Streit um Nord Stream 2: Theo Sommer wirft USA „Heuchelei“ vor

© SNA / Sergey GuneevNord Stream 2 (Archivbild)
Nord Stream 2 (Archivbild) - SNA, 1920, 28.01.2021
Theo Sommer, Ex-Chefredakteur von „Die Zeit“, hält die Argumentation der USA im Streit um die Fertigstellung der Pipeline Nord Stream 2 für falsch. Den Vorwurf, Deutschland finanziere mit seinen Gaskäufen Putins Haushalt, bezeichnet er als „reine Heuchelei“.
Seit Willy Brandt 1970 das erste Erdgas-Röhrengeschäft mit Moskau durchgesetzt habe, sei Russland ein zuverlässiger Lieferant gewesen, schreibt Sommer am Mittwoch in seiner Kolumne. Selbst auf dem Höhepunkt des Kalten Krieges habe die russisch-deutsche Energiepartnerschaft funktioniert.
Der deutsche Ausstieg aus der Steinkohle, aus der Atomkraft und aus der Braunkohle würden Versorgungslücken schaffen, die nicht so rasch von erneuerbaren Energien ausgefüllt werden könnten. „Über Nord Stream 1 kamen seit 2011 jährlich 55 Milliarden Kubikmeter. Nord Stream 2 wird diesen Zustrom verdoppeln. Das ist für eine Übergangszeit auch nötig.“
Ministerpräsidentin des Landes Mecklenburg-Vorpommern Manuela Schwesig - SNA, 1920, 27.01.2021
Wütender Widerstand gegen Nord Stream 2
Der Autor verweist darauf, dass Deutschland „nicht total abhängig“ vom Gas aus Russland sei, weil nur etwa die Hälfte von dort komme. Und die Versorgung Osteuropas sei auf alle Fälle gesichert, da Gas nun im reverse flow von Westen nach Osten geschickt werden könne. Die Behauptung des mittlerweile ehemaligen US-Präsidenten Donald Trump, Berlin mache sich wegen des Erdgasgeschäfts zum „Gefangenen“ Moskaus und werde „total von Russland kontrolliert“, nennt Sommer eine „Unverschämtheit“:
„Schließlich ist es reine Heuchelei, wenn die Amerikaner uns vorwerfen, dass wir mit unseren Gaskäufen Putins Haushalt finanzieren: Sie sind selbst der zweitgrößte Importeur russischen Erdöls.“
Theo Sommer
Autor, DIE ZEIT
Die Staaten hätten 2019 rund 13 Milliarden Dollar für russisches Öl bezahlt und im ersten Halbjahr 2020 ihre Einfuhren sogar verdoppelt. „Wenn Präsident Biden von der Daumenschrauben-Strategie Trumps ablässt, sollte sich eine einvernehmliche Lösung finden lassen.“
Die Pipeline Nord Stream 2, die parallel zu der schon betriebenen Leitung Nord Stream 1 Erdgas von Russland durch die Ostsee nach Deutschland transportieren soll, ist zu mehr als 90 Prozent fertig. Im Dezember 2019 wurden die Bauarbeiten unterbrochen, nachdem US-Präsident Donald Trump Sanktionen gegen an dem Projekt beteiligte Unternehmen ermöglicht hatte. Daraufhin stiegen Unternehmen wie etwa die Schweizer Firma Allseas und die norwegische DNV GL aus dem Projekt aus.
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