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„Deutschland sollte mehr Demut haben“: Theaterlegende Frank Castorf im Gespräch

© AFP 2021 / APA / BARBARA GINDLFrank Castorf (Archivbild)
Frank Castorf (Archivbild) - SNA, 1920, 25.01.2021
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Premiere verschoben. Mal wieder. Corona-Reglements machen Theater unmöglich. Geprobt werden darf noch. Doch dem Zuschauer bleibt fast nur der sehnsuchtsvolle Rückblick: In noch vorpandemischer Zeit hat unsere Autorin mit Frank Castorf über Schicksal und Historie, Russen und Deutsche, Besetzer und Befreier, Demut und die DDR gesprochen. Und Greta.
Regisseur Frank Castorf bringt am Berliner Ensemble „Fabian oder der Gang vor die Hunde“ nach Erich Kästner aufs Bühnenparkett. Irgendwann nach dem Lockdown. Hoffentlich. Castorfs charmant werkuntreue Inszenierungen will man nämlich nicht im Digitalstream auf einem winzigen Laptop sehen: Diese mit anarchischen Eindrücken berauschenden assoziativen Spektakel samt kluger Abschweifungen und vor Anspielungen auf historische wie zeitgenössische literarische Schriften und politische Geschehnisse berstenden Monologe gilt es doch leibhaftig mitzuerleben!
Wie bei Castorfs Version der in noch vorpandemischer Zeit gefeierten Premiere an der Deutschen Oper „Die Macht des Schicksals“ von Giuseppe Verdi. Im Sprechtheater beheimatet, ist der mittlerweile 69-Jährige in der Opernwelt längst kein Neuling mehr. Tumulte im Publikum einkalkuliert. Mit „Otello“ inszeniert er 1998 seine erste Oper in Basel. 2013 sorgt seine denkwürdige Version von Richard Wagners „Der Ring des Nibelungen“ in Bayreuth für Aufsehen, als er das Wagnerische Epos zerlegt und benutzt, um in ätzendem Rückblick die Freiheitslegende des Westens und die emanzipatorische Gerechtigkeitserzählung des Sozialismus vorzuführen. Der Ostdeutsche war ein Vierteljahrhundert „Chefideologe“ der Berliner Volksbühne, arbeitet als einer der Ersten mit Live-Video und lässt Schauspieler mit der Kamera interagieren – jede noch so intime Regung wird auf große Leinwände projiziert: Legendär seine episch langen Stücke, in denen er in Tränenrotz und Schweiß getränkte Menschlichkeit an Schreikrämpfen kredenzt. Castorf mag ruhiger geworden sein als noch vor 25 Jahren. Doch das Opern-Publikum ist angespitzt. „Man muss dieses Haus sprengen“, raunt der Regisseur der Autorin verschmitzt zu. Warum auch nicht. Theatergänger wissen aber durchaus, was sie bei Castorf erwartet. Und so kommt es dann auch, wirkt selbst wie ein Kammerstück, nur eben im Parkett:
Der Krieg auf der Bühne – die Handlung der Oper spielt eigentlich um 1743, doch Castorf hat die Erzählung 200 Jahre später ins Jahr 1943 transportiert und noch einen Schuss Postkolonialismus injiziert – überträgt sich schnell auf „Grabenschlachten“ im Publikum. Castorf-Gegner buhen, brüllen zwei Sänger von Weltruf an, als die Texte auf Englisch verlesen: „Ihr seid hier falsch“ und „Lernt erstmal singen“. Ein mit goldenem String-Tanga und opulentem Indio-Federschmuck versehener farbiger Tänzer auf hohen Hacken wird vom Publikumsunmut fast von der Bühne gefegt. Rezitiert er doch auch, und noch dazu aus Heiner Müllers „Auftrag“ – in gebrochenem Deutsch. Als wenn im Musiktheater nie gesprochen werden dürfte. Und schon gar nicht mit Akzent. Überträgt sich da der Rassismus des Bühnenstücks auf die Zuschauerreihen?
