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Im Westen verehrt, in der Heimat verachtet – Michail Gorbatschow wird 90

© SNA / Ewgeny BiyatovMichail Gorbatschow (Archivbild)
Michail Gorbatschow (Archivbild) - SNA, 1920, 01.03.2021
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In Deutschland wird Michail Gorbatschow als einer der Väter der Einheit gefeiert. In Russland ist sein Platz in der Geschichte umstrittener. Nun wird der Friedensnobelpreisträger und frühere Kremlchef 90 Jahre alt.
Michail Gorbatschow kommt auch mit 90 Jahren nicht zur Ruhe. Trotz Krankenhaus-Aufenthalten und weitgehender Isolation wegen der Corona-Pandemie meldet sich der Friedensnobelpreisträger oft zu Wort – mit seinen Sorgen um den Zustand der Welt. „Nur keinen Krieg zulassen“, sagt der frühere Sowjetpräsident in einem aktuellen, auf seiner Internetseite gorby.ru veröffentlichten Interview. „Frieden erhalten und eine Verbesserung des Lebens der Menschen erstreben!“ Was er sich wünsche zu seinem Geburtstag am 2. März? „Freundschaft und Unterstützung“, antwortet er.

Bilderbuchkarriere

Zuerst durchlief Gorbatschow die klassische sowjetische Kaderschmiede. Bereits 1952 trat er im Alter von 21 Jahren in die Kommunistische Partei der Sowjetunion (KPdSU) ein und agierte von da an 22 Jahre lang im heimatlichen Stawropol für die Partei. Mit seiner Parteikarriere ging es steil aufwärts. 1970 wurde er zum Ersten Sekretär für Landwirtschaft berufen. Im folgenden Jahr wurde er Mitglied des Zentralkomitees. Mitglied der Kreml-Führung wurde er 1978 als ZK-Sekretär für Landwirtschaft und 1980 als Vollmitglied des Politbüros. Nachdem 1984 beziehungsweise 1985 die betagten Juri Andropow und Konstantin Tschernenko nur kurze Zeit nach ihrer Wahl zum KPdSU-Generalsekretär verstorben waren, rückte der damals erst 54-jährige Gorbatschow auf den ersten Platz im Kreml.
Michail Gorbatschow (Archivfoto) - SNA, 1920, 01.03.2021
Gorbatschow ruft dazu auf, Corona-Pandemie „ohne politische Spiele und Intrigen“ zu bewältigen

„Mit dem Mann kann man Geschäfte machen“

Die britische Premierministerin Margaret Thatcher hatte das zukünftige sowjetische Staatsoberhaupt bereits 1983 auf einer Dienstreise kennengelernt und kabelte an US-Präsident Ronald Reagan: „Mit dem Mann kann man Geschäfte machen.“
Später unterzeichneten Reagan und Gorbatschow den wichtigsten Abrüstungsvertrag zwischen den beiden Supermächten USA und Sowjetunion, den INF-Vertrag (Mittelstrecken-Nuklearstreitkräfte-Vertrag), der 2019 einseitig von den USA gekündigt wurde.
Nach einigen Anlaufschwierigkeiten entwickelte sich auch zwischen Gorbatschow und dem damaligen Bundeskanzler Helmut Kohl eine besonders enge Beziehung, die in der Zustimmung der Sowjetunion zur „Deutschen Einheit“ gipfelte.

Wiedervereinigung und Perestroika

Zu seinem Jubiläum schaut das letzte Staatsoberhaupt der Sowjetunion auf viele geopolitische Großtaten zurück: Seine Politik von Glasnost (Offenheit) und Perestroika (Umgestaltung) führte zum Ende des Kalten Krieges, allerdings auch zum Zusammenbruch des Ostblocks. Zusehen musste er letztlich, wie sich in der Wende schließlich die baltischen Staaten von der Sowjetunion lossagten – und wie am Ende das gesamte kommunistische Imperium zusammenbrach.
Am 25. Dezember 1991 trat Gorbatschow als Präsident der Sowjetunion zurück.
Die Biografin Gail Sheehy resümierte 1991:

„Michail Sergejewitsch Gorbatschow, der letzte romantische Kommunist, der den Kommunismus auf den Müllhaufen der Geschichte warf. Michail Sergejewitsch Gorbatschow, der Mann, der die Welt veränderte und dabei sein Land verlor.“

Als Totengräber verachtet

Bis heute verachten viele Russen Gorbatschow als „Totengräber“ der Sowjetunion, der die stolze Weltmacht, die im Zweiten Weltkrieg den Hitlerfaschismus besiegt hatte, erniedrigte und am Ende zerstörte. 30 Jahre ist das in diesem Jahr her. Und es war auch Gorbatschows Ende als mächtigster Mann in Moskau, als 1991 Boris Jelzin nach einem Putsch die Macht übernahm.

Kampf um sein Erbe

Erleichtert ist „Gorbi“, wie ihn die Deutschen achtungsvoll nennen, nicht zuletzt, weil US-Präsident Joe Biden und Kremlchef Wladimir Putin den letzten großen nuklearen Abrüstungsvertrag – New Start – der beiden größten Atommächte gerade noch gerettet haben. Gorbatschow mahnt neue, größer angelegte Abrüstungsinitiativen an. Aktuell dringt Gorbatschow auf ein persönliches Treffen von Putin und Biden, um „einen Atomkrieg zu verhindern“.

Noch immer aktiv

Gorbatschow leitet heute trotz gesundheitlicher Probleme seine eigene politische Stiftung und ist Miteigentümer der eher oppositionellen Zeitung „Nowaja Gaseta“. Zwar lobt er Präsident Putin immer wieder für dessen außenpolitischen Kurs, darunter auch die Eingliederung der Schwarzmeer-Halbinsel Krim. Aber er kritisiert auch immer wieder vor allem innenpolitische Vorgänge in Russland und hört nicht auf, gute Beziehungen Russlands zum Westen und vor allem zu Deutschland anzumahnen.
Seit dem Tod seiner Frau 1999 lebt der erste und letzte Präsident der Sowjetunion unweit seiner Tochter bei Moskau.
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