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Ausblick ins Jahr 2021: „Die Inflation kommt, aber …“ – Fünf Fragen an den Finanzmarktexperten

© REUTERS / KAI PFAFFENBACHDeutsche Börse in Frankfurt am Main (Archivbild)
Deutsche Börse in Frankfurt am Main (Archivbild) - SNA, 1920, 28.01.2021
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Der harte Lockdown geht an die Substanz. Die Stimmung in den Unternehmen, vor allem im Dienstleistungssektor und im Handel, hat sich laut „Ifo“-Index massiv eingetrübt. Wie lange müssen wir noch aushalten, und wie sind die wirtschaftlichen Perspektiven? SNA stellte fünf Fragen an den Finanzmarktanalysten Folker Hellmeyer von „Solvecon Invest“.
- Herr Hellmeyer, zum Jahresauftakt hat sich die Stimmung in den deutschen Unternehmen laut „Ifo-Institut“ deutlich verschlechtert. Besonders hart getroffen ist der Dienstleistungssektor und der Bereich Handel. Ist diese Stimmung nachvollziehbar? Oder wird es bald rapide aufwärtsgehen?
Ich gehe davon aus, dass wir durch diesen administrativen Lockdown im Dienstleistungssektor derzeit mit schwächeren Sentiment-Daten wie beim „Ifo“-Index rechnen müssen. Das gilt genauso für die Market-Einkaufsmanager. Aber wir gehen auch davon aus, dass sich das Gesamtbild für die weitere Entwicklung der Konjunkturlage nachhaltig aufhellt. Ich möchte das daran festmachen, dass wir wissen, dass Corona ein temporäres Problem ist. Das wird uns insbesondere noch im ersten Quartal belasten. Nicht wie im letzten Jahr, wo der industrielle Sektor vom Lockdown getroffen war, sondern dies betrifft primär den Dienstleistungssektor. Und wenn wir Richtung Asien schauen, dann erkennen wir, was auf uns wartet, Richtung zweites Halbjahr. Wenn wir uns die derzeitigen Zahlen aus Süd-Korea oder aus China anschauen, dann sehen wir dort eine fulminante Erholung. Und ich möchte das auch festmachen an den Prognosen des IWF. Ja, Europa wurde heruntergestuft. Eben wegen eines schwachen ersten Quartals - teilweise. Zumindest gilt das für Deutschland. Im weiteren Verlauf wird aber dann eine starke Erholung erwartet. Insofern ist das für mich im Moment eine wirtschaftliche Situation, die eingetrübt ist, die aber nicht nach vorne extrapolierbar ist. Insofern darf weiter Zuversicht Raum greifen.
- Noch im Frühjahr haben Sie sich recht optimistisch gezeigt, dass das alles schnell vorbeigeht und die Wirtschaft sich schnell erholt. Jetzt ist es aber anders gekommen. Es gab gefühlt drei weitere Lockdowns. Welche folgen wird das für das Wirtschaftswachstum nachhaltig haben?
Wir werden eine recht starke Erholung haben. Analog zu der Situation, die wir im letzten Jahr gesehen haben, wo dann auch die Erholung viel dynamischer ausgefallen ist, als es von den Auguren in der Hitze des Gefechts zunächst angenommen worden war. Ich möchte darauf verweisen, dass wir Richtung zweites Halbjahr in der Weltwirtschaft und auch in Europa – unter Umständen schon Mitte des zweiten Quartals - zurückkehren werden zum Grundrausch der Weltwirtschaft von einem Wirtschaftswachstum von 2,8 bis 3,0 Prozent. Wir werden darüber hinaus Aufholeffekte bekommen aus dem Jahr 2020, aus dem industriellen Sektor. Wir bekommen als dritte Größe dann die Wirkung sukzessive der Konjunkturprogramme, die aufgelegt worden sind. Das sind zwölf Prozent der Weltwirtschaftsleistung, über die ganze Weltwirtschaft hinweg. Und wir haben zusätzlich, das gilt insbesondere für Deutschland, seit vier Jahren eine Unterinvestition. Diese war erst bedingt durch die Politik von US-Präsident Donald Trump, die Verunsicherung brachte und - was das internationale Organigramm betraf - dann im letzten Jahr durch Covid. Und Dinge müssen produziert werden, Maschinen erschöpfen sich. Ich sehe uns da in einer analogen Situation zu 2008/09, wo eben dieser Sektor einbrach, dann aber im weiteren Verlauf dynamisch ansprang. Für den deutschen Anlagenbau, Maschinenbau, Chemie ist der Ausblick perspektivisch sehr positiv und das auch über mehrere Jahre hinweg. Das wird auch durch die IWF-Prognose bestätigt.
Wir werden an den oberen Rand des Wachstums in der Weltwirtschaft laufen. Der liegt in etwa bei vier Prozent. Die IWF-Prognose im Jahr 2021 für das Welt-Bruttoinlandsprodukt ist – und daran hängt doch Europas Wirtschaft, die stark exportseitig aufgestellt ist – auf 5,5 Prozent gestellt und fürs nächste Jahr auf 4,2 Prozent. Das potenzielle Wachstum liegt um die vier Prozent, was inflationsfrei zu erreichen ist. Der Moment bleibt angespannt, die Perspektive bleibt äußerst positiv.