Einige ältere Herren aus Reihe 16, mit Trillerpfeife statt Benimm gewappnet, bringen die Werkzeuge ihrer Unmutsbekundung unter pennälerhaftem Gekicher und echauffiertem Grunzen zu Gehör. Gegenrufe: „Provinzpublikum!“, „Verdi-Verdi-VERDI“ hallen Sprechchöre von den Rängen. Die Vorstellung wird für 15 Minuten unterbrochen. Beim Schlußapplaus dasselbe Laienspiel. Dem „Verantwortlichen“ zur Genugtuung, will man meinen. „Provokationsmaschine“ für die Einen, willkommene „Theateravantgarde“ für den Anderen. Ein kulturverwöhnter Dritter findet im Land des Regietheaters ohnehin immer etwas zu bekritteln. Wenngleich Musik und Gesang im Vordergrund stehen (sollten), eine Story will man aber auch in der Oper erzählt bekommen:

- Herr Castorf, unterscheidet sich denn Ihr Vorgehen bei einer „normalen“ Theaterinszenierung von der an der Oper?
Nicht groß. Es sind auch Menschen, mit denen man arbeitet. Aber allein durch die Besonderheit der Technik, dieser Kunstart des Singens, entsteht schon etwas. Wenn ich Theater oder Film mache, zeige ich immer Menschen in extremen Situationen. Es geht mir nicht um einen narrativen Austausch, bei dem Bedeutungen hinterfragt werden. Die Menschen werden in einen besonderen emotionalen Zustand versetzt. Eine konkrete Situation, in die Menschen „geworfen“ werden. Wie hier, die wir im Foyer der Deutschen Oper sitzen. Und plötzlich würde jemand „Feuer“ rufen – dann wüssten wir, was wir machen! Wir hätten Angst. Wir würden überleben wollen. Gott sei Dank hat Kunst, auch Theaterkunst – ob nun Tanz, Oper, Schauspiel, Film oder Hörspiel – immer etwas mit Ausnahmezuständen zu tun. Es ist nicht die Abbildung der Normalität oder der Zeitungsheadlines, sondern eine eigene Welt. Und diese Welt ist für mich immer ein sehr schönes Refugium.
© Foto : Thomas Aurin"La forza del destino" von Giuseppe Verdi, Regie: Frank Castorf
La forza del destino von Giuseppe Verdi, Regie: Frank Castorf - SNA, 1920, 25.01.2021
"La forza del destino" von Giuseppe Verdi, Regie: Frank Castorf
- „Macht des Schicksals“ basiert auf spanischer literarischer Romantik, einem Drama Duque de Rivas. Welchen Gedanken haben Sie sich zu dem sehr politisch-kriegerischen Stoff gemacht?
Wie stark ist das Schicksal? Dahinter steht in der romantischen Literatur auch die Frage: Ist die Welt, in der wir leben, erkennbar? Und: Ist diese Welt auch beherrschbar? In Deutschland denkt man: Wir können alles beherrschen, wir haben die Möglichkeiten. Und das als kleines Land von nur 80 Millionen. Wie Schweden. Auch ein kleines Land. Oder die Schweiz, Lichtenstein – noch kleiner. Es herrscht der Glaube, Europa, also wir Europäer, sind der Nabel der Welt. Das zeigte sich auch in der politischen Debatte, als sich ein kleines Mädchen von 15 Jahren aufmachte, um die Welt zu verändern. Ähnlich den christlichen Kreuzzügen im früheren Mittelalter, als Kinder auf die Reise geschickt wurden, um das Gelobte Land von den Ungläubigen zu befreien. Keines dieser Kinder ist wieder nach Hause, nach Europa, zurückgekommen. Europa und auch Deutschland sollte mehr Demut haben. Es sollte wissen, dass es viele andere, bedeutende Regionen auf unserem Erdball gibt. Russland, China, Indien, da sind Brasilien und Amerika. Wir nehmen uns ein bisschen zu wichtig. Und ich bin wie die griechischen Agnostizisten der Meinung, dass es durchaus schwer mit der Erkennbarkeit und der Beherrschbarkeit ist.
