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Kritik an „Corona-Doktrin“: „Postdemokratische Propaganda des Gehorsams“?

© REUTERS / KAI PFAFFENBACHFrankfurt am Main während Lockdowns
Frankfurt am Main während Lockdowns - SNA, 1920, 03.02.2021
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Der Philosoph Robert Pfaller schreibt in Werken wie „Wofür es sich zu leben lohnt“ oder „Erwachsenensprache“ gegen eine heutige „Verbotsgesellschaft“ an. Auch an den aktuellen Corona-Maßnahmen lässt er kein gutes Haar und warnt vor einer „Verabsolutierung von Teilvernunft“.
Der Philosoph Robert Pfaller ist ein radikaler Gegner von Rauchverboten, obwohl er wegen Nebenhöhlenproblemen kaum raucht. Seine Aphorismen sind legendär, etwa: „Wir sollten nicht den Tod fürchten, sondern das schlechte Leben“ oder „Statt zu fragen, wofür wir leben, fragen wir uns nur noch, wie wir möglichst lange leben“. Geboren wurde Pfaller 1962 in Wien, lebt immer noch dort und lehrt aktuell an der Kunstuniversität Linz.

Nicht nur Corona-Tote, sondern auch Anti-Corona-Maßnahmen-Tote

Im Interview mit dem Spiegel zeigt sich der Philosophieprofessor erstaunt und beunruhigt über die „auffällige Diffamierung“ aller, die an irgendeinem Punkt Zweifel an der „offiziellen Corona-Doktrin“ zu äußern wagen. Er erklärt:
„Wenn jemand nur die Frage stellt, wie niedrig die Infektionszahlen denn sein müssten, damit wir wieder aufsperren dürften, wird er als ‚Corona-Leugner‘ beschimpft. Auch das gern gebrauchte Wort ‚Verschwörungstheorie‘ stellt das verräterische Zeichen eines Verfalls an Diskussionskultur und einer postdemokratischen Propaganda des Gehorsams dar. Die Botschaft ist so klar wie einseitig: Wer alles richtig findet, keine Zweifel hegt und nie kritisch nachdenkt, ist auf der sicheren Seite.“
Robert Pfaller
Philosoph
Im vergangenen Herbst erhielt Pfaller den Paul-Watzlawick-Ehrenring der Ärztekammer für Wien. Sein neuestes Buch mit dem Titel: „Die Einbildungen. Das Zwiespältige. Die Geselligkeit“, ist die Schriftfassung seiner Rede zur Preisverleihung. „Wir brauchen die Gesundheit, um zu leben, aber wir leben nicht für die Gesundheit“, schreibt er darin. Dieser Satz bewahrheite sich auch in Bezug auf die Anti-Corona-Maßnahmen, erklärt er und bescheinigt der österreichischen Bundesregierung im Zusammenhang mit Parolen wie „Jedes Leben zählt“ einen „eklatanten Verlust an vernünftiger Verhältnismäßigkeit“. Wenn man alles tue, um die Menschen nur vor Corona zu schützen, gefährde man damit auch ihre Gesundheit. Er warnt:
„Es gibt nicht nur Corona-Tote, sondern auch Tote aufgrund von Anti-Corona-Maßnahmen. Dieses unvermeidliche Dilemma muss man in einer Folgenabschätzung klug abwägen.“
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Kritiker gleich „rechte Spinner“?

Tatsächlich würden aber Kritiker sehr schnell als „rechte Spinner“ dargestellt. Wenn irgendwo eine Demonstration stattfindet, würde das berichtende Fernsehteam nach den verrücktesten Rechtsradikalen unter den Teilnehmern suchen. Damit gehe aber ein entscheidendes Prinzip demokratischer Debattenkultur verloren, so Pfaller.
„Nämlich, dass man versuchen muss, das Stärkste und Vernünftigste an der Position des jeweils anderen hervorzukehren. Sonst hat man ja keine Chance, in der Auseinandersetzung mit dem Gegner klüger zu werden.“
Robert Pfaller
Philosoph
Das „schmale Band der akzeptablen Meinung“ würden derzeit aber nur Angehörige der Klassen bestimmen, die nur gesundheitlich, aber nicht ökonomisch bedroht sind – etwa Angestellte, Beamte und Universitätsprofessoren, die bei vollen Bezügen im Homeoffice arbeiten. Denjenigen hingegen, deren ökonomische Existenz durch die Anti-Corona-Maßnahmen vernichtet werde, spreche man die Legitimität ihrer Stimme ab. So würde man aber der extremen Rechten in die Hände spielen und Wähler erzeugen, die bei der nächsten Gelegenheit aus Wut ihr Kreuz bei der „unappetitlichsten Option“ auf dem Stimmzettel machen werden.

Kein „teilvernünftiges Prinzip blindwütig verabsolutieren“

In Bezug auf die Einseitigkeit der Corona-Maßnahmen warnt Pfaller, dass „die Verabsolutierung von Teilvernunft“ zu „massiver Unvernunft“ führe. Er erläutert:
„Wirklich vernünftig sein bedeutet immer, auf vernünftige Weise vernünftig zu sein – und nicht ein teilvernünftiges Prinzip blindwütig zu verabsolutieren. Wie zum Beispiel den Schutz vor dem Virus. Natürlich ist es notwendig, hier etwas zu tun. Aber man muss es so machen, dass man sich im Tausch für den gewonnenen Nutzen nicht einen noch viel größeren Schaden einhandelt.“
Robert Pfaller
Philosoph
Der Satz: „Wir sollten nicht den Tod fürchten, sondern das schlechte Leben,“ von Bertolt Brecht sei heute vielleicht aktueller denn je. Oft würde den Bürgern derzeit auch bei Warnungen vor den Gefahren des Rauchens oder bei den Zugriffen der Geheimdienste auf persönliche Daten weisgemacht, dass es gerade um Leben und Tod gehen würde. Pfaller sagt warum:
„Dadurch macht man uns folgsam und einsichtig. Aber in Wirklichkeit geht es nie um Leben und Tod, denn sterben müssen wir ohnehin irgendwann. Es geht vielmehr um die Frage, wie viel von gutem Leben wir bereit sind aufzugeben, um die Erhaltung des Lebens für eine ungewisse Weile zu sichern.“
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Wofür lohnt es sich zu leben?

Aber auch die Pandemie entbinde einen nicht von der Notwendigkeit, sich die Frage zu stellen „wofür es sich zu leben lohnt“. Wer diese Frage nicht für sich selbst beantworte, sei nicht „souveräne Führungskraft“, sondern nur „Sachbearbeiter“ seines Lebens. Er bleibe dann mit dessen bloßer Erhaltung beschäftigt.
Dass man nach nunmehr einem Jahr immer noch keine besseren Maßnahmen kenne als die Holzhammermethode der Lockdowns, sei ein Jammer. Dass es den Regierungen aber nicht gelinge, diejenigen Menschen ökonomisch abzusichern, deren Erwerbsmöglichkeiten dadurch zerstört werden, sei ein Skandal. Pfaller kritisiert:
„Es ist erbärmlich, dass wir nicht in der Lage sind, aus all der unterschiedlich vernünftigen Kritik und Empörung das durchaus vernünftige Moment des Hilfeschreis über diese Notlage herauszuhören.“
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