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„Ältere Menschen weinen in Impfzentren“: Wird Berlin einen Corona-Strategiewechsel wagen?

© REUTERS / Pool / Sean GallupImpfzentrum in Berlin
Impfzentrum in Berlin - SNA, 1920, 08.02.2021
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So, wie sich die TV-Talks bei ARD und ZDF in letzter Zeit gestalten, wirken sie eher als optimales Schlafmittel zur späten Sendezeit: Zum Thema Corona lassen sich die (meist immer gleichen) Teilnehmer kaum etwas Neues einfallen. Der waghalsige Strategiewechsel in Wien etwa – Lockerungen trotz hoher Inzidenz-Zahlen – wurde jedenfalls ignoriert.
Dabei hätte das Thema der Sendung am Sonntagabend: „Schwindendes Vertrauen ins Corona-Krisenmanagement – was muss jetzt passieren?“, durchaus Spielraum für spektakuläre Initiativen, sensationelle Vorschläge und sonstige Gedankenblitze geliefert. Immerhin verändert sich die Stimmungslage in der Bevölkerung angesichts der monotonen und nicht enden wollenden Lockdowns in die negative Richtung, und da muss jetzt eben etwas „passieren“.

„Jede Corona-Strategie hätte besser abgeschnitten als die aktuelle“

Die aus Erfurt zugeschaltete Expertin Cornelia Betsch, Professorin für Gesundheitskommunikation, die einen wöchentlichen Umfrage-Gradmesser für die psychische Lage der deutschen Bevölkerung in der Corona-Krise überwacht und analysiert, stellte fest: „Die psychologische Großwetterlage ist beunruhigend.“ Und: „Jede Corona-Strategie hätte besser abgeschnitten als die aktuelle.“
Die Bevölkerung brauche dringend einen „Strategiewechsel als Motivationspush“, schlussfolgerte die Professorin. Sie nahm sogar das Wort „Zündstoff“ in den Mund, um die Gefährlichkeit der jetzigen Stimmungslage zu beschreiben. Das Besorgniserregendste dabei ist: Immer mehr Menschen, „die eigentlich die Regeln befürworteten“, vertrauen jetzt den von der Regierung beschlossenen Maßnahmen nicht mehr. Erstmals hätte sich ein Vertrauensschwund im vergangenen Herbst bei dem in mehreren Bundesländern verhängten „Beherbergungsverbot“ abgezeichnet, seit dem Zeitpunkt gehe es in puncto Vertrauen kontinuierlich bergab.
Dennoch deutet fast alles darauf hin, dass die für den Mittwoch geplante nächste Bund-Länder-Runde die momentan geltenden Corona-Einschränkungen unverändert verlängern wird – voraussichtlich um mindestens weitere zwei Wochen. Bundesgesundheitsminister Jens Spahn war zu einem zwölfminütigen „Einzelgespräch“ mit der Talkmasterin zugeschaltet (CDU) und argumentierte so: „Ich weiß, alle haben eine Sehnsucht nach irgendetwas, das dann für sechs oder zwölf Monate hält. Aber das geht nicht. Das Virus ist zu dynamisch.“
ARD-Show Anne Will (Archivbild) - SNA, 1920, 01.02.2021
„Dicke Fehler gemacht“: Eine trostlose Show bei „Anne Will“ – trotz rosaroter Krawatte

„Ältere Menschen weinen in den Impfzentren“

Einen „Motivationsschub“ hätte es etwa gegeben, wäre genügend Impfstoff dagewesen, was leider nicht der Fall ist. Bei der Impfstoff-Beschaffung sei aber, wie man jüngst von Angela Merkel gehört hat, „im Großen und Ganzen nichts schiefgelaufen“. Bei „Anne Will“ unterstützte der Minister diesen Standpunkt. Mehr noch: Ohne seinen Einsatz wäre die Situation noch katastrophaler gewesen, hieß es.

„Ich behaupte, einen Vertrag mit Biontech/Pfizer gibt es unter anderem deswegen, weil wir aus dem Bundesgesundheitsministerium so vehement immer wieder aufs Neue Druck gemacht haben“, sagte Spahn.

Die Ministerpräsidentin von Mecklenburg-Vorpommern, Manuela Schwesig (SPD), bewertet die Sache völlig anders: Die Impfstoff-Knappheit sei „keine Kleinigkeit“. Das Problem könne man „weder schönreden, noch unter den Teppich kehren“.

