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Das nicht krisenfeste „goldene Wiener Herz“ – Gedanken zur Pandemie und der „Bassena“-Mentalität

© SNA / Alexej Witwizkij / Zur BilddatenbankWien
Wien - SNA, 1920, 26.02.2021
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Jede Gesellschaft reagiert anders auf eine Krise. Österreich wurde vom selbsternannten Musterknaben zum EU-Schlusslicht. Der dritte Lockdown könnte noch weitergehen. In kaum einem anderen EU-Land waren Schulen so lange geschlossen, aber Skilifte geöffnet. Die Krise zermürbt wie überall, aber manche dunkle Seite ist in Wien noch ein Stück dunkler.
Die österreichische Seele wurde von Profis, wie dem Neurologen und Psychiater Erwin Ringel, auf die Couch gelegt und publizistisch durchleuchtet. Vor ihm tat dies auch der geniale Schauspieler Helmut Qualtinger mit derart schwarzem Humor, dass einem beim zynischen Monolog von „Der Herr Karl“ – über Mitläufer und Täter im Dritten Reich in der damaligen Ostmark – das Lachen im Halse stecken bleibt. Unerbittlich ist seine Diagnose: Wo andere Menschen ein Rückgrat haben, da hängt für Qualtinger beim Durchschnitts-Wiener offenbar ein „Gummiringerl“, das österreichische Idiom für Gummiband. Dies war auch meine Beobachtung im Wien der 1980er und danach. Dennoch verteidigte ich all die Jahrzehnte Land und Menschen gegen die Pauschalangriffe, dass hier der Nationalsozialismus seinen Anfang genommen hätte. Wie oft musste ich, ob als Studentin in Israel oder als Außenministerin im BBC „Hard Talk“ etc., dagegen argumentieren. Dem Land zu dienen, hatte ich viele Jahrzehnte als Prämisse meines Lebens gesehen. Doch nun ist alles anders.

Die „Bassena“-Mentalität greift wieder um sich

Infolge medialer Hetze und offener Drohungen, entschloss ich mich im letzten Herbst, mein Land in Richtung Frankreich zu verlassen. Dass versucht wird, mir die wirtschaftliche Lebensgrundlage zu entziehen oder so schwierig wie möglich zu gestalten, damit konnte und kann ich umgehen. Schwerer tat und tue ich mich aber mit einem Hass, der mitunter Züge einer regelrechten Hexenjagd trägt. War es die Pandemie, die offenbar wieder die schlimmsten oder die wahren Seiten in den Menschen zum Vorschein bringt? Oder handelt es sich um eine Konstante in der Geschichte meines Heimatlandes? Angesichts meiner harten persönlichen Erfahrungen bediene ich mich des Begriffs der „Bassena“-Mentalität, um die möglichen Ursachen zu beschreiben.
Die Bassena ist ein altes österreichisches Wort für jene Wasserstelle, wo einst in den Wohnhäusern die Menschen ihr Wasser holten, also quasi der Dorfbrunnen im Haus. Und hier wurden Bösartigkeiten in die Welt gesetzt, Gerüchte gestreut, nahm die Vernichtung von Leben ihren Anfang. Wer anders ist, zieht rasch den Unmut der Bassena-Weiber auf sich (im Deutschen vielleicht am besten mit „Waschweiber“ und ihrem Geschwätz umschrieben). Denunzieren und Diffamieren beherrscht diese Spezies virtuos. Diese Eigenschaften sind meiner Wahrnehmung nach wieder oft in Wien und Umgebung anzutreffen. Die Bassena steht heute aber auch in so manchem Großraumbüro. Ich fragte mich schon während meiner Studienzeit, warum das Gedankengut des Nationalsozialismus von dieser Stadt so stark geprägt wurde; warum nicht Sizilianer oder Hanseaten die kritische Masse für die NS-Ideologie lieferten?
Umweltverschmutzung (Symbolbild) - SNA, 1920, 01.02.2021
Luxusgut Stromversorgung oder Tanz auf dem Vulkan
Meine selbstgestrickte These, die ich mir als Antwort gab, ist folgende: Es hat wenig mit Ideologie, aber sehr viel mit Mentalität zu tun. Und ein Teil dieser Mentalität spielt sich an der Bassena ab. Es braucht etwas Mut, Charakterfestigkeit und auch Rückgrat, anstelle eines Gummibands, um nicht am allgemeinen Gesellschaftsspiel des „Vernaderns“ mitzumachen. Noch so ein typisch österreichisches Wort. Es geht dabei um einen Vorläufer des Mobbings. Schon vor Jahrzehnten überraschte mich, wie einem vom Gegenüber, breit angelächelt, bereits drei Messer in den Rücken gerammt werden, bevor das erste Wort gesprochen wurde, natürlich nur im übertragenen Sinne. Eine Auseinandersetzung direkt auszutragen, ist nicht der Stil im Land der Harmoniesucht. Hier wird intensiv gemauschelt, anstatt mit klaren Karten gespielt. Man brüllt sich auch nicht an, das tut man vielleicht in Berlin oder in Palermo, in Wien wird gesäuselt und die gute Stimmung beschworen. Die Vernichtung erfolgt geräuschlos. Alles ist wunderbar und alles ist undurchsichtig.

