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„Die Leute sind völlig zermürbt“: Welche Corona-Strategie ist den Deutschen noch zuzumuten?

© REUTERS / KAI PFAFFENBACHLockdown in Frankfurt am Main
Lockdown in Frankfurt am Main - SNA, 1920, 25.01.2021
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„No Covid“ – ein Projekt, das eine Gruppe von Virologen und sonstigen Corona-Experten puscht: Für einige Wochen alles im Lande und das Land selbst zumachen, damit die Inzidenzzahlen in einigen Wochen nahe Null liegen. Wie etwa in Australien. Bei „Anne Will“ wurde nun darüber diskutiert, ob sich Deutschland ganz kurz in Australien verwandeln kann.
Das Wort „Mutanten“, das man aus Horrorfilmen längst kennt, muss Furcht einflößen. Seit ein paar Wochen sind Mutanten ins reale Leben der Deutschen reingeschlichen – zunächst einmal ist dies nur eine britische Mutante gewesen, nun sind aber auch brasilianische und südafrikanische im Anmarsch.
Ohne diese Viecher wäre die Corona-Story in Deutschland wahrscheinlich schon einem Happyend nahe gewesen. Anne Will eröffnete ihre Sendung am Sonntagabend nämlich mit einer guten Nachricht: Die Infektionszahlen seien gesunken, der Lockdown über Weihnachten und Silvester habe gewirkt. Für einen TV-Talk ist aber ein Happyend wenig geeignet – da muss schon gewisse Dramatik her. Für diese sollen nun mal die gemeinen Mutanten sorgen.

„Dann haben wir die furchtbare dritte Welle“

„Es ist nicht die britische Mutation, die mir Sorgen machen würde“, so der Medizin-Professor Uwe Janssens. Im brasilianischen Manaus hätten sich nämlich die Menschen, obwohl 75 Prozent der Bevölkerung bereits infiziert gewesen seien, noch einmal angesteckt. „Das heißt, das Immunsystem war gar nicht mehr in der Lage, mit den Antikörpern, die es gebildet hatte, die neue Mutation zu erfassen.“ Dies könnte bedeuten, dass die aktuellen Impfstoffe eventuell nicht dauerhaft wirksam sein könnten. Und: „Dann haben wir die furchtbare sogenannte dritte Welle“, warnte er im „Anne Will“-Studio. Schlimmer noch: Mittlerweile seien weltweit „300.000 Mutationen dokumentiert“, fügte der Professor hinzu.
Die „Zeit Online“-Redakteurin Vanessa Vu glaubt, ein Wundermittel dagegen zu kennen: die oben erwähnte No-Covid-Strategie. „Die Strategie ist einfach eine langfristig tragbare“, behauptete sie. Jedenfalls sei sie viel wirksamer als die bisherige Lockdown-Kette mit „relativ willkürlich gesetzten Fristen“.
“Die Leute sind völlig zermürbt“, argumentierte die Journalistin. Die No-Covid-Strategie biete aber eine erstrebenswerte Zukunftsperspektive, “weil es sich lohnt, die niedrigen Zahlen zu erreichen”. Es stimme auch nicht, “dass wir damit unsere Demokratie oder Freiheiten aufgeben” würden, meinte sie. In Ländern wie Australien und Neuseeland sei die No-Covid-Strategie gut gelungen.
„Wir müssen den Menschen ein positives Ziel geben und nicht dauernd Angst“, meinte auch Professor Janssens.
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Die Unzufriedenheit steigt

Wäre aber das „No Covid“ als positives Ziel für die Deutschen wirklich geeignet? Würde sie die Leute nicht noch zusätzlich „zermürben“?
Die Zahlen einer ARD-Umfrage, die die Moderatorin zitiert, wirken recht ernüchternd: Seit Mitte Dezember ist der Anteil derjenigen, die mit dem Krisenmanagement von Bund und Ländern weniger oder gar nicht zufrieden sind, um zwölf Punkte auf 54 Prozent angestiegen. Das Thema der Sendung lautete nämlich: „Gefahr durch neue Corona-Mutanten – wie viel ‚Zumutung‘ braucht es jetzt?“ Mit anderen Worten: Wäre eine No-Covid-Strategie den Deutschen heute noch zumutbar?
Nein, gar nicht zumutbar, meinte die zugeschaltete rheinland-pfälzische Ministerpräsidentin Malu Dreyer (SPD). Sie könne sich nicht vorstellen, „dass die Bevölkerung da mitgehen kann“. Allein schon wegen der geographischen und klimatischen Unterschiede zu Australien, aber auch wegen der sozial-kulturellen und wirtschaftlichen Verflechtungen des Landes mit den Nachbarn. Es gelte, so Malu Dreyer, die Inzidenz jetzt möglichst weit zu senken, damit man Mitte Februar wieder über Lockerungen diskutieren könnte.
Im Übrigen: Im März gibt es Wahlen in Rheinland-Pfalz, und allein schon deshalb würde die praktizierende Politikerin derartige Experimente nicht riskieren – gut, das hat Frau Dreyer bei „Anne Will“ nicht gesagt, aber sicherlich im Hinterkopf gehabt.
Auch Michael Hüther, Direktor des Instituts der deutschen Wirtschaft, hielt den No-Covid-Plan für „völlig unpraktikabel“. „Die Vorstellungen in dem Papier, wie Wirtschaft funktioniert, haben mit der realen Wirtschaft nichts zu tun. Sie unterbrechen die Wertschöpfungsketten, sie unterbrechen die Innovationsketten und damit das wirtschaftliche Handeln in diesem Land.“

„Die Menschen haben die Botschaft verstanden“

Helge Braun, Chef des Bundeskanzleramtes, war auch bei „Anne Will“ dabei. Vom No-Covid-Plan schien er nicht gerade begeistert zu sein, hielt sich aber eher bedeckt. Hinsichtlich der jetzigen Regierungsstrategie zeigte sich der Minister jedenfalls viel zuversichtlicher – immerhin sei die Infektionszahl innerhalb einer Woche um 28 Prozent gesunken. „Die Menschen haben die Botschaft verstanden”, meinte Braun.

"Ich habe in der Vergangenheit schon mehrfach gesagt, dass ich mir gewünscht hätte, dass wir früher einen energischen Lockdown machen“, fügte er hinzu. „Hätten wir die Maßnahmen, die wir jetzt machen, Mitte Oktober gemacht, hätten wir sicherlich viele Todesfälle vermeiden können."

Kanzleramtschef Helge Braun (Archivfoto) - SNA
Helge Braun
Chef des Bundeskanzleramtes
„Hätte, hätte, Fahrradkette“, sagen die Deutschen in solchen Fällen. Komisch auch, dass sie erst jetzt diesen Fakt, der von der Weisheit des hohen Regierungsbeamten zeugt, erfahren. Mitte Herbst hatten sich bekanntlich die Ministerpräsidenten der Bundesländer mit ihrem „Lockdown Light“ durchgesetzt. Dass Brauns Chefin Angela Merkel damals auch radikal gegen „Lockdown Light“ gewesen wäre – das hat die Öffentlichkeit nicht mehr so in Erinnerung.
Professor Janssens fiel dazu eine Metapher aus seinem Metier ein: Wie wäre es, wenn sich 16 Ärzte über einen Sepsis-Patienten beugen würden und jeder einzelner seine eigene Therapie vorschlagen würde? Mit den 16 Ärzten meinte er die Chefs der deutschen Bundesländer, die heute an der deutschen Bevölkerung herumdoktern. Gut würde das kaum enden, meinte er.
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