- Und die Komposition?
Verdis Vertonung selbst fängt wunderschön an. Doch die klassischen Konstellationen der aristotelischen Dramatik, die Kunsttheorie, die Einheit von Raum, Zeit und Handlung sind bei Verdi aufgelöst. Das Stück selbst spielt im 18. Jahrhundert, während der Habsburger Erbfolgekriege, in ganz Europa mit Engländern, Franzosen, Spaniern...
- Der Kriegsalltag bricht in die hohe Kunst der Oper ein. Verdi wollte wachrütteln. Worin besteht Ihr Bezug zum Heute, zu unserer Geschichte?
In einer „Übersetzung“ der Bourbonen aus Spanien, des neapolitanischen Königshauses, der Preußen mit dem Siebenjährigen Krieg und auch der russischen Großmacht. Es ist wie eine bunte Schlacht zwischen den Dynastien in Europa, wo Tausende Menschen umkamen. Immer traurig, wenn Menschen im Krieg umkommen.
Es ist der Versuch, diese Macht des Schicksals und die Nicht-Wägbarkeit von Ereignissen in die Zeit zu übersetzen, die uns am meisten geprägt hat im 20.Jahrhundert: den Zweiten Weltkrieg. Da ist zum Beispiel die Landung der Amerikaner auf Sizilien. Sie versuchen, Sizilien zu befreien.
© Foto : Thomas Aurin"La forza del destino" von Giuseppe Verdi, Regie: Frank Castorf
La forza del destino von Giuseppe Verdi, Regie: Frank Castorf - SNA, 1920, 25.01.2021
"La forza del destino" von Giuseppe Verdi, Regie: Frank Castorf
Es gelingt ihnen. Der Duce wird nach Norden abgedrängt, und die italienische Armee läuft über. In den Uniformen, die kurz vorher noch den Wüstenfüchsen gehörten. Die werden olivgrün umgefärbt. Auf einmal sind die Besiegten auf der Seite der Sieger. Wie es auch schon im Ersten Weltkrieg war.
Ich verwende andere Texte im Stück – wie von Curzio Malaparte, der im Zweiten Weltkrieg als Chronist mit Mussolini-Nähe Streifzüge durch das Kriegseuropa machte.
- Für Castorf gehören die Kriege zusammen – literarisch, historisch, assoziativ, sagt er vorab. Brutalität interessiere ihn, deshalb suche er diese Stoffe. Im Roman „Die Haut“ beschreibt Malaparte, wie Italiener, zuvor noch im Widerstand gegen die Faschisten, plötzlich Brüder, Töchter, Mütter verkaufen. Es habe Sodom und Gomorrha geherrscht – auch so könne Befreiung aussehen. Manchmal sei es schwerer, Befreiung zu ertragen, als besiegt zu werden, heißt es da. Castorf nähert sich Verdi über die Figuren:
Mit anderer „Tiefenschärfe“ könnte man sie in Neapel verorten. Vielleicht auch bei den katholischen Kroaten. Malaparte unterhält sich dort mit dem Poglawnik Ante Pavelić und fragt: „Sie haben so einen wunderschönen Weidenkorb hinten in der Ecke stehen. Da haben Sie sicher Dalmatinische Austern?“ Und Pavelić antwortet: „Das sind eigentlich 20 Kilo Menschenaugen, die mir von meinen getreuen Ustascha-Faschisten geschenkt wurden.“ Diese Anekdote sagt etwas aus über die Grausamkeit dieses Krieges, der 1945 sein Ende gefunden hat. Ich finde es interessant, gerade als Deutscher darüber nachzudenken. Nicht über die Besetzung, sondern die Befreiung Deutschlands. Da waren Amerikaner. Aber in erster Linie die, die Berlin befreit haben: Die Rote Armee.

