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„Dicke Fehler gemacht“: Eine trostlose Show bei „Anne Will“ – trotz rosaroter Krawatte

© AP Photo / MIGUEL VILLAGRANARD-Show Anne Will (Archivbild)
ARD-Show Anne Will (Archivbild) - SNA, 1920, 01.02.2021
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Das Thema des „Anne Will“-Talks lautete: „Ein Jahr Corona – Zeit für neue Perspektiven?“ Offen bleibt, was der Sender mit dieser Überschrift erreichen wollte: Zweckoptimismus oder sadistischen Spott. Optimismus hat man bei der Sendung kaum erlebt, dafür jede Menge alte Leier, die mittlerweile wie ein Running Gag wirkt – bloß traurig.
Wirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU), der in letzter Zeit schon fast genauso oft bei den TV-Talkshows dabei ist wie der parlamentarische Corona-Guru Karl Lauterbach (SPD), wirkte mit seiner lässig gebundenen und schräg hängenden rosaroten Krawatte schon nahezu clownesk. Auch so manche Phrasen von ihm klangen wie von einem Kabarettisten ausgeliehen, wie etwa:

„Ich dachte, wir würden nach der zweiten Welle mehr wissen, viel mehr. Aber das ist leider nicht der Fall. Wir wissen: Wir haben ein Virus.“

Karl Lauterbach (Archivbild) - SNA
Karl Lauterbach
SPD

Der „Anwalt der Wirtschaft“ hat wenig Trost parat

Rechts von ihm saß Brigitte Meier, die in der besten Lage von München ein anspruchsvolles Schuh- und Modegeschäft hat, das sie allerdings – wie auch alle anderen Kleinhändler in Deutschland – im Dezember schließen musste und sich heute nach eigenen Angaben am Rande des Ruins sehe. In der Runde repräsentierte sie das notleidende deutsche Kleinunternehmertum (was man der chic gekleideten und wohlernährten Dame bei Gott nicht ansah). Wie sie gestand, sehe sie in Altmaier einen „Anwalt der Wirtschaft“ und erwarte von ihm aufbauende und hoffnungsspendende Prognosen und Zusicherungen.
Diese bleiben allerdings weitgehend aus. Stattdessen kamen aus dem Mund des Ministers abgedroschene Banalitäten wie: „Wenn wir die Geduld haben, jetzt dafür zu sorgen, dass die Zahlen richtig sinken, dann wird eine Perspektive sichtbar.“
Dass aber die „Zahlen“ (gemeint waren natürlich die Corona-Infektionszahlen) in absehbarer Zeit wirklich radikal sinken – darauf sollte man kaum hoffen, äußerte die Leipziger Virologin Corinna Pietsch, die in den neuen Virus-Mutanten aus Großbritannien und Südafrika ein besorgniserregendes Wachstumspotential sieht:

„Ungefähr ein Prozent der Infektionen sind jetzt wahrscheinlich durch Mutanten verursacht, aber das Ganze kann sich eben rasant vervielfältigen. Das wird sich pro Woche ungefähr verdoppeln.“

Wann wird man in Niedersachsen wieder tanzen?

Der aus Niedersachsen zugeschaltete dortige Ministerpräsident Stephan Weil (SPD) stieg in die Diskussion ebenfalls mit wenig aufbauenden Worten ein:

„Ich kann da niemandem zu viel Hoffnung machen.“

Stephen Weil (Archivbild) - SNA
Stephen Weil
Ministerpräsident von Niedersachsen
Richtungsweisend seien weiterhin die RKI-Statistiken und die von den Virologen vorgegebenen Orientierungskennziffern. Insofern müsse man weiterhin „strikt auf die Inzidenzzahl 50 hinarbeiten“.
Etwas Konstruktives hatte der Ministerpräsident immerhin parat, nämlich einen Stufenplan für die Lockerung von Lockdown-Regeln, der sich auf die Infektionszahlen stützen würde. Für Trauerfeiern beispielsweise sollte es keine Einschränkungen mehr geben, wenn die Zahl der Neuinfektionen unter 100 pro 100.000 Einwohner innerhalb einer Woche sinken würde. Bei einem Wert unter 50 könnten Hotels, Gaststätten und Einzelhandel – mit Hygienekonzepten, versteht sich – wieder öffnen. Erst bei einem Wert unter 25 soll es auch in den Kultureinrichtungen „Vorhang auf!“ heißen. Die Öffnung von Nachtclubs wäre erst bei einer Inzidenz unter zehn denkbar.
Dies „soll möglichst vielen Menschen ein Gefühl dafür geben, wie es denn sein kann, wenn wir bestimmte Fortschritte erreichen oder auch, wenn wir wieder Rückschläge erleiden“, fügte der Politiker hinzu. Das Konzept sei „eine Handreichung, kein Automatismus“, räumte er ein und versprach, dieses bei bevorstehenden Konferenzen von Ministerpräsidenten bei der Bundeskanzlerin vorzulegen.
Lockdown in Frankfurt am Main - SNA, 1920, 25.01.2021
„Die Leute sind völlig zermürbt“: Welche Corona-Strategie ist den Deutschen noch zuzumuten?

„Dicke Fehler gemacht“

All diese Konzepte seien allerdings bloß halbherzige Notlösungen, solange es an Impfstoffen mangelt. Und dieser Zustand wird voraussichtlich noch Wochen und Monate dauern. Als die Moderatorin den Wirtschaftsminister nach einer Erklärung fragte, wieso Deutschland beim Impfen meilenweit hinter den Nicht-EU-Ländern wie Großbritannien, USA und Israel liege, versuchte er den Eindruck zu vermitteln, sein Name sei nicht Altmaier, sondern Hase – er wisse von nichts:

"Ich war nicht dabei, als die Verträge ausgehandelt wurden.“

Wirtschaftsminister Peter Altmaier (Archivbild) - SNA
Peter Altmaier
Bundeswirtschaftsminister
Wieso der Wirtschaftsminister bei dieser hochwichtigen Angelegenheit draußen bleiben musste, hat der hohe Regierungsbeamte nicht erklärt. Diesbezügliche Ermittlungen wären nach seiner Ansicht auch fehl am Platze: „Ich finde, wir sollten vorsichtig sein mit Fehlerzuweisungen."
Nach Auffassung von Ifo-Präsident Clemens Fuest habe man bei den Impfstoff-Bestellungen „dicke Fehler gemacht“. „Der Hauptfehler war, dass man möglichst billig sein wollte“, meinte der aus München zugeschaltete Wirtschaftsexperte.
Umso teurer wird es nun bei der verspäteten Anschaffung des begehrten Impfmaterials, und zwar wird man die „dicken Fehler“ nicht nur mit zusätzlichem Geld, sondern auch mit vermeidbar gewesenen Todesfällen bezahlen müssen.
Aber auch Clemens Fuest hielt es „nicht für sinnvoll, jetzt nach Schuldigen zu suchen“. Stattdessen sollte man Pharma-Firmen Prämien für schnellere und größere Impfstoff-Lieferungen versprechen.
Fazit der Sendung also: Vorerst keine „neuen Perspektiven“ ein Jahr nach dem Pandemie-Ausbruch. Aber niemand sei daran schuld.
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