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Wissenschaftsstreit: Querdenker-Demos als Super-Spreader?

© REUTERS / Kai PfaffenbachQuerdenker-Demo in Stuttgart (Archivbild)
Querdenker-Demo in Stuttgart (Archivbild) - SNA, 1920, 15.02.2021
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Eine Studie behauptet, dass zwei große Querdenker-Demos in Leipzig und Berlin „Superspreading-Events“ waren und die Corona-Zahlen in der Region nach oben schnellen ließen. Ein Statistik-Professor und ein Mathematiker bezeichnen die Studie nun als wissenschaftlich „groben Unfug“ und als „statistisch verbrämte Propaganda“.
Das Leibniz-Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) hat zusammen mit der Berliner Humboldt-Universität eine Studie zu zwei großen Querdenken-Demos in Berlin und Leipzig im Herbst letzten Jahres publiziert. Das Fazit der beiden Autoren ist, dass es allein durch diese zwei Veranstaltungen zu 16.000 bis 21.000 Mehr-Infektionen kam. Die sogenannten Querdenker, die in der Studie durchgehend als „Covid-19-Leugner“ bezeichnet werden, hätten durch ihre Demonstrationen stark zur Ausbreitung des Coronavirus in der Region beigetragen, behauptet die Studie. Damit würde sich der Vorwurf der Gegner solcher Veranstaltungen bestätigen, die vor „Superspreading-Events“ warnten.
Ein Schild mit dem Verbot der Querdenker-Demo am 30. Dezember ist in der Frankfurter Allee in Berlin zu sehen - SNA, 1920, 10.02.2021
„Wären die abgesagt worden...“: Forscher verbinden Querdenker-Demos mit bis zu 21.000 Infektionen
Auch wird in der Studie ein Zusammenhang hergestellt zwischen der Anzahl an „Covid-19-Leugnern“ in einem Ort und dem Anstieg der Sieben-Tage-Inzidenz in den betreffenden Städten. So heißt es in der Studie:

„Orte mit einer hohen Konzentration an ‚Covid-19-Leugnern‘ erlebten einen steileren Anstieg an Covid-19-Fällen … Unsere Studie belegt, dass eine radikale Minderheit ein ernsthaftes Risiko für die gesamte Bevölkerung darstellen kann.“

„Grober Unfug“

Gegen diese Studie und deren Methoden regt sich nun Widerspruch nicht etwa von „Corona-Leugnern“, sondern von der eigenen Zunft der Studienautoren – von anderen Wissenschaftlern.
„Auf jeden Fall grober Unfug sind die 21.000 Mehrinfektionen“, sagt Statistik-Professor Walter Krämer von der Uni Dortmund dem „Nordkurier“. Diese gewaltige Zahl sei das Ergebnis eines „ausgefeilten statistischen Modells“, das auf Schätzungen beruhe und somit erhebliche Zufallsfehler enthalte.
„Die angeblich 21.000 Mehrinfektionen sind nicht im wahren Leben tatsächlich beobachtet worden, sondern das Artefakt eines statistischen Modells.”
Statistik-Professor Krämer stört sich gegenüber dem „Nordkurier“ auch am durchgängig benutzten Wort „Covid-19-Leugner“ und der damit vorgegebenen politischen Stoßrichtung:

„Die Autoren gehen mit einem deutlichen Vorurteil an die Studie heran. Daraus machen sie auch gar keinen Hehl.“

„Die Studie hat eine eindeutige politische Schlagseite“

Der Mathematiker Prof. Thomas Rießinger hält die Studie ebenfalls für wissenschaftlich nicht valide und im Ton politisch motiviert. So wird in der Studie behauptet, dass es einen Zusammenhang zwischen AfD-Sympathien und der Corona-Inzidenz gebe. Dazu meint Prof. Rießinger gegenüber dem „Nordkurier“:
„Wenn es einen Zusammenhang zwischen politischer Präferenz und Inzidenz gäbe, muss man auch gegenkontrollieren: Wie sind die Zahlen denn in grün beherrschten Vierteln? Wie ist es denn in links beherrschten Vierteln?“
Das sei aber nicht geschehen, so Rießinger:
Die Studie hat eine eindeutige politische Schlagseite. Man hat das als Input hineingesteckt, was man am Ende herausfinden wollte.“

Wenig Input für weitreichende Aussagen

Grundlage der Berechnungen der Studienautoren waren angenommene Zahlen eines Busunternehmens, das Demonstranten aus ihren Heimatregionen abgeholt und nach Berlin und Leipzig gefahren hatte. Prof. Rießinger sagte dazu dem „Nordkurier“:

„Sie haben keine Ahnung, wie viele Leute in den Bussen saßen, sie wissen auch nicht, in welcher Weise sie in den Bussen saßen. Sie wissen über diese Busse gar nichts – außer, dass es Haltestellen an verschiedenen Orten gab. Das ist für meine Begriffe als Input für so weitreichende Aussagen ein bisschen wenig.“

„Statistisch verbrämte Propaganda“

In der Studie wird außerdem behauptet, dass ein Großteil der Demonstranten, wie auch der AfD-Wähler, allgemein Impfgegner seien. Grundlage für diese Behauptung ist den Autoren vor allem eine Umfrage, in der 84 Prozent der Teilnehmer von Querdenken-Demos angaben, sich nicht gegen Covid-19 impfen lassen zu wollen. „Könnte es sein,“ fragt Prof. Rießinger,

„dass selbst überzeugte Impfanhänger – zu denen auch ich gehöre – keineswegs generell etwas gegen Impfungen haben, sondern nur ein gesundes Misstrauen einem Impfstoff entgegenbringen, der in unglaublich kurzer Zeit entwickelt und nach dem Urteil vieler Fachleute keineswegs ausreichend getestet wurde? Wer hier vorsichtig ist, ist nicht automatisch Impfgegner, sondern eben vorsichtig.“

Für den Mathematiker ist die Studie insgesamt nicht wirklich ernst zu nehmen.
Das ist statistisch verbrämte Propaganda“, so Prof. Rießinger zum „Nordkurier“.
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