- Es gibt, je nach politischer Stimmungslage, zuweilen Tendenzen, Geschichte umschreiben zu wollen...
Eine übliche Reaktion! Der sich in der Nähe der deutschen Faschisten befindliche Rechtsphilosoph Carl Schmitt hatte Gedanken zu See- und Landmächten. Sowohl Russland als auch Deutschland sind Landmächte. Warum nicht militärische Koalitionen zwischen Deutschen und Russen bilden, wie schon im Napoleonischen Krieg? Die Geschichte ist immer antirussisch geprägt für die Westdeutschen. Vielleicht, weil sie eine andere Affinität zu Amerika, Großbritannien und Frankreich haben. Als Ostdeutscher – ich komme aus Ostberlin – hatte ich natürlich immer einen prägenden Einfluss aus Russland. Fast alle meine Theaterstücke sind Bearbeitungen von Dostojewskis Romanen. Fast alle meine Theaterstücke sind Bearbeitungen von Dostojewskis Romanen.
Deutschlands Botschafter in Russland, Géza Andreas von Geyr  - SNA, 1920, 14.01.2021
„Es gibt Themen, da brauchen wir einander“: Botschafter von Geyr zu deutsch-russischer Perspektive
Diese „Frontberichterstattung“ so oft in Deutschland in den Medien ist mir nicht sympathisch. Man kann über die Krim so und so sprechen. Von Chrustschow, der sie der Ukrainischen Sowjetrepublik zugeschlagen hat seinerzeit. Von den Krimtataren, die mit dem Osmanischem Reich zu tun hatten, bevor es wieder russisch wurde. Sieht man sich den Krimkrieg an, den Krieg der Russen und der Allianzen von Türken, Franzosen und Engländern, der bereits in den 1860er Jahren ein absolut blutiger „Vor-Weltkrieg“ war, dann sollte einem die Geschichte zu denken geben. Mir ist eigentlich egal, wer eine „nationale Oberhoheit“ hat. Die Frage ist aber auch, wie viele lupenreine Demokraten in der Ukraine sitzen. Die Welt in Europa ist in Bewegung.
- Was ist mit der deutschen Herangehensweise innerhalb dieser Bewegung?
Die deutsche wie auch die westeuropäische Herangehensweise – das ist dasselbe. Man kann sich fragen: Musste der Jugoslawienkrieg unbedingt sein? Es war eine andere Form, dieser Tito-Staatssozialismus, eine funktionierende Welt in Jugoslawien. Die Deutschen und Österreicher haben mit der einseitigen Anerkennung von Kroatien und Slowenien viel dafür getan, dass dieser furchtbare Bürgerkrieg dort ausgelöst wird. Das ist auch diese klassisch-antiserbische Haltung von Deutschen und Österreichern: Da wirken historische Einflüsse aus dem 18., 19. und 20. Jahrhundert immer noch weiter.
Wir haben eine Affinität dafür, uns auf eine besondere Art einzumischen. Und wenn der russische Außenminister Lawrow, der sehr viele Präsidenten und Premiers weltweit kennengelernt hat, mit unseren deutschen Staatsmännern zusammentrifft, die nicht mehr die Qualität eines Willy Brandt, auch nicht die eines Helmut Kohl haben... Da lachen die Russen über „Wiedergut-Machung“, glaube ich. Wenn man der Musterschüler der modernen Demokratien sein will, sollten andere Nationen „Machen“ und nicht die Deutschen, die im 20. Jahrhundert genügend, sehr flapsig formuliert, Unfug gestiftet haben in Weltenbränden. Ich bin da immer skeptisch. Es ist ohnehin eine komische Zeit, ich empfinde das wohl auch so, weil ich aus dem Osten komme.
- Inwiefern ist es eine komische Zeit?
