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Was ist rassistisch an „Mentalität“? – Wissenschaftler wollen Lehre ohne politische Agenda

© CC0 / Alexas_FotosMeinungsdruck (Symbolbild)
Meinungsdruck (Symbolbild) - SNA, 1920, 11.02.2021
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70 Wissenschaftler aus dem deutschsprachigen Raum haben sich zu dem „Netzwerk Wissenschaftsfreiheit“ zusammengeschlossen. Sie monieren eine „zunehmende Verengung von Fragestellungen, Themen und Argumenten in der akademischen Forschung“. SNA interviewte dazu Sandra Kostner, Sprecherin des Netzwerks.
Sandra Kostner ist Leiterin des Masterstudiengangs „Interkulturalität und Integration“ an der Pädagogischen Hochschule (PH) Schwäbisch Gmünd und Sprecherin des „Netzwerk Wissenschaftsfreiheit“. Gegründet wurde das Netzwerk von Kostner und dem Historiker Andreas Rödder (Universität Mainz), der Politologin Ulrike Ackermann (John-Stuart-Mill-Institut), der Philosophin Maria-Sibylla Lotter (Universität Bochum) und dem Juristen Martin Nettesheim (Universität Tübingen).
In einer Pressemitteilung zur Gründung des Netzwerks schreiben die Wissenschaftler, dass vielerorts an den Universitäten ein Klima entstanden sei, in dem abweichende Positionen und Meinungen an den Rand gedrängt und moralisch sanktioniert würden: „Cancel Culture und Political Correctness haben die freie und kontroverse Debatte auch von Außenseiterpositionen vielerorts an den Universitäten zum Verschwinden gebracht.“
– Frau Kostner, Sie haben gemeinsam mit 70 Kollegen von deutschen Hochschulen das „Netzwerk Wissenschaftsfreiheit“ gegründet. So wollen Sie sich für ein freiheitliches Wissenschaftsklima einsetzen. Daraus leitet sich ab, dass dies aktuell nicht mehr gegeben ist?
Ja, das ist in einigen Fachbereichen nicht mehr gegeben. Es ist kein flächendeckendes Phänomen. Es gibt verschiedene Fachbereiche, so wie die ganzen MINT-Fächer (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft und Technik), die relativ wenig oder gar nicht davon betroffen sind. Aber die Geisteskulturen und Sozialwissenschaften – viele unserer Gründungsmitglieder kommen aus diesem Bereich – sind zunehmend stärker davon betroffen. Das sind Trends, die in den USA entstanden sind, die sich aber auch immer mehr in Deutschland zeigen: eine weltanschauliche Normierung der Vorstellung von dem, was man als Wissenschaft in diesem Bereich noch betreiben kann.
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– Wie wirkt sich das in der Praxis aus?
Teilweise sehr subtil. Es passiert ganz vieles unter dem Radar. Wer nicht im System selbst drinnen ist, nimmt das nicht wahr. Viele, die das wahrnehmen, schweigen lieber, weil sie einen starken moralischen Druck verspüren. Gender, Zuwanderung, Islam – das sind ja gerade die umstrittensten Themen. Wenn sich jemand zum Beispiel kritisch zum Thema Gendersternchen äußert, merkt er: Da ist ein moralischer Druck, du bist eigentlich ein schlechter Mensch. Da wird dann kommuniziert, dass man Frauen- oder Trans-feindlich sei. Dadurch erfolgen oft subtile soziale Ausgrenzungen und das Gefühl, nicht offen ansprechen zu können, wo an dem Punkt meine Probleme damit liegen, oder warum ich das nicht gut finde. Obwohl das bei weitem nicht heißt, dass jemand etwas gegen die gleichen Rechte von Frauen oder auch Transsexuellen oder Transgender hat.
Sie haben ja schon gesagt, dass diese Trends im angelsächsischen Raum entstanden sind und dann nach Deutschland herüberschwappten. Wie kam es also zu diesem Zustand hierzulande, wer profitiert davon?
Diejenigen, die es sich selber zur Aufgabe gemacht haben, Wissenschaftsfreiheit dazu zu nutzen, ihre Weltanschauung durchzusetzen – indem sie einen ganz klaren Forschungskorridor vorgeben. Oder auch in der Lehre sehr stark politische Botschaften senden. Das wäre an sich nicht unbedingt das Hauptproblem, wenn sie andere Weltanschauungen zulassen würden. Aber das ist eben in Teilen nicht der Fall.