„Ältere Menschen weinen in den Impfzentren, weil sie froh sind, dass sie Impfstoff bekommen haben, und betteln, dass das auch für andere Familienmitglieder geht“, erzählte Schwesig.

„Das Impfstoff-Kapitel ist ein bedrückendes“, stimmte ihr Journalist Georg Mascolo zu. Die heutige Lage in Deutschland stelle einen krassen Kontrast zu der Stimmung im Frühling und Sommer 2020 dar, als sich das Land gerne als „Corona-Weltmeister“ präsentierte.
„Wenn wir ehrlich sind, können wir noch nicht einmal sagen, ob wir das Schlimmste hinter uns haben oder ob wir das Schlimmste noch vor uns haben“, fügte er hinzu.

„So wie jetzt kann man nicht weitermachen“

Da es an dem Sonntagabend bei „Anne Will“ keine Virologen oder Epidemiologen gab, die sicherlich für eine bedingungslose Fortsetzung der Einschränkungen plädiert hätten, dominierten in der Runde Stimmen von denjenigen, die sich für eine zumindest leichte Lockerung des Lockdown-Würgegriffs einsetzten. Viel Neues dazu hörte man allerdings nicht. So meinte die Linke-Ikone Sahra Wagenknecht, man dürfe „das ganze Wirtschaftsleben nicht mit der Gießkanne“ der Einschränkungen „lahmlegen“.

„So wie jetzt kann man nicht weitermachen, wenn wir nicht wirklich Millionen Menschen in den Ruin treiben wollen“, betonte die Linke-Politikerin.

Dies wird wohl stimmen, diese Gießkannen-Metapher hat man in den letzten Monaten bereits viel zu oft gehört.
Schwesigs Vorschlag lautete: „Wir müssen einen Perspektivplan erstellen, und zwar einheitlich und anhand von Inzidenzen, und nicht einfach den Lockdown nochmal verlängern.“ Dies würde die Möglichkeit bieten, einzelne Wirtschaftsbereiche schrittweise zu öffnen, sagte die Politikerin. Das klingt gut, aber auch viel zu pauschal und ebenfalls nicht neu.
Der russische Corona-Impfstoff (Gam-COVID-Vac) - SNA, 1920, 05.02.2021
Von „Maßnahmen wie im Mittelalter“ und „Sputnik V“ als Lichtblick

Der Wiener Hasardeur

Etwas radikal Neues hat man dagegen aus Wien vernommen: Dort treten Lockerungen in Kraft – obgleich die Inzidenz-Zahlen momentan genauso hoch sind wie in Deutschland. Geschäfte, Friseure und Museen, aber auch Schulen dürfen ab Montag wieder öffnen.
Aus der sinkenden Bereitschaft der Bevölkerung, den Einschränkungen zu folgen, hat die Regierung in Wien einen überraschenden Schluss gezogen: Dann soll man eben lockern.
„Es macht keinen Sinn, in einem strikten Lockdown zu verharren bei gleichzeitig sinkender Bereitschaft der Bevölkerung mitzumachen“, äußerte Österreichs Bundeskanzler Sebastian Kurz in einem Interview für „Welt am Sonntag“. „In den letzten beiden Wochen sind unsere Ansteckungszahlen nicht mehr gesunken, weil sich immer weniger Leute an die Vorschriften halten und sich wieder nach mehr Freiheit sehnen.“
Die Lockerungen sollten jedoch keinesfalls als Entwarnung aufgenommen werden, appellierte er an die Bevölkerung der Alpenrepublik. Denn im Falle einer rapiden Zunahme der Inzidenz-Zahlen würden die Lockerungen wieder schnell zurückgenommen, betonte Kurz.
Da es in der deutschen Bundesregierung, aber auch in den Landesregierungen keine derartigen Hasardeure gibt, ist auch nicht zu erwarten, dass sich Berlin an Wien in dieser Frage Beispiel nehmen würde. Kurz‘ Vorstoß wurde am Sonntagabend bei „Anne Will“ auch mit keinem Wort erwähnt, was die Diskussion zweifellos belebt hätte. Insofern wird man wohl die Zuschauer bei den nächsten deutschen TV-Talks zum Thema Corona mit den gleichen frommen Wünschen einlullen wie bisher.
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