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„Klimalügner auf beiden Seiten“: Es braucht einen radikalen Wandel

© REUTERS / JOSE LUIS SAAVEDRAKlimaaktivisten vor dem Kraftwerk Bocamina in Chile (Archivbild)
Klimaaktivisten vor dem Kraftwerk Bocamina in Chile (Archivbild) - SNA, 1920, 23.01.2021
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Der Autor von „Klimalügner“, Mathias Bröckers, bezeichnet im Interview mit SNA den Zwist zwischen Klimapolitikern und Leugnern einer menschengemachten Erderwärmung als „Nebenkriegsschauplatz“. Er drängt alle dazu, endlich mit der nutzlosen Diskussion aufzuhören und nach Lösungen zu suchen – unseren Kindern zuliebe.
- Herr Bröckers, bei der Diskussion um die Zukunft des Planeten haben wir auf der einen Seite die Förderer eines „Weiter so“ in Bezug auf fossile Energien, und auf der anderen Seite jene, die auf das Kohlenstoffdioxid in der Atmosphäre blicken und dort eine Einschränkung verlangen. In ihrem Buch schreiben Sie, dass beide falsch liegen. Wie kommen Sie zu dem Schluss?
Weder ist der anthropogene CO₂-Ausstoß harmlos, noch ist er der einzige Faktor, der bekämpft werden muss, um den Planeten zu retten. Das fröhliche „Weiter so!“ mit fossiler Energie, dass die Skeptiker und Leugner vertreten, ist genauso falsch wie der panische Blick auf die „Parts per Million“ (ppm) Kohlenstoffdioxid in der Atmosphäre und die Horrorszenarien, die bei einem weiteren Anstieg drohen. Richtig und entscheidend ist vielmehr: Auf diesem Planeten findet ein großes Sterben statt – der Meere, der Böden, der Wälder, der Feuchtgebiete, der Tier- und Pflanzenarten –, und es ist unstrittig, dass Menschen für die weltweite Zerstörung von Ökosystemen verantwortlich sind. Wer glaubt, dass dieses Problem mit einer Reduktion anthropogener Treibhausgase gelöst werden kann, macht sich etwas vor. Denn fiebersenkende Maßnahmen bei einem Patienten machen kaum Sinn, wenn gleichzeitig Herz, Nieren und Lungen weiter zerstört werden.
- Aber CO ist ein Treibhausgas und nachweislich für die Erderwärmung verantwortlich. Ist es nicht wichtig, da eine Reduzierung des Ausstoßes zu fordern und zu fördern?
Es ist wichtig, aber ich denke, der CO-Zuwachs ist eher ein „Nebenkriegsschauplatz“. Panikmacher, Apokalyptiker und Fatalisten lügen sich in Sachen CO₂ genauso in die Tasche wie die Skeptiker und Leugner einer menschengemachten Erderwärmung. Wir haben also „Klimalügner“ auf beiden Seiten. Denn auch wenn die Erderwärmung nicht CO₂-bedingt sein sollte, müssen wir dringend etwas tun – und wenn menschengemachtes CO₂ die Ursache ist, dann erst recht. Nur was wir nicht mehr tun sollten: diese nutzlose Debatte weiterführen.
Stattdessen müssen wir an den Lösungen arbeiten. Und die können nicht darin bestehen, das Problem zu monetarisieren, aus dem Handel mit Verschmutzungsrechten ein Finanzprodukt zu machen und das Heil in CO₂-Steuern zu suchen, denn das kann allenfalls kurzfristig die Symptome kurieren, nicht aber die Krankheit heilen. Was nottut, ist ein grundlegender Systemwechsel, und der kann nicht mit denselben Methoden erreicht werden, die die Zerstörung angerichtet haben, also mit Wall Street, Finanzprodukten, Zertifikaten et cetera. Ein solcher „Green New Deal“ kann nur nach hinten losgehen, an einem grundlegenden Systemwechsel haben diese Akteure nämlich keinerlei Interesse, denn der geht an ihr Eingemachtes.
Erde (Symbolbild) - SNA, 1920, 14.01.2021
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- Es ist ja unumstritten, dass die Menschen der Erde und dem Ökosystem gerade übel mitspielen. Im Titel ihres Buches schreiben Sie auch „Vom Ende des Kaputtalismus und der Zuvielisation“. Was sehen Sie da als Hauptproblem?