Am Ende der DDR war eine totale Ideologisierung in der Presse. Es war völlig egal, was die Menschen gedacht haben. Wichtig war nur zu sagen, dass man für die sozialistische Menschengemeinschaft in der DDR war. Heute ist wichtig: Was denkst du? Bist du für den Klimaschutz? Wie verhältst du dich zu all den Sachen? Bist du in der Übereinstimmung unserer Demokratie? Wählst du vielleicht faschistische Parteien? Die AfD ist eine merkwürdige populistische Partei. Der Begriff des „Faschismus“ dabei ist eine Beleidigung für jeden, der in Auschwitz gesessen hat, denn er wird inflationär benutzt. Man muss wirklich hinterfragen: Wisst ihr, was der Faschismus war, und wie sich die deutsche Großindustrie, die Finanzindustrie, daran beteiligt hat, dass jemand wie Hitler dieses Völkerverbrechen begangen hat?
- Apropos DDR und Gesellschaft, die jüngere Geschichte betrachtend 30 Jahre nach dem Mauerfall: Fühlen sie sich eigentlich als „Ossi“?
Ich habe mich weder als DDR-Bürger noch hätte ich mich als westdeutscher Bürger gefühlt. Wenn ich die DDR verlassen hätte, dann wäre ich auf die Route 66 gefahren und nicht nach Herne in Nordrhein-Westfalen. Ich hatte keine Angst im Osten. Ich habe immer meine Meinung gesagt. Ich sage, was ich denke. Das Privileg habe ich für mich immer in Anspruch genommen, selbst bei möglichen juristischen Bestrafungen. Das war meine freie Entscheidung. Eine gute, deutsche Tradition. Die lasse ich mir auch jetzt nicht nehmen, egal mit welcher politischen Partei ich hier in Berlin zu paktieren habe.
- Sprechen Sie da auch eine „politisch korrekte“, fast inquisitorische Form oder Haltung an, die gerade in der Gesellschaft ein wenig mitschwingt?
Diese Form merkt man auch in der Presse. Ich lese zum Beispiel sehr ungern deutsche Zeitungen. Ich merke da immer, ich soll indoktriniert werden zu einer Übereinstimmung. Wo man mir sagt: „Das hast du zu denken und zu sagen, das ist richtig“, „In welchem Laden kaufst du was?“. Mir geht es gut, ich kann zum Beispiel in einem Bioladen einkaufen. Aber ob jede Frau, die bei Lidl arbeitet, sich das leisten kann? Es ist die „Blase“, eine bestimmte Gesellschaft, die sich viel leisten kann, die, was etwas Gutes ist, nichts mit der faschistisch-deutschen Tradition zu tun hat. Die Frage ist: Wenn es wieder andere Verhältnisse gäbe, bei einem ökonomisch anderen Prozess – wie lange hält dieser Antifaschismus? Dieses Erzdemokratische? Da bin ich sehr skeptisch. Also lasst mich bitte selbst darüber nachdenken.
Ich habe nichts dagegen, dass ein 15-jähriges Mädchen, was mich sehr an die Kinderkreuzfahrer erinnert oder an Jeanne D'Arc, etwas macht, um die Welt zu „erlösen“. Und Frau Merkel bedankt sich. Das kann man machen, ist vielleicht höflich Kindern gegenüber. Aber es ist dasselbe, wenn ich meiner 15-jährigen Tochter einen medizinischen Atlas schenke und ihr dann sage: „Du, ich habe Krebs, kannst du mich bitte operieren?“ Oder meinem Sohn – der arbeitet wunderbar mit Lego-Bausteinen – würde ich ihm sagen, er möge mir bitte ein Haus bauen? Ich glaube nicht. Ich glaube nicht.
Sich eine gewisse Form von Kindlichkeit zu bewahren, wie bei der Greta, das ist natürlich schön.
