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Von „Maßnahmen wie im Mittelalter“ und „Sputnik V“ als Lichtblick

© SNA / Pawel BedniakowDer russische Corona-Impfstoff (Gam-COVID-Vac)
Der russische Corona-Impfstoff (Gam-COVID-Vac) - SNA, 1920, 05.02.2021
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Die TV-Talks bei ARD und ZDF erinnern immer stärker an die berühmte Hollywood-Komödie „Und täglich grüßt das Murmeltier“, in der der Hauptheld jeden Morgen am selben Tag und Ort aufwacht. Bei den Talkshows dreht es sich Monat für Monat um den Lockdown („ja“ oder „nein“). Auch die Hauptakteure wiederholen sich. Nur witzig ist es längst kaum noch.
Auch die Rollenverteilung bei den TV-Talks ist seit eh und je bekannt: Die einen sind für Lockerungen, die anderen dagegen. Die Story bewegt sich aber nicht vom Fleck und dreht immer wieder die gleichen Runden. Zugeben muss man allerdings, dass auch die deutsche Corona-Realität weitgehend auf der Stelle tritt. Und ein Durchbruch zum versprochenen Happyend ist nicht in Sicht.
Der Durchbruch war nämlich bereits vor Monaten mit dem langersehnten Start der Impfkampagne versprochen worden. Der Start der Impfungen war aber „eine einzige Enttäuschung“, konstatierte die Moderatorin Maybrit Illner bei ihrem TV-Talk am Donnerstagabend.

„Die Menschen auf die Palme gebracht“

„Das, was oben erzählt wird, und das, was wir sehen, stimmt nicht überein“, beklagte sich der Studiogast Stephan Pusch, Landrat vom Kreis Heinsberg. Und dies habe „die Menschen auf die Palme gebracht“.

Die zunehmende Bewegung der Deutschen hinauf auf die Palme widerspiegelt sich auch in den Umfragen: Erstmals seit dem Beginn der Pandemie vor genau einem Jahr ist die Zahl derjenigen, die mit den Corona-Maßnahmen der Regierung nicht zufrieden sind, höher als die der Befürworter.
„Die Stimmungslage im Lande: Verdruss, Ärger, Enttäuschung“, hieß es im Einspieler zu Beginn der Sendung.
Gesundheitsminister Jens Spahn erklärte dieses neue Phänomen mit einer eleganten Formulierung: „Wir hätten mehr Erwartungsmanagement machen müssen.“ Der Minister ist auch derjenige, der für schrittweise Lockerungen plädierte – wenn auch zaghaft.
Bundeskanzlerin Angela Merkel war und ist allerdings strikt dagegen. Sie will aber auch kein Versagen bei der Impfstoff-Anschaffung sehen. „Ich glaube, dass im Großen und Ganzen nichts schiefgelaufen ist“, erklärte sie in einem eingeblendeten Interview-Ausschnitt. „Wir bekommen das, was versprochen wurde.“
Solche Aussagen feuern sicherlich immer mehr Bundesbürgerinnen und Bundesbürger zum Aufstieg auf die erwähnte Palme an. Denn mittlerweile gilt es als nachgewiesen, dass die EU beim Impfstoff-Ankauf dramatische Fehler begangen hat. Markus Söder (CSU), Bayerns Ministerpräsident und Merkels möglicher Nachfolger, distanzierte sich vehement von diesem brenzligen Thema: Er selbst habe „ehrlich gesagt nicht verstanden“, warum das Kaufverfahren ein derart schmerzliches Fiasko war, dieses Verfahren sei „so detailliert nie“ kommuniziert worden. Wenige Tage vorher hatte auch Wirtschaftsminister Peter Altmaier beim „Anne Will“-Talk Abstand vom Impfstoff-Mangel-Drama genommen: „Ich war nicht dabei, als die Verträge ausgehandelt wurden.“
Mitarbeiterin eines Impfzentrums in Dillenburg - SNA, 1920, 29.01.2021
Deutschland in Sachen Impfstoff: „Krachend zwischen den Stühlen gelandet“

„Maßnahmen wie im Mittelalter“

Auch Hamburgs Erster Bürgermeister Peter Tschentscher (SPD) wies bei „Maybrit Illner“ vorsichtshalber jede Schuld von sich: Den Ländern sei früh genug mitgeteilt worden, sie sollen bis zum 15. Dezember 2020 ausreichend Impf-Zentren für massenhafte Impfungen bereithalten.

