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Zeichen der Trauer, des Zusammenhalts und der Wut: Der Anschlag von Hanau und seine Folgen

© SNA / Ruben KindelGedenkdemo Hanau Wedding
Gedenkdemo Hanau Wedding - SNA, 1920, 22.02.2021
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In deutschen Städten sind letzten Freitag und Samstag mehrere tausend Menschen auf die Straße gegangen, um an den Hanauer Anschlag vor einem Jahr zu erinnern. Sie demonstrierten gegen Rassismus, Polizeigewalt und den Umgang der Behörden mit dem Fall. Allein in Berlin versammelten sich über 10.000 Menschen. SNA beleuchtet Hintergründe und Folgen.
Anlässlich des Jahrestags des Hanauer Attentats vom 19.02.2020 gab es deutschlandweit verschiedene Veranstaltungen und Zeichen zur Erinnerung an die Opfer und gegen Rassismus wie Rechtsextremismus. Am Freitag wurden in Hessen neben Mahnwachen in umliegenden Städten eine zentrale Trauerfeier mit Bundespräsident Steinmeier sowie auf dem Marktplatz eine Kundgebung in Hanau durchgeführt. Bundeskanzlerin Merkel, die Bundesparteien (bis auf die AfD) und Verbände solidarisierten sich öffentlich mit den Opfern und Angehörigen.
Eintracht Frankfurt gedachte vor dem Top-Spiel gegen den FC Bayern München mit seinen Aufwärmjacken den Opfern, beim Torjubel von Amin Younes zeigte er die Jacke mit dem Namen und Konterfei Fatih Saraçoğlus.
In verschiedenen Städten gab es um den Jahrestag Kundgebungen und Demonstrationen: in Frankfurt (über 3000 Teilnehmer:innen), Hamburg (über 2000), Leipzig, Köln (über 400) und Stuttgart. In der Hauptstadt versammelten sich Freitag dezentral an drei Orten insgesamt über 3000 Menschen, am Folgetag kamen weit über 10.000 zu einer Demonstration zusammen. Neben der Erinnerung an den Anschlag gab es auch viel Kritik und Protest: Es wurden Polizei, Behörden und der Rassismus in Deutschland angeprangert, der diese und weitere rassistische Angriffe erst möglich machen würden.
Gedenkdemo Hanau Wedding - SNA, 1920, 19.02.2021
Ein Jahr Anschläge von Hanau: Gedenkkundgebungen in Berlin
Neun Menschen mit Migrationshintergrund verloren am 19.02.2020 in Hanau ihr Leben; sie fielen dem 43-jährigem Täter Tobias R. zum Opfer, der anschließend noch seine Mutter ermordete. Fünf weitere wurden teilweise schwer verletzt. Nach über einem Jahr fragen sich die Familienangehörigen und Bekannten der Opfer immer noch, ob ein solcher Anschlag hätte verhindert werden können. Mit der Initiative „19. Februar Hanau“ kämpfen sie um Gehör und versuchen ihren Kindern, Eltern oder Freunden Gerechtigkeit zu verschaffen.