Es ist schön, dass junge Menschen manches wissen. Noch wichtiger ist eigentlich, bis zum Ende auszuhalten. Das Leben ist ein Marathon, und am Schluss muss man die Sprinterqualitäten des Anfangs auch noch haben. Den Versuch, sich jung in politische Prozesse einzumischen, finde ich absolut richtig. Die Frage ist: Wie wird man gebraucht von denen aus dem „Überbau“, den Politikern, den Medien? Und wann fängt eine Unverantwortlichkeit von Eltern an, wo andere doch sagen würden: „Ich muss mein Kind schützen“?
© Foto : Thomas Aurin"La forza del destino" von Giuseppe Verdi, Regie: Frank Castorf
La forza del destino von Giuseppe Verdi, Regie: Frank Castorf - SNA, 1920, 25.01.2021
"La forza del destino" von Giuseppe Verdi, Regie: Frank Castorf
- Die Klimaschutzaktivistin Greta legte aber doch immerhin einen Finger in die Wunde?
Es ist keine Wunde. Der Papa ist ein Schauspieler, erfolgreich. Die Mutter eine Opernsängerin. Es sind alles Leute, die aus dieser merkwürdigen „Blase des Überbaus“ kommen.
Ich weiß selbst, dass nicht alles stimmt in der „Geschichte“ unseres Planeten. Die Kosmisten Ende des 19. Jahrhunderts, wie Raketenforscher Ziolkowski, auch ein esoterischer Denker, haben schon seinerzeit darüber nachgedacht. Und Stalin hat sogar ein Institut gegründet, das sich mit der Frage beschäftigt, was passiert, wenn dieser Planet verglüht: Wann müssen wir diesen Ausweg in den Kosmos antreten? Gibt es eine Möglichkeit, dass der Mensch nicht stirbt? Dazu wurde schon in den 1920er Jahren geforscht. Es sind bereits so viele Alternativen theoretisch versponnen worden. Vielleicht auch schon sehr vorhersehend, weswegen ich immer ein bisschen mehr Optimismus habe, als für das „Wir müssen sofort was machen“.
Zudem stellt sich immer die Frage nach den Möglichkeiten einer internationalen Zusammenarbeit. Auch in einer so kleinen Gemeinschaft wie der EU ist es schon sehr unterschiedlich: Deutschland will aus allen klassischen Energiequellen aussteigen. Das ist vielleicht ganz gut. Ich habe selbst vor 40 Jahren als junger Dramaturg in einer Braunkohlegegend in der Lausitz gearbeitet. Das war eine furchtbare Mondlandschaft, jetzt gibt es dort viele Seen. Aber wir sind umgeben von Tschechen und Franzosen, und sie alle investieren in die Atomindustrie. Darf man denn nicht mal mehr über Atomenergie nachdenken?
- Tschernobyl?
Klar, Tschernobyl war furchtbar, gar keine Frage. Aber kann man denn nicht wirklich wissenschaftlich darüber nachdenken und sagen: Es hat etwas für sich, wie auch, dass etwas dagegenspricht? Das einfache „Ich weiß, wie diese komplexe Welt funktioniert“, ist wie in der Kunst die Einstellung „Ich will nicht wissen, was Verdi, was überhaupt irgendwer zuvor geschrieben hat. Ich will es selbst sagen“. Natürlich mit einem ganz anderen Folgenreichtum.
Aber Metaebenen schaffen! Ich habe mir immer das, was mir bei Dostojewski wichtig war, herausgenommen. Wie den Begriff der Demut: Dass man jemandem, der ein ganz anderes Leben führt, nicht mit der überheblichen Großzügigkeit „Ich schenke dir, denn du bist ein Obdachloser, mal fünf Euro“ begegnet, sondern bereit ist, für einen Moment dieses Leben außerhalb des eigenen zu teilen.
Russland und Deutschland (Symbolbild) - SNA, 1920, 04.01.2021
Gegen deutsch-russische Entfremdung: Promi-Initiative will Jugend zusammenbringen
- Das wären Dialog und Offenheit anderem gegenüber. Darin besteht Ihre persönliche „Demut“?
