Registrierung erfolgreich abgeschlossen!
Klicken Sie bitte den Link aus der E-Mail, die an geschickt wurde

„Ich habe gebetet“: In der Pandemie verlässt sich die Regierung auf Gott – und die Friseure

© AFP 2020 / JOHN MACDOUGALLEin gesperrter Friseuersalon in Berlin
Ein gesperrter Friseuersalon in Berlin - SNA, 1920, 15.02.2021
Abonnieren
Nach der jüngsten Bund-Länder-Konferenz, die den Lockdown bis zum 7. März verlängert, den Inzidenzwert auf 35 gesenkt und die Öffnung der Friseure beschlossen hat – all das ohne plausible Erklärung – haben viele vom prominenten TV-Talk eine Erläuterung erwartet, was das alles zu bedeuten hat. Diese blieb aber aus.
Die Zusammensetzung der Diskussionsrunde am Sonntagabend bei „Anne Will“ war überaus hochkarätig: Vizekanzler Olaf Scholz, Bayerns Ministerpräsident Markus Söder, FDP-Chef Christian Lindner und die Grünen-Ko-Vorsitzende Annalena Baerbock … Wer, wenn nicht sie wären berufen, dem Bundesbürger die Pandemiepolitik zu erläutern beziehungsweise eine Alternative dafür zu skizzieren, wie das Land aus dem Teufelskreis der nicht enden wollenden zermürbenden Lockdowns endlich ausbrechen soll.

Die stotternde Kanzlerin

Immerhin geht der Anteil der Befürworter der Corona-Maßnahmen der Regierung in den letzten Wochen dramatisch zurück, während der Anteil derjenigen, die diese nicht mehr unterstützen wollen, inzwischen kontinuierlich steigt. Als Chef einer Oppositionspartei hätte Lindner die Gelegenheit nutzen müssen, um einen konstruktiven Alternativplan zu der einfallslosen Regierungsstrategie zu bieten.
Dennoch begnügte sich der FDP-Spitzenpolitiker hauptsächlich mit Fragen zu den jüngsten Beschlüssen der Ministerpräsidenten-Konferenz, die eher rhetorisch klangen. Wie etwa: Warum gerade die Friseure jetzt wieder aufmachen dürfen und die anderen nicht? Oder: Wieso der von der Kanzlerin im Laufe der letzten Monate mehrfach bestätigte Inzidenzwert von 50 pro 100.000 Einwohnern innerhalb einer Woche jetzt auf einmal auf 35 gesenkt wurde?
Da wirkte das eingespielte Video mit Merkels Äußerungen zum neuen Inzidenzwert durchaus entlarvend: Nicht einmal sie konnte nämlich sagen, wie lange diese Kennziffer gelten muss, bis weitere Lockerungen in Frage kommen würden: „Mindestens drei Tage. Fünf bis drei, oder drei bis fünf“, stotterte sie nach dem Treffen mit den Ministerpräsidenten vor Journalisten. „Aber Sie können von mindestens drei Tagen ausgehen." Einen Tag später erklärte sie in einem ZDF-Interview, die neue Kennziffer müsse 14 Tage lang konstant registriert werden. Alles zusammen – eine ziemlich prägnante Illustration für die Unbeholfenheit der „mächtigsten Regierungschefin der Welt“.

„Wir verlieren unsere Kinder!“

Anders als Lindner versuchte Oppositionspolitikerin Baerbock resoluter aufzutreten und mehr Punkte zu sammeln. „Wir verlieren unsere Kinder!“, behauptete sie. Mit diesem emotionalen Aufschrei wollte sie das nach ihrer Einschätzung blamable Praktizieren des Distanzunterrichts an den Schulen charakterisieren. „20 Prozent der Kinder in unserem Land wurden nicht mehr erreicht. Die verlieren komplett den Anschluss“, erzählte die Politikerin. Besonders desolat sei die Situation bei den Grundschülern und Kindern aus unterbemittelten Familien. Deshalb müsste schnellstens ein „Bildungsrettungsfonds“ gegründet werden. Aus diesem könnten unter anderem Lehramtsstudenten finanziert werden, die Grundschullehrer unterstützen würden. Außerdem müssten Selbsttests für Lehrer und Schüler endlich her.
Lindner griff das Thema „Schnelltest“ sofort auf und mahnte:

