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Mit dem „Tübinger Modell“ nur halb so viele Corona-Infizierte

Tübingen (Archivbild) - SNA, 1920, 27.01.2021
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In Tübingen setzte man von Anfang an auf den Schutz der durch das Coronavirus besonders gefährdeten Gruppe der alten Menschen. Der Erfolg gibt den Tübingern Recht – die Zahl der Infizierten ist dort weniger als halb so hoch wie im Rest des Landes. Hinter der Erfolgsgeschichte steht in erster Linie die Präsidentin des DRK-Kreisverbandes Tübingen.
Dr. Lisa Federle ist eine zupackende Frau, die ihre Arbeit mit Herz und Verstand ausfüllt. Das merkt man sofort in der Videokonferenz, in der sie am Mittwoch vor internationalen Journalisten ihr „Tübinger Modell“ zum Umgang mit der Corona-Pandemie erklärt. Die Notärztin ist Präsidentin des DRK-Kreisverbandes Tübingen und ein gutes Beispiel dafür, dass es nicht nur gute Pläne braucht, sondern auch Führungspersönlichkeiten, die diese umsetzen.
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Federle entwickelte frühzeitig eine Teststrategie für den Raum Tübingen, die als „Tübinger Modell“ einen Beitrag zur zielgerichteten Pandemie-Bekämpfung leistet. Für ihr Engagement wurde sie 2020 mit dem Bundesverdienstkreuz am Bande ausgezeichnet.
Der Erfolg gibt ihr Recht: In Tübingen liegt die 7-Tage-Inzidenz, also die Anzahl der Corona-Fälle auf 100.000 Einwohner bei rund 50. Deutschlandweit liegt der Wert bei über 100.

Testen, isolieren oder impfen

Federle sieht im Kampf gegen Corona im Moment nur drei Möglichkeiten, die wir haben: testen, isolieren oder impfen. Diese Bereiche sollte man voll ausschöpfen. So postete die Ärztin noch vor einer Woche wütend auf Facebook:

„Ich habe wirklich langsam genug! Die neuerlichen Entscheidungen der Bundesregierung sind nachzuvollziehen, was überhaupt nicht nachzuvollziehen ist, wo bleibt die Strategie? Wie soll es jetzt und am 15.Februar weiter gehen?“

Strategie bereits im Februar 2020

In Tübingen hat Federle so eine Strategie entwickelt und das bereits im Februar 2020. Gleich mit den ersten Corona-Fällen in Europa begriff die gut vernetzte Ärztin, was da auf uns zurollt. Sie entwarf einen Pandemieplan und bestellte sofort viele Masken und Schutzkleidung. In Tübingen kam es so nie zu einem Mangel wie im Rest der Republik.
Wenig später gab es den ersten Corona-Fall in Baden-Württemberg. Federle setzte Massentests durch, vor allem von Rückkehrern aus dem Skiurlaub. „Drive in“- Teststellen wurden erstmalig in Deutschland Anfang März in Tübingen eingerichtet.

Altenheime regelmäßig durchtesten

„Ebenfalls bereits im März hab ich gesagt: in den Altenheimen sind die vulnerabelsten Gruppen, die sofort geschützt werden müssen“, erzählt die Gesundheitsfunktionärin. Mit ihrem Vorschlag, alle Heime pauschal durchzutesten, stieß sie beim Landrat erst auf Unverständnis und bekam kein Geld dafür. Also trommelte Federle die Presse zusammen und ließ ein erstes Altenheim auf eigene Faust aus dem DRK-Budget durchtesten. Und siehe da: Gleich auf der ersten Station waren zwar alle Bewohner symptomlos, aber trotzdem hatten 16 von 30 nachweislich Corona. Daraufhin bekam die couragierte Ärztin die Mittel für die Tests genehmigt und ließ alle fünfzig Altenheime im Kreis Tübingen durchtesten. Dies wird bis heute etwa alle 14 Tage wiederholt. Seitdem gab es in Tübingen nicht einen Corona-Fall mehr in einem Altenheim.

Schnelltests für alle

Neben den Tests hat Federle diverse Hygieneauflagen für die Altenheime verfügt, die regelmäßig überprüft werden. Seit Mitte Oktober sind auch Schnelltests für alle Heimbesucher Pflicht. Auch hier musste Federle lange mit der Politik um die Kosten ringen.
Nachdem die Altenheime mit Schnelltests versorgt waren, kümmerte sich Federle um die 90 Prozent der alten Menschen, die zuhause wohnen. Fürs Erste organisierte die DRK-Chefin auf eigene Faust – und eigene Kosten – 25.000 Schnelltests bei einem führenden, befreundeten Produzenten, der zufällig in der Region ansässig ist. Seit Ende November bietet das DRK Tübingen fünf Tage die Woche Schnelltest für alte Menschen an, die sich testen lassen wollen. Auch Angehörige können sich kostenlos testen lassen, etwa Enkel bevor sie ihre Großeltern besuchen wollen. Der Erfolg war so überwältigend, dass nun auch der Landkreis kostenlos Schnelltests für alle anbot – allerdings nur für die Weihnachtszeit.