In Österreich wird nicht revoltiert, sondern man arrangiert sich

Die Revolte ist in Österreich nicht zu Hause. Hier arrangiert man sich lieber. Diese Duckmäuserei, um bloß nicht Position zu ergreifen, so erklärte mir einst der Kärntner Historiker Helmut Rumpler, sei auf die Erfahrung der Österreicher mit der Gegenreformation im 17. Jahrhundert zurückzuführen. Also einmal den Aufstand gewagt, dann wieder mit Gewalt unter den Habsburgern zum Katholizismus konvertiert. Wer es nicht tat, musste emigrieren.
Beerdigung des iranischen Nuklearphysikers Mohsen Fakhrizadeh in Teheran am 30. November 2020 - SNA, 1920, 02.12.2020
Das iranische Atomprogramm und ein weiteres Attentat
Andersdenkende zu vertreiben, ist eine alte österreichische Tradition. Die 1930er Jahre führten zum großen Exodus, wer nicht rechtzeitig das Land verließ, würde spätestens ab 1938 einen sehr hohen Preis bezahlen. Als ich 1985 in Jerusalem in einem Hospital arbeitete, traf ich einige der Vertriebenen unter den Patienten und ihren Angehörigen. Manche hatten noch ein verklärtes Verhältnis zu ihrem untergegangenen Mitteleuropa, andere sagten mir aber ziemlich klar, dass sie nie wieder nach Wien zurückwollten, denn die Boshaftigkeit ihrer Nachbarn würde ihnen ewig in den Knochen sitzen.

Das goldene Wiener Herz einst und jetzt

Jahrzehnte später geistert wieder eine sehr bedrückende Stimmung durch das Land. Kaum eine europäische Volkswirtschaft ist derart vom Tourismus abhängig. Bleibt dieser aus, verfallen ganze Viertel zu Geistersiedlungen. Streift man in der aktuellen Nebelsuppe durch die ausgestorbene Innenstadt, dann ist diese Friedhofsruhe zwischen den verwaisten Hotels und gesperrten Wirtshäusern und Cafés zum Greifen spürbar. Vom oft besungenen goldenen Wiener Herz, das die kommerzialisierte Gastfreundschaft ausmacht, ist kaum etwas übrig. Rar sind die Menschen, die einen mit ihren Augen anlächeln, nicht mürrisch darauf hinweisen, dass die Maske schief sitzt oder die Hundeleine sie stört.
Wien rangiert stets im Ranking der Städte mit hoher Lebensqualität, zugleich scheiterten aber Versuche, die „Besten“ über diverse Rot-Weiß-Rot-Karten ins Land zu holen – das österreichische Gegenstück zur Green Card. Denn wie schwer es sein kann, sich im Wiener Dickicht als Unternehmer oder Zugereister zurecht zu finden, hat sich auch herumgesprochen. Der sprichwörtliche Wiener „Grant“, also die schlechte Laune, schreckt ab. Und die Leute werden zunehmend grantig und aggressiv. Das Wiener Herz versteinerte immer dann, wenn es darauf ankam. Gehässigkeit und eine ganz spezielle Boshaftigkeit sind auch Teil von diesem Wien, das sonst die Gemütlichkeit umarmt.