Ich bin zutiefst ein deutscher, ein hegelianisch-marxistisch geprägter Mensch. Es ist das besondere Denken: Alles, was da ist, muss ich mir auch anders vorstellen können. In abendländischer Tradition kann ich dann zu einer Synthese wie „Wahrscheinlich ist das ein richtiger Weg“ kommen. These, Antithese, Synthese. Ich möchte eben selbst darüber nachdenken, ob ich Dinge nachvollziehen kann. Vielleicht bin ich ein Querulant? Das wäre ein psychopathogener Zug. Aber, es ist wichtig, gerade wenn man Kunst macht, immer auch das Andere zu betrachten. Künstler sollen so sein, dass sie sich das, was man nicht auf den ersten Blick sieht, vorstellen können! Das hat mit einer absoluten Realität zu tun und auch mit einer bestimmten Überhöhung.
- Vermissen Sie eigentlich die Volksbühne? Dort konnten Sie tun und lassen, was Sie wollten.
Das waren 25 Jahre. Jetzt bin ich auf Wanderschaft. Oder um es mit Eichendorffs „Aus dem Leben eines Taugenichts“ zu sagen: Ich bin wieder „unterwegs“.
- Sie haben seinerzeit, als ein Verbot der PDS in Rede stand und von der Treuhand Steuerforderungen erhoben wurden, den hungerstreikenden Gregor Gysi, Dietmar Bartsch und Lothar Bisky Unterschlupf gewährt im Theater. Was denken Sie heute über die Zeit?
Ein Akt der Unterstützung. Ich hatte das Gefühl, dass Menschen für ein bestimmtes politisches Statement und auch für ihre Grundhaltung zu dieser Welt bestraft werden sollten, dass eine Enteignung stattfindet. Da war nicht nur die eine politische Partei. Wir haben Piratensendern, Obdachlosen, vielen Menschen, die ausgegrenzt wurden von der Reflexion in großen Medien, eine Heimstatt gegeben. Die sind nun langsam in dieser Gesellschaft angekommen. Ich habe so etwas auch schon zu Zeiten der DDR gemacht. In diesem kleinen Ort an der Ostsee, Anklam, habe ich so gearbeitet. Ich habe denjenigen Schutz gegeben, die Schutz brauchten, weil sie verfolgt wurden vom SED-Regime. Das war selbstverständlich. So eine altchristliche Grundhaltung, dass man jemandem Obdach und Schutz geben muss. Das hat auch etwas mit Demut zu tun. Ich will das gar nicht verwechseln. Mir geht es gut. Dafür habe ich immer gesorgt, ohne in den typisch deutschen Opportunismus zu verfallen. Weil mich die europäische Geschichte sehr interessiert, stören mich einfache Schuldzuweisungen, Besserwissereien. Da muss man dann auch schon mal an einen Tag erinnern, den viele deutsche Jugendliche gar nicht mehr kennen: den 8. Mai in Deutschland.
- Tag der Befreiung vom Hitlerfaschismus. Wie denn am besten an den Tag erinnern?
Dass man weiß, was überhaupt stattgefunden hat! Dass damit etwas zu Ende war. Wie lange es gedauert hat in der Bundesrepublik Deutschland im Gegensatz zur DDR, bis es ein „Tag der Befreiung“ wurde und nicht mehr ein „Tag der Besetzung“ war: Das wird heute alles sehr schnell, sehr leichtfertig und ein bisschen unangenehm übergangen. Dafür bin ich da! Um auch in so einer Arbeit, wie wir sie hier an der Deutschen Oper Berlin mit Verdi machen, daran zu erinnern, wie komplex europäische Geschichte ist. Ausgestochene Menschenaugen für den „barocken“ Verzehr eines glatzköpfigen Puglawniks – das gefällt mir nämlich gar nicht.
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