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Die „beste Impfung gegen Covid-19“ – oder eine fragwürdige Therapie?

© CC0 / Wilfried Wende / PixabaySelbstimpfung (Symbolbild)
Selbstimpfung (Symbolbild) - SNA, 1920, 11.02.2021
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Er hat sich, seine Familie und Freunde – insgesamt 64 Menschen – mit der „besten Impfung gegen Covid-19“ geschützt. Dafür wurde der Mediziner Winfried Stöcker prompt verklagt, weil er keine Genehmigung für eine klinische Studie erhalten hatte. Was genau lief da ab?
Winfried Stöcker ist Mediziner, Honorarprofessor in Lübeck und Professor im chinesischen Wuhan, wo die Pandemie ihren Ausgang nahm. Er ist auch der Mann, der laut eigenen Aussagen über „die beste Impfung gegen Covid-19“ verfügt. Um das unter Beweis zu stellen, hat er das gemacht, wozu sich schon mancher Forscher in dieser Pandemie und auch in vorpandemischen Zeiten verlockt fühlte: Im Mai 2020 hat er seinen eigenen Impfstoff an sich selbst getestet und danach die Antikörper-Konzentration in seinem Blut untersucht. Für Stöcker ist das keine technische Hürde, denn er ist zugleich auch der Gründer der Labordiagnostik-Firma Euroimmun, zu deren Kerngebiet solche Untersuchungen gehören.
Das Ergebnis, das Stöcker prompt publizierte: Sein Impfstoff hatte ihn immun gegen das Virus gemacht, das weltweit für Unruhe sorgte. In der Folge sollte der Mediziner fünf weitere Personen und später sogar noch zusätzliche 59 auf diese Weise behandeln und impfen. Aber was hatte der Mann eigentlich gemacht?
Er hat dort angesetzt, worauf die Mehrzahl der Forscher weltweit sich konzentriert hatte: auf das sogenannte Spike-Protein, das auf der Oberfläche des SARS-CoV-2 sitzt und diesem den Eintritt in menschliche Zellen erlaubt. Sieben der elf gegenwärtig zugelassenen Impfstoffe immunisieren gegen diesen Bestandteil des SARS-CoV-2, die anderen vier sind sogenannte Tot-Impfstoffe, bei denen mit dem ganzen Erreger geimpft wird.
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Doch die Ansätze, die gegen Spike impfen, unterscheiden sich noch einmal voneinander in den Wegen, die man eingeschlagen hat, um das zu erreichen. Es kann in harmlosen Viren zum Einsatz kommen, das die RNA-Information in lebende Zellen des Impflings trägt und diese zu dessen Produktion anregt, wie bei Sputnik V aus Russland, Astra Zeneca aus Großbritannien oder Covishield aus Indien. Es kann auch ausschließlich das Stück mRNA in Körperzellen eingeschleust werden, das die Produktion des Proteins anregt, wie bei den Impfstoffen von Biontech, Moderna oder Curevac. Und es kann auch komplett außerhalb des Körpers hergestellt werden, in gentechnisch veränderten Kulturzellen. Man bezeichnet es dann als rekombinantes Protein.
Stöcker hatte sich für den letzten Ansatz entschieden. Er hatte sich ein rekombinantes Protein gespritzt, genau genommen das Stück des Spike-Proteins, das für das Andocken an menschliche Zellen verantwortlich ist, die „Receptor Binding Domain“ (RBD). Die Idee dahinter: Dieses Stück ist unabdingbar für das Virus. Wenn es mutiert, kann es nicht mehr an Zellen andocken, das Virus infiziert Menschen nicht mehr und ist ungefährlich. Deswegen sollten solche Impfungen gegen SARS-CoV-2 wirken, egal wie stark das Virus ansonsten mutiert.
Stöcker ist mit dieser sowohl simplen als auch genialen Idee nicht der einzige weltweit: Einer der zugelassenen Wirkstoffe, das russische Epivaccorona, beruht auf demselben Prinzip. Zwei weitere befinden sich in der Phase-III-Studie und könnten ebenfalls bald zugelassen werden. Aber bei Stöckers Impfstoff ist etwas anders. Da gab es die klinische Studie nie. Es gibt „nur“ ein Ermittlungsverfahren wegen des Verdachtes eines Verstoßes gegen das Arzneimittelgesetz.
Den Hintergrund des Verfahrens bilden weitere Impfungen innerhalb Stöckers Familie und auf ausdrückliche Bitte auch einiger Freunde und Kollegen. Ausschlaggebend war aber laut Stöcker ein Schreibfehler, denn der Mediziner hatte versehentlich in einem Beitrag die Menschen, denen er den Impfstoff verabreicht hatte, als „Probanden“ bezeichnet, was auf den ersten Blick auf eine klinische Studie hinweist, die er aber nicht durchgeführt hat.
Aber was hat Stöcker da eigentlich gemacht? Er bezeichnet sein Vorgehen als „Therapie“. Er dürfe als Arzt laut Gesetz zusammenmischen, was er für richtig halte – so sein Argument. Angetrieben hat ihn offensichtlich aber auch etwas ganz anderes: eine Bürokratie, die Abläufe auch noch in Notlagen aus seiner Sicht unnötig verlangsamt – und die Entwicklung von Impfstoffen, zu denen weniger Erfahrungen vorlägen als bei rekombinanten Protein, wie den mRNA-Impfstoffen und die überdies aufwendiger zu produzieren und zu lagern seien. Dagegen könnte mit seinem Ansatz mit einem 2000-Liter-Behälter in nur einem halben Jahr Impfstoff für 80 Prozent der Bevölkerung Deutschlands produziert werden.
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Aber das Paul-Ehrlich-Institut (PEI), das er laut eigenen Angaben um eine Genehmigung gebeten hatte und das für die Bewilligung verantwortlich ist, soll stark zeitverzögert reagiert und ihn sogar wegen der fünf geimpften Personen verklagt haben. Stöcker führt ebenso die Möglichkeit ins Spiel, dass es hier darum gehen könnte, anderen Antragstellern einen Vorteil zu verschaffen, denen man sich verpflichtet fühlt. Hat sich hier die Pharma-Industrie verschworen?
Es könnte auch viel banaler sein: Experten zufolge habe Stöcker zwar in einem Punkt Recht: Als Arzt darf man so ziemlich alles machen, bis hin zu mittelalterlichen Methoden wie Aderlass, wenn man nicht gerade nachweislich tödliche Gifte verabreicht. Bei solchen Therapien können auch die Grenzen zu einer Studie schon mal verschwimmen. Aber 64 dokumentierte Heilversuche als eine Therapie auszugeben, sei eigentlich kaum möglich, argumentieren die Kritiker Stöckers. Dass das PEI sich nicht bei Stöcker gemeldet hatte, könne auch einen anderen Grund haben, nämlich dass er wegen der eingereichten Daten ignoriert worden sei. Dafür würde zumindest der Umstand sprechen, dass es über 20 Impfstoffe auf Basis von rekombinanten Proteinen gibt, die sich in den Phasen I bis III klinischer Studien bewegen.
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