Sehr vieles bekommt man berichtet, wenn man wie ich, oder auch andere in unserem Netzwerk, öffentlich Stellung bezieht. Ich habe über die Jahre Tausende von Zuschriften bekommen. Da haben auch Studierende geschrieben, sie seien von Dozierenden niedergemacht worden. Sie hatten den Eindruck, ab diesem Moment bekamen sie auch schlechte Noten und wurden von anderen ausgegrenzt. Weil sie eine ganz bestimmte politische Haltung, die sie als vorgegeben erlebt haben, nicht mitgetragen haben.
Einer hat mir mal geschrieben, er habe in einem Seminar das Wort „Mentalität“ verwendet. Daraufhin wurde er von der Dozentin niedergebrüllt, sie wolle so ein rassistisches Wort in ihrem Seminar nie mehr hören. Dann fragte er nach – er war noch mutig genug –, was denn rassistisch an dem Begriff sei? Eine Erklärung gab es nicht, nur die Ansage, das sei rassistisch und sie wolle das nicht mehr hören. Danach hatte er nicht mehr das Gefühl, dass er in diesem Seminar noch etwas frei sagen konnte. Es war ein Pflichtseminar, und er hat es im Grunde abgesessen.
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– Da muss ich aber selbst nachfragen: Was ist denn rassistisch an dem Begriff „Mentalität“?
Man ist überrascht. Ich habe dann auch nachgefragt und es war so, wie ich es mir gedacht hatte: „Mentalität“ verweist darauf, dass nicht alle Menschen gleich denken und dass es Unterschiede zwischen kulturellen Gruppen gibt. Das ist zwar empirisch der Fall, darf aber weltanschaulich nicht mehr sein. Dann ist die Empirie, die Realität nicht mehr wichtig, die muss sich gnadenlos der Weltanschauung unterordnen. Und das wird eben mit dem Mittel der Moral gemacht. Dann wird gesagt: Das ist rassistisch, das darf man nicht mehr sagen.
Erklärtes Ziel von vielen dieser Akteure ist aber doch, sich für Minderheitenrechte und gegen Faschismus, Rassismus und andere extreme Weltansichten einzusetzen. Dagegen ist doch nichts einzuwenden, oder?
Grundsätzlich ist überhaupt nichts dagegen einzuwenden. Wir im Netzwerk teilen das ja. Keiner von uns setzt sich für Rassismus oder Faschismus ein – ganz im Gegenteil. Das Problem ist aber: Eigentlich wird hier umgekehrter Rassismus und umgekehrter Faschismus gefördert, das ist denen oft nicht klar. Das sind ja nicht nur diejenigen, die „Weltanschauungskrieger“ sind, sondern es sind dann ja auch sehr viele Gutmeinende dabei, die natürlich gegen Rassismus sind.
Wenn es aber bedeutet, dass ich alle Menschen nur noch nach ihrer Hautfarbe beurteile, wenn ich gegen Rassismus bin, dann ist das doch Rassismus oder Sexismus pur. In Australien ist es mittlerweile schon der Fall: Du darfst dich als weißer Mann im Seminar nur melden, wenn sich sonst niemand meldet. Ansonsten unterdrückst du alle anderen – alleine durch deine Anwesenheit als männliches weißes Wesen.
Was für praktische Konsequenzen ergeben sich dann im Wissenschaftsbetrieb aus dieser ideologisch geprägten Debattenkultur?
Das ist nicht in allen Geisteswissenschaften das Gleiche. Das hängt wirklich auch immer davon ab, ob die „Agendawissenschaftler“ – Leute, die Forschung und Lehre nutzen, um die Welt nach ihrem Weltbild zu gestalten – in den einzelnen Fachbereichen eine kritische Masse erreicht haben. Wenn die in der Minderheit sind, üben sie diesen moralischen Druck nicht auf die anderen aus. Diese kritische Masse kann unterschiedlich groß sein, es liegt ja auch immer am Gegenüber, ob man sich unterdrücken lässt: It takes two to tangle.
