefeditionen durchlesen, die von Rosa Luxemburg überliefert sind. Das kleine, ans Bett gefesselte Mädchen kommunizierte mittels Briefen mit ihrer Umwelt. Daraus entwickelte sich mit den Jahren eine regelrechte Kunst des Briefeschreibens. Die Briefe von Rosa Luxemburg aus den Gefängnissen gehören mit zu den schönsten Beschreibungen über Gefühle und Naturbeobachtungen, über kleinste Details, die mit einer solchen Wortgewalt und Eindringlichkeit niedergeschrieben wurden, dass sich erahnen lässt, wie diese Frau als Rednerin gewirkt haben muss.
Unter Corona-Auflagen: Luxemburg-Liebknecht-Demonstration zieht zur Gedenkstätte der Sozialisten - SNA, 1920, 11.01.2021
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Und es ist überliefert, dass sie eine sehr überzeugende Rednerin gewesen sein soll. Die Idee, die sie vertrat, konnte keine bessere menschliche Stimme haben. Rosa Luxemburg war eine glühende Sozialistin, hochgebildet, belesen, klug, brillant in der Analyse, schonungslos in der Kritik. Aber, Rosa Luxemburg war eben auch eine Sozialistin ihrer Zeit. Soll heißen, mit heutigen Maßstäben einer westlichen parlamentarischen Demokratie gemessen, hätte Rosa Luxemburg heute sehr wahrscheinlich das Etikett einer fanatischen Linksextremistin, die den Staat, so wie er konstituiert ist, ablehnt und beseitigen will und Gegenrede zwar über sich ergehen lässt, aber Abweichler letztlich doch beiseiteschiebt.

Rosa Luxemburg – Dauerkritikerin der eigenen Genossen und rotes Tuch für alle Machos

In diesem Kontext wollen aber ihre Fans ihr berühmtes Zitat nur ungern sehen. Denn Luxemburgs Plädoyer für Freiheit des anders Denkenden, hätte im Endeffekt nicht verhindert, dass der anders Denkende trotzdem mit Konsequenzen hätte rechnen müssen, wenn er einem politischen Ziel, das von ihr als unerlässlich angesehen wurde, im Wege gestanden hätte.
Seit sie 1898 in die SPD eingetreten war, legte sie sich mit einer Vehemenz und Regelmäßigkeit mit den Parteigranden an, die beinahe schon als lustvoll bezeichnet werden kann. Sie wettert gegen Bernstein genauso wie gegen Kautsky. Vor allem aber argumentiert und polemisiert sie unentwegt gegen den Krieg und für den Frieden. Eine kompromisslose Position, die ihr in der SPD schon bald übelgenommen wird. Aber natürlich nicht nur dort. Rosa Luxemburg erstreitet sich im wahrsten Wortsinn im gesamten Deutschen Kaiserreich den Ruf einer gefährlichen Aufrührerin, die die Sicherheit Deutschlands gefährdet, den Ruf einer Staatsfeindin.
Und natürlich spielte auch damals – wahrscheinlich sogar sehr viel mehr als möglicherweise heute – die Tatsache eine Rolle, dass sie intellektuell beinahe alle wichtigen Politiker ihrer Zeit locker in die Tasche stecken konnte, was Männer mit einem gewissen Ego, wovon es in der Politik nicht wenige geben soll, schon damals nicht unbedingt erfreulich fanden. Zumal sie schnell lernen mussten, dass diese scheinbar verletzliche kleine Frau ziemlich standfest sein konnte, nur ungern Kompromisse einging und zur Erreichung eines von ihr als wichtig erachteten Zieles auch bereit war, fünfe gerade sein zu lassen, wie es so schön heißt. Sie hatte beispielsweise keine Probleme, eine Scheinehe einzugehen, um die deutsche Staatsbürgerschaft zu erlangen, denn geboren wurde sie im seinerzeitigen als Kongresspolen bezeichneten westlichsten Teil des Russischen Zarenreiches.

