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Liga Selbstvertretung fordert Impfpriorisierung für Menschen mit Behinderung

© REUTERS / Pool / Sean GallupImpfung in Deutschland
Impfung in Deutschland - SNA, 1920, 27.01.2021
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Bei der Bewältigung der Corona-Pandemie sei man vom Durchschnittsbürger ausgegangen und habe nicht an Menschen mit Behinderung gedacht, sagt Sigrid Arnade von der „Liga Selbstvertretung“. Sie fordert, dass Menschen mit hohem Pflegegrad bei der Impfung priorisiert werden.
SNA-News sprach mit Sigrid Arnade.
- Frau Arnade, ich bekomme ja regelmäßig Pressemitteilungen der Liga Selbstvertretung, und habe seit Anfang der Corona-Pandemie mehrfach gelesen, Menschen mit Behinderung würden bei Planung und Implementierung von Maßnahmen außen vor gelassen. Wenn Sie sich an die vergangenen zehn Monate zurückerinnern: Was waren da besonders problematische Momente, wo die Politik sich vielleicht nicht in dem Maße um den Schutz von Menschen mit Behinderung bemühte, wie diese es gebraucht hätten?
Zum einen werden behinderte Menschen nie mitgedacht. Es wird alles auf einen durchschnittlichen Normalbürger zugeschnitten. Dass es auch Menschen mit Beeinträchtigungen gibt, die vielleicht andere Bedarfe haben oder besonderer Schutzmaßnahmen bedürfen – auch da werden Menschen mit Behinderung benachteiligt. Jetzt eben auch beim Impfen. Wir hatten alle gedacht: Prima, wenn Menschen, die besonders gefährdet sind, zuerst geimpft werden, dann werden da auch behinderte Menschen dabei sein. Aber das ist überhaupt nicht der Fall. Irgendwie scheint man immer noch das Bild aus den 50er, 60er Jahren zu haben, dass alle Menschen mit Behinderung in Institutionen, in irgendwelchen Einrichtungen leben. Klar, in Einrichtungen wird geimpft. Das ist auch richtig, dass Menschen in Alten- und Pflegeheimen geimpft werden, und auch die Menschen, die dort arbeiten. Aber die meisten Menschen mit Behinderung leben nicht in Einrichtungen, sondern zu Hause. Die sind aber genauso gefährdet und müssten auch ganz oben auf der Prioritätsliste stehen.
- Welche Arten von Behinderung machen Betroffene zu Hochrisikogruppen?
Ich würde das gar nicht an Diagnosen festmachen, man kann es ja einfach nach Pflegegraden nehmen. Bei einer Person mit einem hohen Pflegegrad – drei, vier oder fünf, sagen wir mal – kann man davon ausgehen, dass sie vermutlich im Rollstuhl sitzt. Von daher kein „Hochleistungssportler“, kein besonders großes Lungenvolumen – und deswegen schon gefährdet. Auf der anderen Seite können es Menschen sein, die nicht im Rollstuhl sind, aber beispielsweise Krebserkrankungen haben und deswegen immunsupprimiert sind. Deswegen könnte man es ganz einfach machen, indem man Menschen ab einer bestimmten Pflegestufe mit auf die Prioritätenliste nimmt und auch bei den Krankenkassen schaut, welche Menschen Immunsuppressiva nehmen.
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- In Österreich geht man anders vor als in Deutschland. Dort hat man an diese Menschen offenbar mitgedacht. Wie wird es dort konkret gehandhabt?
Da ist es zuerst auch vergessen worden, aber dann ist nach einem Aufschrei aus der Szene sehr schnell nachgebessert worden. Da wurde dann gesagt: Alle Menschen mit Beeinträchtigungen und Behinderungen können sich auch sofort impfen lassen. Hier hat man auch die Impfverordnung nachgebessert und gesagt, in Ausnahmefällen sei das möglich. Es gab Menschen, die mit einem hohen Pflegegrad leben, zusammen mit ganz vielen Assistenten, die sich in der Tagespresse zu Wort gemeldet haben, und die sind dann auch hier in Deutschland geimpft worden. Das ist ja auch schön. Aber man kann nicht von jedem einzelnen erwarten, dass er erstmal groß an die Presse geht.
- Wenn Sie versuchen, Nachbesserungen zu erreichen – an welche Türen müssen Sie da klopfen? Haben Sie Partner in der Politik, die sagen „jawohl, dafür mache ich mich stark“?
Wir versuchen, mit den behindertenpolitischen Sprecherinnen und Sprechern der Bundestagsfraktionen Kontakt aufzunehmen. Die behindertenpolitische Sprecherin der Grünen ist da auch offen und hat schon einmal eine Frage diesbezüglich an Bundesgesundheitsminister Spahn gestellt und eine ziemlich nichtssagende Antwort gekriegt. Ich denke, wir werden auch noch an den teilhabepolitischen Sprecher von der FDP herantreten, mit dem wir ganz gute Erfahrungen gemacht haben, damit er sich da auch nochmal starkmacht. Wenn die Oppositionsparteien an einem Strang ziehen, kann man manchmal doch was bewirken.
- In Zeiten des Lockdowns leiden viele Menschen an Vereinsamung, manche erkranken an Depressionen. Das dürfte auch Menschen mit Behinderung nicht anders gehen, gerade in den Heimen, wenn es Besuchsverbot gibt. Gibt es entsprechende Initiativen, dass man diese Menschen auch psychologisch auffängt?
Menschen mit Behinderung sind häufig schon eine Art Lockdown gewöhnt, weil sie generell größere Probleme haben, am gesellschaftlichen Leben teilzunehmen. Insofern kennen sie es relativ gut aus dem Alltag, dass sie hier und dort nicht hinkönnen. Das Problem ist, dass die ganzen Unterstützungsstrukturen nicht mehr funktionieren. Dass Fahrdienste nicht funktionieren, dass Schulhelfer ausfallen. Dass Werkstätten, wo behinderte Menschen arbeiten, zugemacht haben. Das war die Tagesstrukturierung und Betreuung für diese Menschen. Das bricht dann weg, sodass zum Teil erwachsene Menschen mit Beeinträchtigung zu ihren alten Eltern ziehen müssen. An das alles ist eben überhaupt nicht gedacht worden.
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