Wissenschaftler fordern gemeinsame EU-Strategie gegen Corona

© REUTERS / DADO RUVICWissenschaftler fordern gemeinsame EU-Strategie gegen Corona (Symbolbild)
Wissenschaftler fordern gemeinsame EU-Strategie gegen Corona (Symbolbild) - SNA, 1920, 28.01.2021
Eine Gruppe von Wissenschaftlern hat sich für einen europaweit abgestimmten Corona-Aktionsplan ausgesprochen. Ziel ist es, je nach Infektionslage Zonen einzurichten, zwischen denen man sich frei bewegen kann. Die aktuelle Tendenz schätzen die Experten als gut ein. Sorgen bereiten die neuen Virusvarianten.
Die Fallzahlen müssten so schnell wie möglich verringert werden, denn dies habe große Vorteile für Gesellschaft und Wirtschaft. Ein gemeinsames Handeln aller europäischen Länder werde jede nationale und örtliche Anstrengung wirkungsvoller machen, heißt es in dem Papier, das die britische Medizin-Zeitschrift „The Lancet“ veröffentlicht hat.
Zu der Gruppe gehören unter anderen Viola Priesemann vom Max-Planck-Institut für Dynamik und Selbstorganisation in Göttingen, Melanie Brinkmann vom Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung in Braunschweig, und Andreas Peichl vom ifo-Institut.

Virus kennt keine Grenzen

„Entschlossenes und koordiniertes europäisches Vorgehen gegen die Pandemie ist wegen der engen grenzüberschreitenden wirtschaftlichen Verflechtung in Europa auch aus ökonomischer Sicht erforderlich.“

Andreas Peichl
Die Mathematikerin und Statistikerin Dr. Priesemann sagte auf der Pressekonferenz zur Vorstellung des Aktionsplans am Donnerstag, dass ein europaweiter Ansatz wichtig sei, da die offenen Grenzen in Europa die Gefahr einer Ansteckung nicht national begrenzen.

Ziel: Grüne Zonen

Insgesamt gab sich die Expertin positiv und verwies auf das Infektionsgeschehen im vergangenen Sommer:

„Wenn lokale Ausbrüche konsequent eingedämmt werden, kann man sich in den nicht betroffenen Regionen frei bewegen. Dafür muss man aber konsequent testen, um solche lokalen Hotspots schnell zu entdecken und zu isolieren.“

Relativ coronafreie Gebiete könnte man beispielsweise als „grüne Zone“ kennzeichnen, schlagen die Wissenschaftler vor. Zwischen grünen Zonen dürfe man sich dann relativ frei bewegen und auch „länderübergreifend in den Urlaub fahren“, so die Virologin Prof. Brinkmann.
Für den Status einer „grünen Zone“ schlägt die Initiative einen Inzidenzwert von zehn Fällen pro 100.000 Einwohner vor. Dies sei gar nicht so schwer zu erreichen, wenn man erst einmal durch strenge Maßnahmen und eine gewisse Motivation der Bevölkerung einen gewissen Punkt, etwa einen R-Wert (Reproduktionswert) von 0,7 erreicht, an dem aus virologischer Erfahrung das Infektionsgeschehen schnell abklingt, erklärte die Virologin. Brinkmann verwies auf die Zahlen in Deutschland im letzten Sommer, als viele Landkreise sogar über Wochen null Neuinfektionen hatten.

„Wenn man mit so einem Zonenkonzept arbeitet und dafür verstärkt Schnelltests einsetzt, könnte man auf Grenzschließungen und Einschränkungen im Reiseverkehr zwischen Ländern in Europa verzichten.“

Melanie Brinkmann

Besser kurz und schmerzhaft, als lang und zäh

Die Mathematikerin Priesemann erläuterte, dass ein R-Wert von 0,9 – bei dem wir uns in Deutschland etwa befinden im Moment – zu einem rapiden Fall der Infektionszahlen in etwa einem Monat führen würde. Ein R-Wert von 0,7 würde dagegen bereits in einer Woche zu einem Sinken der Zahlen führen.

„Also besser ist es, gleichzeitig viele Maßnahmen zu beschließen und keinen halbherzigen Lockdown, wie im November. Dann dauert es kürzer, weil die Fallzahlen schneller runtergehen. Da gibt es keinen Mittelweg. Da muss man konsequent sein."