Rosa Luxemburg – gegen die SPD und gegen die Bolschewiki

Die SPD ist Rosa Luxemburg schon bald nicht mehr sozialistisch genug. Aber auch andere linke Parteien werden ihr suspekt. Das betrifft vor allem auch die Bolschewiki. Zum Bruch mit der einen kommt es durch die Zustimmung der Sozialdemokraten zu den Kriegskrediten im Reichstag, zum Bruch mit der anderen kommt es, weil Luxemburg entsetzt ist über den ungezügelten Terror, den Lenin zur Verteidigung der Oktoberrevolution anordnet bzw. nicht unterbindet, als er exzessive Ausmaße annimmt.
Linke Kundgebung nach Polizeieinsatz gegen FDJ in Berlin - SNA, 1920, 23.01.2021
„Stachel im Fleisch“ – linke Kundgebung nach Polizeieinsatz gegen FDJ
Vor genau diesem Hintergrund ist das nun schon mehrfach erwähnte Luxemburg-Zitat entstanden und einzuordnen. Aber während die Luxemburg-Fans von heute das Freiheits-Zitat als Plädoyer für eine Meinungsfreiheit nach heutigem westlichen Verständnis missverstehen, haben Luxemburg-Feinde dieses Zitat nur benutzt, um es den Parteiführungen der früheren sozialistischen Staatengemeinschaft vor die Nase zu halten. Und sie benutzen Luxemburgs Freiheits-Credo noch immer für eine Kampagne gegen linke Politikprojekte, um ihnen antidemokratische Tendenzen zu unterstellen, weil sie in Wahrheit in deren antikapitalistischen Positionen die reale Gefahr sehen.

Rosa Luxemburg: Die Freiheit, die sie meinte

Rosa Luxemburgs Plädoyer für die Freiheit war eine Kritik an den Bolschewiki unter Lenins Führung und bezog sich auf die erste Phase der postrevolutionären Ereignisse in Sowjetrussland:

„Ohne allgemeine Wahlen, ungehemmte Presse- und Versammlungsfreiheit, freien Meinungskampf erstirbt das Leben in jeder öffentlichen Institution, wird zum Scheinleben, in der die Bürokratie allein das tätige Element bleibt. Das öffentliche Leben schläft allmählich ein, einige Dutzend Parteiführer von unerschöpflicher Energie und grenzenlosem Idealismus dirigieren und regieren, unter ihnen leitet in Wirklichkeit ein Dutzend hervorragender Köpfe, und eine Elite der Arbeiterschaft wird von Zeit zu Zeit zu Versammlungen aufgeboten, um den Reden der Führer Beifall zu klatschen, vorgelegten Resolutionen einstimmig zuzustimmen, im Grunde also eine Cliquenwirtschaft – eine Diktatur allerdings, aber nicht die Diktatur des Proletariats, sondern die Diktatur einer Handvoll Politiker, d. h. Diktatur im bürgerlichen Sinne, im Sinne der Jakobiner-Herrschaft (das Verschieben der Sowjet-Kongresse von drei Monaten auf sechs Monate!).“

Rosa Luxemburg
„Zur russischen Revolution“, Kapitel IV
Rosa-Luxemburgs Freiheitsbegriff bezog sich immer auf eine sozialistische, in jedem Fall keine bürgerliche Demokratie. Vor allem aber bezog sich ihr Freiheitsbegriff auf ein grundsätzlich anderes Verständnis der Rolle von Volk und Partei in einem revolutionären Prozess, als es Lenin tat. Dieser grundsätzliche Widerspruch war es auch, der später das ambivalente Verhältnis beispielsweise der SED-Führung zu Luxemburg ausmachte, denn Rosa Luxemburg hätte es nie gutgeheißen, in welche absurd aufgeblähten und weltfremden Apparate sich die angebliche Avantgarde der Arbeiterklasse verwandelt hatte.

Rosa Luxemburg – das falsche Vorbild für die Linkspartei des Jahres 2021?

