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„Zwei Züge rasen aufeinander zu“: Deutschlands „schizophrene“ Corona-Politik im ZDF-Talk

© REUTERS / ANNEGRET HILSEGeschlossenes Friseursalon in Berlin, 26. Februar 2021
Geschlossenes Friseursalon in Berlin, 26. Februar 2021 - SNA, 1920, 26.02.2021
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Bei der Bund-Länder-Konferenz am kommenden Mittwoch sollen langersehnte Lockerungen beschlossen werden – trotz der anrollenden dritten Virus-Welle. Zum zigsten Mal diskutierte „Maybrit Illner“ das ewige Pro und Kontra der Lockdown-Politik. Und auch diesmal kam man aus der „Schwarz-Weiß-Logik“ nicht heraus.
Eine weitere Lockdown-Verlängerung sei einfach undenkbar, behauptete der aus Tübingen zugeschaltete Oberbürgermeister Boris Palmer. „Wir können einfach nicht mehr“, so der Grüne-Politiker.
„Die Leute schaffen es nicht mehr, viele Betriebe werden nicht überleben, die Innenstädte werden halbtot sein, wenn wir erst im Sommer wieder öffnen.“
„Wir können aber auch nicht einfach aufmachen“, räumte er dabei ein. „Deswegen müssen wir raus aus der ‚Schwarz-Weiß-Logik‘ und mit guten Sicherheitskonzepten öffnen.“ Einen Trumpf sieht Palmer in Schnelltests, die in seiner Domäne bereits seit langem zur Anwendung kommen und den Einwohnern immer mehr Bewegungsfreiheit sichern sollen.

„Zu schnelle Lockerungen wären ein fataler Fehler“

Der SPD-Gesundheitspolitiker Karl Lauterbach blieb auch an dem Abend seiner Rolle als Corona-Mahner treu: Es sei „schizophren“, Lockerungen in Aussicht zu nehmen, wo das Land vor einer dritten Pandemie-Welle stünde, behauptete der Studiogast. „Zu schnelle Lockerungen wären ein fataler Fehler“, mahnte er, da die neue Virus-Mutante „ansteckender und tödlicher“ sei.
„Da rasen zwei Züge aufeinander zu“, lautete Lauterbachs dramatische Metapher, mit der er den Corona-Stand im Vorfeld des ersten Frühlingsmonats beschrieb. Der Bundestagsabgeordnete plädierte für „weitere sechs bis acht Wochen Lockdown“. Was auch wenig überraschte: Dieses Mantra hatte er bereits mehrfach bei den bisherigen Lockdowns im Laufe des Corona-Jahres 2020 stur wiederholt.
Von Schnelltests hält der SPD-Politiker wenig: Diese seien nach seiner Ansicht in vielen Fällen nicht zuverlässig. „Viele Menschen machen bei den Tests Fehler, und die Qualität ist nicht gut“, betonte er. „Wir wissen von vielen Tests nicht, wie gut sie sind.“
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AstraZeneca hat ein Image-Problem

„Nicht immer nur Bedenken vortragen“, griff Palmer in Lauterbachs Redefluss ein. „Man kann auch mal Lösungen vortragen.“ Und:
„Es geht einfach nicht, dass wir aufgrund neuer Mutationen den Lockdown immer wieder verlängern.“
Nach diesem Schlagabtausch kam es recht überraschend zu einer Einigung zwischen den beiden. Nämlich, als es um den Impfstoff AstraZeneca ging, der seit einiger Zeit an einem Image-Problem leidet. Dieses führte sogar dazu, dass über eine Million Dosen davon trotz des akuten Impfstoffmangels in Deutschland zu Ladenhütern geworden sind.
„Der Fehler bei AstraZeneca war, ihn nicht für die ab 65-Jährigen freigeben zu lassen“, meinte Palmer, der sein Motto „Schnelligkeit vor Gründlichkeit“ formulierte. „Wir sind mal wieder übervorsichtig.“
„Da stimme ich sogar Herrn Palmer zu“, erklärte Lauterbach darauf. „Eine Zulassung für über 65-Jährige wäre besser gewesen. Das war ein Riesenfehler.“
Etwa zehn Minuten lang agierten dann ziemlich alle Diskussionsteilnehmer als freiwillige und überzeugte AstraZeneca-Werbeagenten. Die Weimarer Amtsärztin Isabelle Oberbeck äußerte etwa, sie könne „nicht wirklich nachvollziehen“, warum das Vakzin derart massiv in Verruf geraten sei. Ab Sonntag würden in Weimar nämlich Grundschullehrer und Erzieher mit AstraZeneca geimpft, und zwar bedenkenlos. Der zugeschaltete Wissenschaftsjournalist und TV-Moderator Harald Lesch beteuerte, er würde sich damit „sofort“ impfen lassen und finde die „hysterische Reaktion der Öffentlichkeit“ völlig unerklärlich.

Schon wieder Schleichwerbung für „Sputnik V“?

Interessanterweise waren an der Hinterwand des Studios nahezu die ganze Sendung lang unter anderem Bilder von zwei Impfdosen zu sehen: Auf der einen stand „Sputnik V“ mit der russischen Trikolore, auf der anderen – „Sinovac“ mit der roten Fahne der Volksrepublik China. Die Erklärung dafür kam erst in der 44. Minute des Talks.
„Der russische und der chinesische Impfstoff bemühen sich jetzt um eine Zulassung der Ema“, sagte die Moderatorin. „Frau Oberbeck, würden Sie sagen, auch das müssen wir auf den Zettel nehmen? Die Chinesen und die Russen werden ja ihr Volk nicht vergiften wollen (…).“ Die Antwort der Amtsärztin lautete:
„Über den chinesischen Impfstoff weiß ich zu wenig, den russischen würde ich aber definitiv prüfen lassen. Jeder Impfstoff, der von der Ema als sicher befunden wird, sollte in Deutschland verimpft werden."
Naja, der aufmerksame Zuschauer zählt da schon mit: Dies war bereits die dritte „Maybrit Illner“-Sendung hintereinander, in der die Moderatorin ihre Gäste zu einer positiven Äußerung über den russischen Impfstoff animiert hat – warum auch immer.
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„Dann wäre die politische Klasse deutlich ruhiger…“

Die Öffnungsstrategie, die die Kanzlerin am kommenden Mittwoch verkünden soll, hat neben den medizinischen, sozialen und wirtschaftlichen Aspekten sehr wohl auch eine nicht wegzudenkende politische Facette, und das blieb auch nicht unerwähnt. Harald Lesch formulierte diese folgendermaßen:

„Es wäre besser bei einer Covid-Behandlung, wir hätten keine Wahlen in diesem Jahr. Dann wäre die politische Klasse deutlich ruhiger, und es gäbe wesentlich weniger Diskussionen darüber, wer nun der schnellste Lockerer ist oder welche Ministerpräsidentin am schnellsten lockert. Da würde uns viel erspart bleiben.“

Auf dem Bildschirm war dabei zu sehen, wie Palmer zu diesen Worten intensiv den Kopf schüttelt, zur Verlautbarung seiner Gegenargumente wurde er aber nicht mehr zugeschaltet. Vielleicht war dies auch gut so: Hätte der Grüne-Politiker versucht, dies zu bestreiten, so hätten ihm das die Wenigsten geglaubt.
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