In Österreich können Theaterdirektoren Regierungskrisen auslösen

Österreich ist das Land der Musik und des Theaters und weniger der Bücher. Ein Theaterskandal wie einst 1988 wegen des Stücks „Heldenplatz“ von Thomas Bernhard interessiert die Menschen mehr als ein handfester Wirtschaftsskandal. Und Theaterdirektoren können Regierungskrisen provozieren. Die immanente Korruption, die in den Gemeinden beginnt und sich in alle Etagen des Landes fortsetzt, interessiert kaum. Der größte Finanzskandal Deutschlands, der Fall „Wirecard“, wurde von den Österreichern Markus Braun und Jan Marsalek verursacht. Sie finanzierten Parteien in Österreich, ob die ÖVP oder die oppositionellen Neos. So manche Redaktion behauptet dann aber mit spitzer Feder, dass die Spuren im Skandal zu mir in meiner Ministerzeit führen würden. Das ist österreichischer Journalismus. Es wird gestreut, behauptet, herumgetratscht, wie einst an der Bassena.
Saudische Aktivistin Loujain al-Hathloul (Archivbild) - SNA, 1920, 14.01.2021
Die tapferen Frauen in Saudi-Arabien
Gespielt und inszeniert wird weit über die Bühnen der Opern und Festivals hinaus. In Wien unterwegs zu sein, ist wie ein Gratisbesuch im Theater. Denn fast alle spielen ihre Rollen, manche devot auf eine geradezu bedrückende Art und andere dramatisch laut mit viel Pathos. Die Skala dazwischen bietet eine große Bandbreite, in der getratscht, beklatscht und geschlagen wird. Die Drehbücher sind mäßig, es fehlen jene mit Witz und Bildung, mit denen man wirklich geistreich auf hohem Niveau „blödeln“ kann. Übrig geblieben ist vielerorts nur mehr Zynismus, doch nicht jener intelligente, wie ich ihn aus Paris oder London kenne, sondern eher einer, der sich vor allem in menschlicher Kälte äußert.

Österreich, die Stammesgesellschaft

Wer auf der richtigen und wer auf der falschen Seite der Geschichte steht, das bestimmen in Österreich einige wenige. Es ist eben ein kleines Land, in dem alle einander kennen, einander Bälle zuspielen oder eben andere von außen erst gar nicht mitspielen lassen. Diese Cliquen ziehen sich durch sämtliche Milieus und Parteien. Wer als Individuum versucht, sich außerhalb dieser klar abgesteckten Reviere beruflich zu erfinden, der wird bald an seine Grenzen stoßen. Wien und eigentlich Österreich im Allgemeinen funktioniert nach archaisch anmutenden Regeln. Wie Stämme bilden sich um Parteien, Bünde, Gewerkschaften, Kammern und teils auch noch Familien Netzwerke, zu denen nur Auserwählte Zutritt erhalten, und wenn sie in Ungnade fallen, werden sie ebenso rigoros verstoßen.
Der EU-Beitritt 1995 hat an dieser archaischen Funktionsweise nichts geändert. Im Gegenteil, all das Geld, das aus Brüssel ins Land floss, musste wieder verwaltet und verschoben werden. Die Sümpfe wurden nicht trockengelegt, sondern sind noch tiefer geworden und stinken zum Himmel, aber es regt kaum jemanden auf. Das Spiel geht weiter. Auch hier bestimmten einige die Verteilung an den Futtertrögen. Die Wiener Traditionsbälle haben sich teils ihre alte Eleganz erhalten, und hier logiert so manche der Cliquen in ihren Logen über Generationen hinweg. Aufträge werden einander zugeschoben, Parteispenden besprochen, Posten vergeben, Nichten und Neffen werden mit Ämtern und einfach nur Jobs, vom Praktikum bis zum Firmenchef, versorgt. Der Filz hält das System des Mittelmaßes zusammen. Kennen, nicht können, lautet die Devise. Dass nun Wirtschaft und Politik am Boden liegen, sollte niemanden verwundern.

Bürgerrechte nicht verstanden

Der große österreichische Volksdichter Nestroy hat mit seinen bösen Possen die Zensur des Wiener Vormärz, also vor der Revolution von 1848, gewieft umgangen und seiner Zeit den Spiegel vorgehalten. Einen solchen bräuchte Österreich in diesen Monaten, wenn immer neue bizarre Verordnungsentwürfe im Parlament vorgelegt werden. Sie strotzen nicht nur vor orthographischen und grammatikalischen Fehlern, sondern leiden vor allem an schweren juristischen Defiziten.
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„Millionen herausgeschleudert“: Die Kosten der Anmeldeplattform „Österreich testet“
Der Vorwurf der Unfähigkeit der Politiker ist dann wohl auch zu Recht oft rasch bei der Hand. Doch die handelnden Personen sind oft Getriebene und von einer völlig herabgewirtschafteten Verwaltung abhängig. Ich weiß aus eigener Erfahrung um die schlechte Qualität so mancher Entscheidungsgrundlage. Daher will ich nicht vorrangig das Argument der Unfähigkeit ins Treffen führen. Was mir vielmehr angesichts der Wiener Situation großes Unbehagen bereitet, ist die Menschenverachtung, die regiert und administriert. Wer Menschen nicht mag, ist für viele Aufgaben einfach nicht geeignet.