„Kondome sind auch nicht zu 100 Prozent sicher, aber man benutzt sie trotzdem.“

Federle rechnet vor: Ein Schnelltest kostet sie 4,65 Euro netto im Einkauf und im Gegensatz zu Impfstoffen hat Deutschland an Schnelltests genug auf Lager – circa 60 bis 80 Millionen Tests würden in Deutschland theoretisch pro Monat zur Verfügung stehen. Allerdings würden nur etwa 60 Prozent davon abgerufen, was Federle für einen Skandal hält. Sie vermutet, dass Berichte über die Unzuverlässigkeit der Schnelltests dazu geführt haben. Die Ärztin kann das nicht nachvollziehen und findet einen hemdsärmeligen Vergleich:
„Kondome sind auch nicht zu 100 Prozent sicher, aber man benutzt sie trotzdem.“
Federle berichtet, dass sie in ihren Testzentren in Tübingen kaum Fälle hatten, wo sich positiv Getestete später bei einem PCR-Test als negativ herausgestellt hätten. Die Fälle, die beim Schnelltest anschlagen, seien also meist tatsächlich infiziert gewesen.

Durch Schnelltests Infektionen verhindern

Das DRK Tübingen hat in seinen Testzentren derzeit eine Positiv-Quote von zwei bis vier Prozent, berichtet Federle. Das heißt, diese zwei bis vier Prozent positiv Getesteter konnten, weil ihre Infektion durch den Schnelltest erkannt wurde, keine weiteren Personen anstecken. Und zu Ende gedacht, wurden diese Infektionen wohl auch nur bemerkt, weil die Schnelltests kostenlos angeboten wurden. Sich für etwa 40 Euro in einer Arztpraxis schnelltesten zu lassen, wäre eine viel größere Hemmschwelle für die Meisten, meint Federle.
In Tübingen bietet man zumindest den Alten ein Rundum-Paket. Neben den Schnelltests gibt es kostenlose FFP2-Masken und Taxifahrten zum Preis eines Bustickets für unaufschiebbare Wege zu Behörden oder zum Einkaufen.

„Bis Herbst wird sich die Pandemie sicher noch hinziehen“

Befragt zu den neuen verschärften Corona-Maßnahmen der Bundesregierung hält Federle Homeoffice für sinnvoll, aber „es nützt nichts, von Lockdown zu Lockdown zu stolpern“. Es müsse einfach überall, an allen Orten die „offen“ sind, so zum Beispiel in Kitas, die Notbetreuung anbieten, regelmäßig getestet werden, meint Federle.
Wie lange die angespannte Situation noch so weitergeht, hängt davon ab, wie viele Mutationen des Virus noch auftreten werden und ob die Impfstoffe dagegen helfen und davon, wie schnell geimpft wird.
„Bis Herbst wird sich die Pandemie sicher noch hinziehen“, meint die Ärztin.

So schnell wie möglich beenden

Federle ist eine dieser Persönlichkeiten, der die Menschen vertrauen: streng, aber eine von uns. Sie ist risikobereit, gibt nicht auf und hat auch gelernt, die Medien zu nutzen. Außerdem weiß sie, wovon sie spricht und scheint nicht nur politisch und medial, sondern auch mit Virologen gut vernetzt zu sein. Trotzdem hat die Ärztin nicht den Kontakt zur Straße verloren und erlebt täglich in ihrer Praxis, die sie weiterhin parallel zu ihrer Tätigkeit beim DRK betreibt, die Nöte und die Verunsicherung der Leute:
„Die Menschen sind langsam fertig. Auch die jungen Menschen werden zunehmend depressiver. Ein Studienanfänger hat noch nicht mal einen Kommilitonen gesehen, kann abends nicht weggehen. Oder die alten Menschen, die gehen ein, wenn sie niemanden treffen. Darum muss man alle Möglichkeiten nutzen, die man hat, um das so schnell wie möglich zu beenden“, meint Federle.
Auch für die Kritik an den Corona-Maßnahmen hat sie zum Teil Verständnis:
„Der Mangel an Vertrauen in die Politik ist schon zum Teil begründet, weil die Bundesregierung nicht immer korrekt informiert hat. Wobei Bundeskanzlerin Merkel schon einen guten Job macht, sich aber nicht immer durchsetzt“, meint die Ärztin.
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