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Wenn die aber erreicht ist, dann ist das Klima verengt. Es wird schwieriger, Perspektiven einzubringen, wenn sie gegen dieses Weltbild gehen – egal wie valide die auch sein mögen, wie gut die auch empirisch unterfüttert sind. Dann wird eben Druck erzeugt, in Teilen moralischer Druck, soziale Ausgrenzung.
Aber es ist auch zu beachten: Über 83 Prozent der Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler in unserem System sind befristet beschäftigt. Das bedeutet eine enorme Abhängigkeit. Diese Wissenschaftler sind davon abhängig, dass sie weiterhin Verträge bekommen, oder es auf einen unbefristeten Vertrag schaffen. In den Sachbereichen, in denen die „Agendawissenschaftler“ dominieren, ist es für alle mit einer abweichenden Meinung oder einer anderen Forschungsausrichtung im Grunde schon unmöglich geworden weiterzukommen. Und das wissen die Jüngeren auch.
Wir wollen auch einmal die Folgen untersuchen. Noch sind es Hypothesen: Wer studiert überhaupt noch bestimmte Fächer, wer bricht relativ schnell ab? Wenn dann unter Umständen von unten nur noch diejenigen in den Fachgebieten vertreten sind, die die „agendawissenschaftliche“ Haltung teilen, kommt natürlich oben irgendwann bei den Lehrenden nichts Anderes mehr an. Dann sind ganze Fachgebiete davon dominiert, und wir haben es nicht mehr mit Wissenschaft, sondern mit Politik zu tun. In einem funktionaldifferenzierten System muss es eine klare Trennung geben. Wissenschaft ist dazu da, der Gesellschaft Erkenntnis zur Verfügung zu stellen und nicht machtpolitisch zu wirken – dafür haben wir die Politik.
© Foto : privatDr. Sandra Kostner
Dr. Sandra Kostner - SNA, 1920, 11.02.2021
Dr. Sandra Kostner
Wie war die Rückmeldung auf das „Netzwerk Wissenschaftsfreiheit“ bisher?
Sehr interessant. Wir haben schon sehr viele Zuschriften von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern bekommen, die Mitglied werden möchten. Vereinzelt auch Zuschriften von Studierenden, die froh sind, dass es endlich auch sichtbar Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler gibt, die eine andere Haltung vertreten und die ihnen die Freiräume gewähren. Das ist ja das Wichtige. Auch mir ist das wichtig. Ich will meine Studierenden nicht in irgendeine Richtung vorprägen. Ich versuche Inhalte möglichst offen zu präsentieren, so dass sie selber Argumente entwickeln und in verschiedenste Richtung auch ausprobieren können, wie ich für eine Position argumentieren kann, welche Belege ich für eine Position habe – ohne sie in eine Richtung zu drängen. Junge Menschen sollen gerade in unseren Fachbereichen lernen, unabhängig und kritisch zu denken. Wenn ich aber den Korridor vorgebe, nehme ich ihnen ja genau die Möglichkeit, zu der wir die Universität geschaffen haben.
In dem Manifest auf ihrer Homepage listen Sie auch Ziele und Aktivitäten auf. Was ist jetzt als nächstes geplant?
Da wir wachsen werden, müssen wir uns natürlich strukturell auch anders aufstellen. Absehbar ist eine Überführung in eine institutionalisierte Form, wie einen Verein, geplant. Inhaltlich haben wir zwei Säulen. Die eine ist: Wir unterstützen Kolleginnen und Kollegen, die von Eingriffen in ihre Wissenschaftsfreiheit betroffen sind. Wann wir aktiv werden, hängt davon ab, ob es entsprechende Fälle gibt. Die andere ist: Wir möchten selber ja auch mit gutem Beispiel vorangehen und zeigen, dass man multiperspektivisch an Themen herangehen kann. Und dass man alles auf einer Sachebene argumentativ austragen kann, ohne auf die persönliche Diskreditierungsebene zu gehen. Wir wollen auch Debattenformate durchführen, wo wir verschiedenste Perspektiven zusammenbringen und dann auf einer sachlichen Ebene nach der Maxime des besten Arguments debattieren.
Das komplette Interview mit Dr. Sandra Kostner, Sprecherin des „Netzwerks Wissenschaftsfreiheit“ zum Nachhören:
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