Die Renaissance der „Volksgesundheit“ in Österreich

Demonstrationen gegen die Lockdowns werden unter dem Titel der „Volksgesundheit“ verboten. Dieser Begriff ist zwar das deutsche Gegenstück zum englischen Wort „public health“, doch der Missbrauch eben dieses Themas „Volksgesundheit“ im Nationalsozialismus, wo sich vor allem die österreichische Psychiatrie grausam hervortat, sollte eher nicht auf die Weise bedient werden, wie dies die Wiener Behörden derzeit machen. Die Grünen, die sonst als Sprachpolizei mit ihren medialen Strafzetteln unterwegs sind, haben in der aktuellen österreichischen Regierung überhaupt kein Problem, das Thema „Volksgesundheit“ so oft es geht als Argument gegen Versammlungsfreiheit ins Treffen zu führen. Bei manchen Debatten habe ich den Eindruck, dass einem nicht unwesentlichen Teil der Gesellschaft die Restriktionen nicht weit genug gehen. Sie wünschen sich viel härtere und längere Lockdowns. Wenn es zutrifft, dass ein österreichischer Germanist, der für Maoismus und China schwärmt, die deutschen Konzepte im Bundesinnenministerium zum Lockdown redigierte, dann schließt sich auf eine geradezu absurde Weise ein Reigen der Österreicher, die in Deutschland aufstiegen und viel kaputt machten.

Gegen wen oder was Österreicher demonstrieren und gegen wen oder was eben nicht

Als am 10. Dezember, just zum Uno-Welttag der Menschenrechte, ein Verordnungsentwurf des grün geführten österreichischen Gesundheitsministeriums den Zugriff der Polizei auf private Wohnräume vorsah, demonstrierte niemand spontan vor dem Gesundheitsministerium oder dem Parlament. Während meiner Ministerzeit wurde mehrmals pro Woche vor dem Büro so laut demonstriert, dass man Gespräche kaum mehr führen konnte. Es wurde gejohlt und gespuckt, wenn ich auf dem Weg aus dem Ministerium daran vorbeiging. Der Grund für diesen Hass blieb mir immer verborgen und ein Rätsel. Umso mehr, weil die Demonstranten von einst heute die Aushebelung der Grundrechte im Namen der „Volksgesundheit“ befürworten. Eine Handvoll oppositioneller Parlamentarier musste stundenlang auf die Verfassung hinweisen, um eine Abänderung des Entwurfs aus dem Haus von Gesundheitsminister Anschober (Grüne) zu erreichen. Diskussion dazu gab es weder im öffentlich-rechtlichen Rundfunk oder in anderen Redaktionen, die mittlerweile Teil staatlich finanzierter Kommunikation sind. Zudem schien dieses Thema die meisten Leute, die ich darauf ansprach, gar nicht zu interessieren.
Eine derartige Abgestumpftheit verdutzte mich dann doch. Bürgerliches Denken ist in Österreich schon lange auf dem Rückzug. Der Citoyen konnte sich über die Jahrhunderte offenbar kaum durchsetzen, es verharrte vielmehr der Untertan in den Amtsstuben und in den Cafés, wo man ante 1938 noch geistreich diskutierte, seither ist es aber recht flach und fad geworden. Nun sind auch diese geschlossen und viele werden gar nicht mehr aufsperren.
Touristen im Skiort Kitzbühel, 19. Januar 2021 - SNA, 1920, 27.01.2021
Österreich
Corona-Krise trifft Tourismus in Österreich schwer
Vielleicht ist dieser Mangel an Bürgersinn ein Grund, warum ich mich mittlerweile in einem kleinen Dorf in Frankreich wohler fühle, denn es gibt immer noch einen gewissen Esprit und ein Freiheitsgefühl, das ich in Österreich nicht mehr spüre. Diskretion anstelle der Waschweiber-Neugier, auf die ich in meinem Geburtsland allerorts treffe, ist ebenso ein Grund für mich, den Rückzug anzutreten. Die Franzosen pflegen allen Problemen zum Trotz das alte Lebensmotto, das mir sympathisch ist: Leben und leben lassen.
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