Leibniz-Wirtschaftsgipfel zu Corona-Auswirkungen: gespaltenes Bild

© Foto : Leibniz-Gemeinschaft / Oliver LangHaus der Leibniz-Gemeinschaft in Berlin (Archivbild)
Haus der Leibniz-Gemeinschaft in Berlin (Archivbild) - SNA, 1920, 04.03.2021
Bei einer Art Gipfeltreffen der Präsidenten verschiedener deutscher Wirtschaftsforschungsinstitute im Videoformat zeigte sich ein gespaltenes Bild: Optimismus; aber auch Mahnungen, Branchen, die gut durch die Krise kommen und andere, die abstürzen. Global scheint Europa durch die Pandemie eher zu verlieren.
Die ökonomischen Folgen der Pandemie sind noch nicht voll sichtbar und werden sehr wahrscheinlich noch länger spürbar sein. Darüber diskutierten am Donnerstag in einer Videokonferenz die Präsidenten verschiedener Wirtschaftsforschungsinstitute der Leibniz-Gemeinschaft. Es ging vor allem um die Auswirkungen der Pandemie auf den deutschen Arbeitsmarkt und den Unternehmensbestand. Es wurde auch angesprochen, wie sich Deutschland und Europa im internationalen Vergleich in der Pandemie schlagen.
Es diskutierten unter anderem Clemens Fuest (Ifo Institut – Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung an der Universität München), Gabriel Felbermayr (Institut für Weltwirtschaft an der Universität Kiel), Marcel Fratzscher (DIW Berlin – Deutsches Institut für Wirtschaftsforschung) und Christoph M. Schmidt (RWI – Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung Essen).

Gewinner und Verlierer

Clemens Fuest sieht im Moment ein gespaltenes Bild: Die Industrie funktioniere relativ gut, der Export laufe wieder. Anderen Branchen, wie der Gastronomie oder dem Tourismus, gehe es dagegen natürlich sehr schlecht.
Gerade hat sein Ifo-Institut neue Zahlen zur Kurzarbeit veröffentlicht. Demnach ist die Zahl der Kurzarbeiter im Februar um über 100.000 gestiegen. Nach Schätzungen des Ifo-Instituts waren 2,8 Millionen Menschen auf Kurzarbeit, nach 2,7 Millionen im Januar. Das entspricht 8,5 Prozent der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten.
Bundeskanzlerin Angela Merkel (i.d.Mitte), Bayerns Ministerpräsident Markus Söder (R) und Berlins Oberbürgermeister Michael Müller bei der Pressekonferenz zu Corona-Beschlüssen am 3. März 2021 - SNA, 1920, 04.03.2021
Scharfe Debatte um Corona-Beschlüsse

Staat hat sich als nicht ausreichend handlungsfähig erwiesen

Fuest rechnet im ersten Quartal 2021 eher mit einer „Seitwärtsbewegung“, einem Wachstum von Null, aber eben nicht mit einem Absturz der Wirtschaft wie im ersten Lockdown vor einem Jahr.
Der Ifo-Präsident mahnte an, dass die Unternehmen, aber auch der Staat aus der Krise lernen sollten und vor allem die Verwaltung agiler und digitaler strukturiert werden sollte.

„Der Staat hat sich in der Krise als nicht ausreichend handlungsfähig erwiesen.“

Clemens Fuest
Präsident des Ifo-Instituts
Die größte Belastung sieht der Ökonom im Bereich der Ausbildung. Der Ausfall der Schule hätte massive Auswirkungen auf die spätere Entwicklung. Darum sei die Öffnung der Schulen das Wichtigste. Entsprechend hätte Fuest befremdet, dass beim erneuten Corona-Gipfel am Mittwoch „mit Hingabe“ diskutiert wurde, wie man Fahr- oder Flugschulen wieder öffnen kann, aber die Schulen für die Kinder kaum Erwähnung fanden. Hier sieht der Experte ein „Missverhältnis“.

Angst vor dritter Welle

Sein Kollege Marcel Fratzscher hält die nach wie vor vorherrschende Unsicherheit für „Gift für Unternehmen“. Allerdings plädiert Fratzscher eher für die Fortsetzung des konsequenten Lockdowns:

„Meine Sorge ist, dass die Maßnahmen von gestern negativ für die Wirtschaft sind, weil zu frühe Lockerungen auch zu einer dritten Welle führen könnten.“

Marcel Fratzscher
DIW-Chef
Die Politik müsse eine Abwägung treffen zwischen Gesundheit, Wirtschaft und Grundrechten, meint der Experte.
Frisur-Salon in Haselbachtal - SNA, 1920, 01.03.2021
Corona-Maßnahmen: Mehrheit für Lockerungen

Europa fällt international weiter zurück

Gabriel Felbermayr hat mehr das Augenmerk auf die internationalen Entwicklungen in der Coronakrise. Hier sieht der Wirtschaftsexperte „sehr robuste Entwicklungen in Asien, vor allem in China“ mit wahrscheinlich acht Prozent Wachstum in diesem Jahr. Auch in den USA gebe es eine „deutliche Aufhellung“, wobei vor allem das „gewaltige Corona-Konjunkturprogramm“ des neuen US-Präsidenten Joe Biden für Optimismus sorge. Positive Wirtschaftsentwicklungen sowohl in China als auch in den USA hätten wiederum eine „Sogwirkung“ für die deutsche Exportwirtschaft. Zumindest für den herstellenden Sektor seien dies gute Nachrichten, für die Dienstleistung dagegen nicht. Felbermayr sieht hier ähnlich wie sein Kollege Fuest „ein sehr gespaltenes Bild“ der deutschen Wirtschaft in der Pandemie.
Europa insgesamt scheint durch den relativ schlechten Umgang mit der Pandemie und den nur langsamen Impffortschritt zumindest im Vergleich mit den USA und China weiter an Wirtschaftskraft zu verlieren, schätzt der Präsident des IfW Kiel.
Wir sollten auf jeden Fall aus der Krise lernen, um resilienter zu werden, meint der Experte. Felbermayr vermutet allerdings, dass die nächste Wirtschaftskrise nicht von einer Pandemie ausgelöst wird.

Wer traut sich noch in die Selbstständigkeit?

Christoph M. Schmidt vom RWI ist besorgt darüber, wer in Zukunft noch bereit sein wird, unternehmerisches Risiko zu übernehmen: „Wir haben doch in der Pandemie erlebt, wie unsicher die Selbstständigkeit in Krisenzeiten ist.“ Auch sieht der Experte die Spaltung der Gesellschaft in Gewinner und Verlierer durch die Pandemie vorangetrieben. Während die einen sogar Geld gespart hätten, kämpften die anderen täglich um ihre Existenz.
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