„Da standen wir alle Gewehr bei Fuß, und dann ging es sehr, sehr spärlich los“, erzählte er.

Dennoch setzten sich Söder und Tschentscher in der Sendung resolut für eine Lockdown-Verlängerung ein. Zu den Politikern gesellte sich auch die Virologin Jana Schroeder, zugeschaltet aus Münster. Die entpuppte sich als überzeugte Vertreterin der neuen „No-Covid“-Strömung, indem sie angesichts des Ansturms von immer neuen Virus-Mutanten für einen noch schärferen „kurzen, deutlichen Lockdown“ plädierte. Im Endeffekt sollten die Inzidenzzahlen bei nahezu Null landen.
Landrat Pusch gefiel das nicht – er gab deutlich zu verstehen, dass für ihn eine Lockdown-Verlängerung keine Selbstverständlichkeit ist.

„Manchmal hat man den Eindruck in der Diskussion, wenn das Wort Mutation fällt, dann ist ein Denkverbot. Dann darfst du schon nichts mehr sagen von wegen Lockerungen, dann bist du schon derjenige, der jetzt die Leute umbringen will“, ärgerte er sich.

Eine andere Frau Schröder – die frühere Familienministerin mit einem „ö“ in der Mitte ihres Namens und mit dem Vornamen Kristina – lieferte wohl die aphoristischste Äußerung des Abends: Deutschland kämpfe mit dem Virus mit „Maßnahmen wie im Mittelalter“. Dabei verfüge die Industrienation in der Neuzeit über modernste Errungenschaften wie Schnelltests, eine App (die allerdings nicht „durch paranoiden Datenschutz kastriert“ werden sollte) und Luftreinigungsgeräte. Das „No-Covid“-Ziel sei „attraktiv, aber der Weg dahin trägt teilweise totalitäre Züge“, behauptete sie.
Lockdown in Frankfurt am Main - SNA, 1920, 25.01.2021
„Die Leute sind völlig zermürbt“: Welche Corona-Strategie ist den Deutschen noch zuzumuten?

Wirbt ZDF für russischen Impfstoff?

Bemerkenswerterweise brachte Maybrit Illner bereits in ihrer zweiten Sendung hintereinander das Thema „Sputnik V“ ins Gespräch, was bei den ZDF-Chefs wohl den Verdacht erwecken sollte, die Moderatorin würde für die schleichende Werbung bezahlt (es sei denn, Illners DDR-Vergangenheit spiele dabei eine Rolle):

„Sputnik V ist vielversprechend. Hallo! Ein russischer Impfstoff? ‚Lancet‘ schreibt: ‚91 Prozent Wirksamkeit!‘“

Die Reaktion in der Diskussionsrunde auf Illners „Werbeslogan“ klang immerhin weitgehend positiv. Söder: „Wenn die EMA sagt, dieser Impfstoff ist zuverlässig“, dann solle Sputnik V auch in Deutschland in Frage kommen. „Ich höre sogar, er soll besser sein als manche Impfstoffe, die wir geimpft haben“, fügte er hinzu. Pusch ergänzte: „Die Russen waren ja nie schlechte Wissenschaftler, das muss man ja auch dazu sagen.“ Schröder darauf: „Wenn etwas im ‚Lancet‘ veröffentlicht wird, da hat man schon sehr kritisch drauf geguckt – da muss man gegenüber Sputnik aufgeschlossen sein.“
Zum Abschied kündigte die Moderatorin an, ihre Sendung in einer Woche falle aus, denn „wir haben dann irgendwie Fasching“. Eine Abwechslung zum ewigen Lockdown-Geschwafel kommt also ausnahmsweise doch. Gut so.
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