- Aber sehen Sie nicht das Risiko eines verlängerten Lockdowns durch eventuelle Mutationen des Virus?
Das ist möglich. Es ist nicht die präferierte Sichtweise. Aber wir sehen auch, dass die Lockdowns bei uns die ersten Wirkungen erzielen. Wir sehen in Deutschland, dass die Belegung der Intensivbetten sukzessive zurückgeht. Und Lockdowns haben Wirkungen. Wir werden eine gewisse Herdenimmunität entwickeln, auf globaler Ebene durch die Impfungen, die in den nächsten Monaten kommen. Natürlich bleiben Restrisiken. Natürlich bleibt die Frage, ob die Mutationen so gravierend sind, dass die Impfstoffe nachher nicht ausreichen. Das ist ein Risiko. Dieses Risiko setze ich bei 10 bis 15 Prozent an. Insofern ist diese positive Prognose, die ich perspektivisch offeriere, eben Ausdruck der Wahrscheinlichkeit, die ich eben dargestellt habe.
- Wie bewerten Sie aus der Finanzperspektive die Maßnahmen der Bundesregierung?
Wenn wir uns anschauen, was global passiert ist, dann sehen wir eine enorme Anstrengung aller betroffenen Länder, was ihre öffentlichen Haushalte angeht. Die antizyklische Art zu reagieren, ist die tragende Säule der Ökonomie, durch eine solche Krise zu tragen. Das ist grundsätzlich richtig. Dann sehen wir durchaus unterschiedliche Inanspruchnahmen. In der Eurozone hatten wir im Jahr 2020 ein Haushaltsdefizit von neun bis zehn Prozent der Wirtschaftsleistung, auf Grund dieser Interventionen, der Stabilisierungsmaßnahmen. Die USA lagen bei 21,5 Prozent. Da sieht Europa gut aus, auch wenn wir uns den Einbruch der Wirtschaftsleistung anschauen. Jetzt schauen wir auf Deutschland: Fünf Prozent im Verhältnis zum Haushaltsdefizit. Ist das vertretbar? Unsere Gesamtverschuldungsrate erlaubt uns diese Politik derzeit. Von daher sehe ich diese fiskalpolitischen Schritte als richtig an. Das ist auch deswegen richtig gegenüber den Bürgern, weil diese Krise ja keine ist, die aus dem Fehlverhalten der Wirtschaft resultiert. Sondern es ist erstmalig, seitdem es die Bundesrepublik Deutschland gibt, eine politisch administrierte Rezession. Damit hat der Staat auch die Verantwortung, diese tragenden Säulen der Ökonomie durch die Krise zu tragen, um dann in dem Moment, wo dieses Bedrohungsszenario, das temporärer Natur ist, abnimmt, eben in der Lage sein zu können, die wirtschaftliche Erholung voll auszuspielen. Würde man es hier zulassen, dass tragende Säulen zusammenbrechen, dann würde es einen Rumpelstart in dem Aufschwung geben. Für mich ist das Verhalten, wenn wir über die Fiskalpolitik reden, angemessen, um den Schaden, der aus dieser politischen Rezession resultiert, so gering wie möglich zu halten.
Geschlossene Geschäfte in Berliner Stadtmitte, 22. Januar 2021 - SNA, 1920, 27.01.2021
Lockdown macht konsumfaul – und Angst vor Arbeitsverlust
- Angemessen schon, aber ist es nicht gefährlich, so viel Geld in das System zu pumpen? Droht keine Inflation?
Wir werden eine Inflation bekommen. Warum ist das so? Weil wir eben einen starken Aufschwung bekommen. Wir sehen das in der Automobilindustrie als Beispiel, wo es ein Mangel an Halbleitern gibt. Und natürlich bedeutet ein Mangel – ein sogenannter Flaschenhals –, dass die Unternehmen Preise erhöhen können. Ja, wir werden Inflation sehen, wir kommen aber aus einem deflationären Umfeld, wenn wir es quantitativ betrachten. Das wird sich auch in ein inflationäres Umfeld umkehren. Das ist auch das Ziel, sowohl der Politik als auch der Zentralbank-Politik, wieder auf einen Preisanstieg von zwei Prozent hinzukommen. Nehmen wir das EZB-Ziel hier als Grundlage. Da ist eben dieses Minus von 0,3 nicht zulässig. Im Hintergrund sehe ich aber keine galoppierende Inflation, aber eine Inflation im Jahresverlauf Richtung 1,0 bis 1,3 Prozent. Auch das wird temporär sein. Denn dort, wo diese Flaschenhälse sind, wo Preisüberwälzungsspielräume sich für Unternehmen ergeben, werden Produktionsstätten ausgebaut, dann wird sich das Ganze auf globaler Ebene einebnen. Ja, sie nimmt zu, und dafür nimmt auch das Fenster für weitere Zinssenkungen ab. Ich sehe keine Zinstrendwende, aber am Kapitalmarkt, am langen Ende der Zinskurse, im zehnjährigen Bereich, werden wir hier aller Voraussicht nach nicht bei einem Minus von 0,5 oder 0,6 Prozent in Deutschland bleiben, sondern es wird sich ein Stück weit auch aufhellen. Und das ist übrigens für die Gesamtstabilität des Finanzsystems positiv. Eine Kausalität zwischen der ultralockeren Geldpolitik der EZB und der Inflation sehe ich nicht.
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