Viola Priesemann

Große Unbekannte: England-Mutante

Sorgen bereitet der Expertin die Virusmutante aus England. Nach aktuellen wissenschaftlichen Erkenntnissen könnte die Mutation den R-Wert um 0,3 bis 0,4 Prozentpunkte erhöhen.
„Das würde fast eine wöchentliche Verdopplung der Zahlen bedeuten. Selbst wenn wir durch die bisherigen Maßnahmen den R-Wert auf 0,7 senken, könnte er durch die Mutation, wenn sie sich hier ausbreiten sollte, wieder auf über 1,0 steigen.“, rechnete Priesemann vor. Der Rückgang könnte leider wieder aufgebraucht werden durch die neue Virusmutante: „Da sind wir im Moment noch im Blindflug.“
Allerdings stimmen die neuesten Zahlen aus England und Irland positiv, dass sich auch diese Virusmutante durch konsequente Maßnahmen gut eindämmen lässt.

Weitere Verbote nicht förderlich

Die Virologin Brinkmann unterstrich, dass es sich bei dieser Initiative nicht um die die „NullCovid“-Bewegung handele. Im Unterschied zu „ZeroCovid“ gehe es bei ihrem Aktionsplan nicht darum, die gesamte Wirtschaft herunterzufahren, im Gegenteil, man sollte den Lockdown klüger und effizienter gestalten. Wichtig sei vor allem, den Rückhalt der Bevölkerung zu haben, meint die Wissenschaftlerin.

„Wir glauben, dass weitere Verbote nicht förderlich sind. Man sollte den Menschen Perspektiven bieten, eben zum Beispiel mit dem Kennzeichnen von Zonen, dass zum Beispiel das gemeinsame Ziel ist, eine grüne Zone zu werden.“

Forderungskatalog mit viel Potential

Die Wissenschaftler fordern, die Zahl der Ansteckungskontakte zwischen den Menschen zu verringern, zum Beispiel Homeoffice und Online-Unterricht zu verbessern. Auch sollten „kleine, stabile soziale Blasen“ und stabile Gruppen zu Hause und am Arbeitsplatz bevorzugt werden gegenüber ständig wechselnden Kontakten.
Ansteckungen müssten auch verhindert werden durch Abstandhalten, Hygienemaßnahmen, Gesichtsmasken sowie Belüftung und Verwendung von Filtern. Die Menschen sollten geschlossene und überfüllte Räume vermeiden. Sie sollten zu Hause bleiben, wenn Symptome aufträten. FFP2-Masken müssten zur Verfügung gestellt werden für Bedürftige und für alle, die nicht von zu Hause aus arbeiten könnten.
Impfstation in Wien, 15. Januar 2021 - SNA, 1920, 21.01.2021
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Außerdem sollten kostenlose Tests an Schulen und Arbeitsplätzen angeboten werden, um Ausbrüche frühzeitig zu erkennen und Menschen zu schützen. Die Testkapazitäten müssten erhöht werden, um die Nachfrage zu decken; eine Überwachung des Abwassers müsse genutzt werden, um örtliche Ausbrüche zu erkennen. Schließlich sollten auch mehr Abstriche auf die neuen SARS-CoV-2 Varianten überprüft werden.
Der Reiseverkehr innerhalb von Staaten und über die Landesgrenzen hinweg müsse auf das Nötigste verringert werden. Tests und Quarantäne sollten von grenzüberschreitenden Reisenden verlangt werden, Tests 24 Stunden vor der Reise und Quarantäne sieben bis zehn Tage nach der Reise.
Auch müssten der Schutz und die Unterstützung von älteren Menschen und gefährdeten Gruppen verbessert werden. Niedrige Fallzahlen und insbesondere eine niedrige Dunkelziffer verringerten die Risiken der Einschleppung deutlich. Außerdem müssten Impfungen beschleunigt werden und die Produktion von Impfstoffen erhöht werden. Auch unter Geimpften müssten Ansteckungen überwacht werden, um eine mögliche Neuansteckung mit neuen Varianten so schnell wie möglich zu erkennen.
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