„Frau Will, ich habe den Eindruck, dass die gewisse Schläfrigkeit, die es beim Impfen gegeben hat, sich jetzt gerade wiederholt bei der Frage, inwieweit die Selbst- und Schnelltests verwendet werden.“

Olaf Scholz verkörperte in der Sendung die Ruhe selbst (um nicht zu sagen – Selbstgefälligkeit) und versicherte, dass die Regierung eine „gut abgewogene Strategie“ umsetze und alles unter Kontrolle habe. Auch was die Schnelltests anbelangt – da sei die Regierung „gerade dabei“, diese zuzulassen, in ausreichenden Mengen zu produzieren und anzuwenden. Warum dies in Österreich geschehen ist und in Deutschland noch nicht, wollte Baerbock wissen. „Gerade damit haben sich der Gesundheitsminister und ich in den letzten Tagen sehr intensiv beschäftigt“, lautete die Antwort des Vizekanzlers.
Impfzentrum in Berlin - SNA, 1920, 08.02.2021
„Ältere Menschen weinen in Impfzentren“: Wird Berlin einen Corona-Strategiewechsel wagen?

„Ein Skandal!“

Die einzige Teilnehmerin der „Anne Will“-Runde, die nicht aus der Politik kam, war die „Spiegel“-Journalistin Melanie Amman, die auch versucht hat, die Diskussion in eine dramatisch-kritische Richtung zu lenken. Damit musste sie faktisch die Arbeit machen, für die eigentlich Anne Will bezahlt wird. Von Amman kamen nämlich die giftigsten Pfeile in Richtung Scholz und Söder – und damit erledigte sie faktisch die Aufgabe, die den anwesenden Oppositionspolitikern zustand.
Zum Problem der Schnelltest-Knappheit meinte Amman nämlich: „Die Tatsache, dass der Schnelltest nicht, wie etwa in Österreich, für normale Bürger verfügbar ist, ist ein Skandal. Auf das verstrichene Pandemie-Jahr zurückblickend stellte die Journalistin fest:

„Im gesamten letzten Jahr wurden wir nicht regiert, sondern das Regieren war ein reines Reagieren. Es gab keine längerfristige Planung, die über einige Wochen oder Monate hinausging.“

Eine der Ursachen dafür sah sie darin, dass die bisherigen Fehler, Fehleinschätzungen und Fehlgriffe in der Pandemie-Politik so gut wie niemand persönlich verantworten musste: „Wir erleben ein Verschwimmen der Verantwortung.“
Auch Angela Merkel hat von der „Spiegel“-Journalistin reichlich Kritik abbekommen: „Da habe ich den Eindruck, dass sie sich so zurückgezogen hat in diese Expertise, kann man positiv sagen, kritisch könnte man sagen – Fachidiotentum, dass es ihr einfach nicht gelingt, den einfachen Leuten zwischen diesen Statistiken Hoffnungsschimmer und Perspektive zu geben.“
Politisch könnte dies schlecht enden, prophezeite sie:

„Wenn man sich dann einbunkert und nur auf die Zahlen schaut, dann laufen dir die Leute davon. Und das werden wir sehen, glaube ich.“

Der aus Bayern zugeschaltete Ministerpräsident Söder meinte dagegen, er sei „froh“, dass Angela Merkel das Land in dieser Krise führe, und ließ keinen Zweifel an seiner Loyalität gegenüber der Kanzlerin und ihrer Pandemie-Politik zu.

„Ich habe mir vor Weihnachten bei mir in Bayern riesige Sorgen gemacht, wie es weitergehen wird“, gestand er. „Ich war manchmal am Rande der Verzweiflung und habe gebetet in der Zeit.“

Die umstrittenen Maßnahmen hätten aber dank der Bereitschaft der Bevölkerung sehr gut gewirkt. „Hätten wir nichts unternommen, hätten wir wohl 1000 Todesfälle mehr zu beklagen gehabt“, fügte er hinzu.
Ob die Regierung auf diese Bereitschaft der Bevölkerung noch lange rechnen kann, bleibt abzuwarten. Zumindest bei den meisten Friseuren hat sie sich wohl jetzt Unterstützung gesichert. Wenigstens das.
Newsticker
0
Um an der Diskussion teilzunehmen,
loggen Sie sich ein oder registrieren Sie sich
loader
Chats
Заголовок открываемого материала