Für Rosa Luxemburg war eine sozialistische Revolution die Aufgabe der Arbeiterklasse, nicht die Aufgabe einer Partei und schon gar nicht eines entrückten Parteiapparates, der von der Lebenswirklichkeit und den tatsächlichen Lebenswünschen der Arbeiterklasse keine Ahnung mehr hatte. Dieses entrückte, realitätsferne Weltbild von „Unterdrückten“, deren Interessen zu vertreten die Linkspartei vorgibt, ist auch eines der Probleme der heutigen Linkspartei, die sich auf dem gleichen Weg befindet wie die Grünen, hin zu einer Partei für besserverdienende, bessergebildete, im urbanen Milieus lebende, kosmopolitisch denkende Menschen.
Das neue Führungsduo der Linken – die thüringische Landeschefin Susanne Hennig-Wellsow (links) und die hessische Landtagsfraktionschefin Janine Wissler. - SNA, 1920, 28.02.2021
Ein Fall für zwei: Wohin steuert die LINKE wirklich?
Mit den weniger gut gebildeten und nach ihren Maßstäben kultivierten Menschen, die im Niedriglohnsektor ihr Dasein fristen müssen und darin mangels echter Chancen stattdessen regelrechte Hartz-IV-Karrieren und -Dynastien begründen und die mit Parolen wie „Niemand ist illegal“, „Keine Grenzen“ oder „Verzicht für den Klimawandel“ nicht nur nichts anfangen können, sondern dies als nächsten Verrat einer linken Partei an ihnen empfinden, nach dem Fußtritt, den ihnen die Agenda-Politik von SPD und Grünen verpasst hat – mit diesen Menschen hat die Linkspartei des Jahres 2021 nicht mehr nur nichts zu schaffen, sie signalisiert ihnen inzwischen auch ganz offen, dass sie kein Interesse mehr an ihnen hat, dass sie sie verachtet, weil die Partei sie als Rechtsaußen auffasst. Das ist die gleiche Borniertheit, die zum Niedergang einst mächtiger kommunistischer Parteien Westeuropas, bei gleichzeitigem Aufstieg von Parteien am rechten politischen Rand, geführt hat.

Rosa Luxemburg: Die Enttäuschung über die deutsche Arbeiterklasse

Tragischerweise aber war auch Rosa Luxemburg von dieser Blindheit für Realitäten geschlagen und war erschrocken und verbittert, dass die deutsche Arbeiterklasse 1918/19 zwar das Feudalsystem abschütteln wollte, aber nicht den Kapitalismus. Spätestens da endete ihr Verständnis von Freiheit der anders Denkenden. Dass Rosa Luxemburg möglicherweise, bei aller intellektuellen Größe, die sie auszeichnete, von einer bestürzenden Naivität in der Schlüsselfrage geschlagen war, an der auch die Jakobiner in der Französischen Revolution und die Bolschewiki in der Sowjetunion scheiterten – also inwieweit Gewaltanwendung in einer Revolution wie einer sozialistischen, die eine Gesellschaftsordnung in ihren Fundamenten angreifen sollte, inwieweit in einer solch epochalen Umwälzung Gewalt komplett ausgeschlossen werden kann, in der Annahme, die ehemals herrschende Klasse würde sich einfach kampflos mit ihrer Entmachtung und Enteignung (selbst wenn es nur eine Teilentmachtung und Teilenteignung bedeuten sollte) abfinden – eine solche Naivität in Luxemburgs Denken kann nicht vollkommen ausgeschlossen werden.

Rosa Luxemburg: Hätte sie auch mit der Linkspartei ein Problem?

Das betrifft aber auch die Linkspartei von heute, die ja in ihrer Gründungsphase im vereinten Deutschland nach dem Zusammenbruch des Staatssozialismus in der DDR erfahren musste, dass sie von einer bürgerlichen parlamentarischen Demokratie nur bedingt die propagierten Freiheiten zugebilligt bekam, gnadenlos bekämpft wurde und auch nur solange geduldet wird, wie sie nicht den Kapitalismus zur Disposition stellt. Sobald dies geschieht, ist es mit der Luxemburgischen Freiheit der anders Denken ebenfalls rasch vorbei und der Vorwurf der angeblichen Demokratie- und Freiheitsfeindlichkeit ist sofort wieder aktuell.
Wenn gerade die Linkspartei immer wieder den Freiheitsbegriff einer Rosa Luxemburg ins Schaufenster ihres Politikangebotes stellt, sollte sie zunächst Antworten finden auf ihre Entfremdung zu großen Teilen der deutschen Bevölkerung, die ganz klar und immer unverschämter von einer reaktionären Form des Kapitalismus drangsaliert werden, die sie aufgrund des Verlustes einer akzeptablen materiellen Basis de facto auch gewisser Freiheitsrechte beraubt, die Rosa Luxemburg so wichtig waren, die von der Linkspartei aber in Frage gestellt werden, da sie die Freiheit der anders Denkenden am Rand der Gesellschaft nicht akzeptieren, sondern ausschließen will.
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