Der schreckliche Verlauf eines Attentats

Der rassistisch motivierte Anschlag ereignete sich in der Tatnacht an mehreren Tatorten rund um Heumarkt und Kesselstadt in Hanau. So eröffnet der Täter um 21:50 Uhr das Feuer in der Bar „La Votre“ und später in der Shisha-Lounge „Midnight Bar“. Der Attentäter erschießt als erstes Kaloyan Velkov (33 Jahre) im „La Votre“. Fatih Saraçoğlu (34 Jahre) treffen vier Kugeln, als dieser auf der Straße steht und eine Zigarette raucht. In der „Midnight Bar“ stirbt Sedat Gürbüz (29 Jahre), der ehemalige Besitzer derselben. In dieser kurzen Zeit ermordete der Täter bereits drei Menschen. Eine Minute, nachdem das erste Opfer um 21:55 Uhr starb, gingen auch die ersten Notrufe bei der Polizei ein. Doch auch wenn viele Menschen nachweislich mehrfach die 110 wählten, kommen im Zeitraum zwischen 21:55 Uhr und 22:09 Uhr lediglich fünf Anrufe durch.
Einer dieser Anrufenden ist Vili Viorel Păun, welcher ebenfalls ins Kreuzfeuer des Täters gerät. Anstatt zu fliehen, entschließt er sich, dem Täter mit seinem Auto zu folgen, sich ihm in den Weg zu stellen und zu versuchen, ihn aufzuhalten. Seine Verfolgung endet auf dem Lidl Parkplatz – dort erschießt der Täter Păun. Dem 21-Jährigen wurde aufgrund seiner Zivilcourage ein Denkmal an dieser Stelle errichtet, welches an seinen Mut erinnern sollte. Die Eltern von Vili Viorel Păun fragen sich dennoch, ob ihr Sohn hätte leben können, wenn der Notruf durchgegangen wäre und die Polizei ihn davon hätten abhalten können, den Täter zu verfolgen.
Tobias R. fuhr anschließend weiter nach Kesselstadt und griff dort als fünften Tatort einen Kiosk an. In diesem erschoss er Mecedes Kierpacz (35 Jahre), Ferhat Unvar (23) und Gökhan Gültekin (37 Jahre). Andere Anwesende wurden schwer verletzt oder schafften es, sich in Sicherheit zu bringen. So auch Kim Schröder, welche ebenfalls versuchte, Hilfe zu holen. Als der Anschlag stattfand, war die 25-Jährige im vierten Monat schwanger; sie sagte gegenüber dem „Spiegel“:

„Als er in der Arena Bar nebenan angefangen hat zu schießen, bin ich aus dem Ladenfenster gesprungen, habe drei Autos angehalten, habe gesagt, da ist ein Amokläufer, meine Freunde verbluten, ich bin schwanger, die sind alle einfach weitergefahren.“

Der Täter war zum letzten Tatort, der „Arena Bar“, weitergezogen. In dieser erschoss er Hamza Kurtović (22 Jahre) und Nesar Hashemi (21 Jahre). Auch verletzte er mehrere Menschen. Etris Hashemi, der Bruder von Nesar, war ebenfalls in der „Arena Bar“ vor Ort. Verletzt musste er zusehen, wie sein Bruder an diesem Abend starb. Der Notausgang der „Arena Bar“ war an diesem Abend versperrt: Eine Fluchttür, die Leben hätte retten können. Der Täter fuhr zuletzt weiter zu seinem Zuhause, wo er schließlich seiner Mutter und sich selbst das Leben nahm. Sein Vater wurde unverletzt am Tatort von der Polizei gefunden, als die Behörden um 03:03 Uhr die Wohnung von Tobias R. stürmten.
Auch wenn nicht alle der Opfer die deutsche Staatsbürgerschaft besaßen, so waren doch alle in Hanau zuhause. Ihre Angehörigen und Freunde seien immer noch schockiert. Als Reaktion auf die Tat entstand bereits wenige Tage nach dem Anschlag die Initiative „19. Februar Hanau“, welche nicht nur Gerechtigkeit und Aufklärung über die Tat fordert, sondern auch einen Zusammenhalt zwischen den betroffenen Familien generiert.
Eine Mahnung gegen das Vergessen des Attentats. - SNA, 1920, 20.02.2021
Lautstark erinnern an Hanau: Tausende demonstrieren gegen Rassismus

Versagen der Behörden?

Bis heute kursieren Fragen, welche nicht beantwortet werden können. Durch viele Investigationen von Medien oder Recherchen der Betroffenen selbst, weiß man, dass auch die verantwortlichen Behörden nicht alles getan haben, um das Leben der Getöteten besser zu beschützen. So gingen nur fünf Anrufe beim Polizei-Notruf durch. Nur zwei Leitungen waren frei an diesem Abend, während eine davon auch nicht durchgängig besetzt war. Auch eine Rufumleitung hätte es am 19. Februar 2020 nicht gegeben. Die Frage, weswegen der Notausgang der „Arena Bar“ verschlossen war, konnte bis heute nicht beantwortet werden.
Außerdem stellte sich vermehrt die Frage, wie es dem Täter Tobias R. möglich war, legal an eine Schusswaffe zu kommen. Nachweislich mit Schizophrenie diagnostiziert, hatte der Sportschütze mehrere Strafanzeigen wegen Drogenhandel und Brandstiftung vor dem Anschlag in seiner Akte stehen. So zeigte der Lebenslauf bereits viele Warnungen. Auch der Fakt, dass der Täter verschwörungstheoretische und rechte Aussagen reproduzierte, war zumindest dessen Angehörigen bekannt.
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