Ich finde, diese beiden Wortspiele bringen das Problem ganz gut auf den Punkt: Wir haben ein destruktives Wirtschaftssystem, das auf ewigem Wachstum und steigender Ressourcenausbeutung basiert. Dass ein solches, auf grenzenlosem Wachstum fußendes Geld- und Wirtschaftssystem für einen Planeten mit begrenzten Ressourcen ungeeignet ist, versteht eigentlich jedes Kind und natürlich auch die Elite – die etwa 80 Multimilliardäre, denen schon mehr als die halbe Welt gehört. Aber das reicht ihnen nicht, sie wollen noch mehr und reden uns ein, dass es mit diesem zerstörerischen System so weitergehen kann, wenn wir nur ein paar Stellschrauben drehen und den Kapitalismus „umweltfreundlicher“ machen.
In diesem Zusammenhang habe ich die bekannte – und bedrückende – Einsicht von Gus Speth zitiert, der als Professor für Nachhaltige Entwicklung an der Yale-Universität und Chefberater der Nationalen Umweltkommission gegen Ende seiner langen Karriere resigniert feststellte:
„Früher dachte ich, dass die größten Umweltprobleme der Verlust der Artenvielfalt, der Kollaps der Ökosysteme und der Klimawandel wären. Ich dachte, 30 Jahre gute Wissenschaft könnte diese Probleme angehen. Ich habe mich geirrt. Die größten Umweltprobleme sind Egoismus, Gier und Gleichgültigkeit, und um mit ihnen fertig zu werden, brauchen wir einen kulturellen und spirituellen Wandel. Und wir Wissenschaftler wissen nicht, wie man das macht.”
- Was sollte gemacht werden, um dieser Misere entgegenzuwirken? Kann man da als Privatperson überhaupt viel erreichen?
Jeder kann ja und sollte auch versuchen, seinen Konsum zu reduzieren: Müll zu vermeiden und mit dem Rad statt mit dem Bus oder mit dem Auto zu fahren – also den Schaden zu reduzieren, den er oder sie mit ihrer Lebensweise anrichtet. Doch um ihn zu stoppen, um das sechste große Artensterben auf diesem Planeten zu beenden, dass wir alle – auch ich – gerade aktiv betreiben, braucht es einen derart fundamentalen Wandel, dass wir davor lieber den Kopf in den Sand stecken. Und verdrängen, leugnen und lügen, statt uns der Wahrheit zu stellen, dass wir Täter sind und unser Verhalten, unsere Haltung, unser Verhältnis zur Welt der Änderung bedarf. Und dass sich nichts zum Besseren ändert, wenn wir weiter denken und wirtschaften und leben wie bisher.
Das „Neue Klimaregime“ aber, wie es der Wissenssoziologe Bruno Latour in seinen Vorträgen zum „Kampf um Gaia“ nennt, wird einen radikalen Wandel erzwingen: Der Mensch wird auf die Erde zurückgeholt, in ein planetarisches Gesamtsystem, dessen „Klimaanlage“ seit Milliarden Jahren von Mikroben, Bakterien, Pflanzen und Tieren gemanagt wird und in der die Menschen, als relativ neues Produkt der Evolution, nur eine Randerscheinung darstellen. Das hat man unlängst sogar im Vatikan erkannt, als Papst Franziskus darauf hinwies, dass es sich bei dem biblischen Auftrag „Macht euch die Erde untertan“ um einen Übersetzungsfehler handelt: „Macht euch der Erde untertan“, müsse es heißen. Das ist ein radikaler Schritt, eine Wende, wie sie vor 500 Jahren Kopernikus und Galilei brachten, als die Erde als vermeintliches Zentrum des Universums abgelöst wurde. Und so wie damals die Vorstellung vom Mittelpunkt des Universums, muss unter dem neuen Klimaregime das Weltbild vom Menschen als Krone der Schöpfung und Herrscher über die Natur fallen. Oder die Menschen werden verschwinden, weil sie mit ihrer Lebens- und Wirtschaftsweise den Ast, auf dem sie sitzen, einfach abgesägt haben. „Irgendwann“, sagt Bruno Latour, „wird man es genauso seltsam finden, dass die Tiere und Pflanzen kein Stimmrecht haben – wie nach der Französischen Revolution, dass bis dahin die Menschenrechte nicht auch für Frauen und Schwarze galten.“
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- Sehen Sie denn aktuell den Willen und die realistische Chance, dass da etwas passieren könnte?
Ohne eine Wurzelbehandlung – eine globale Entschuldung und ein Geldsystem, das von seinem von schulden- und zinsgetriebenen Wachstumszwang befreit ist – wird nichts zu ändern sein an der „Zuvielisation“. Solange Mangel auf der Erde herrschte, waren Gier und Konkurrenz unverzichtbar für das Überleben, mittlerweile aber herrscht ein solcher Überfluss, dass wir des Mülls – auf dem in den USA und Westeuropa mehr als ein Drittel aller Lebensmittel landet – schon kaum noch Herr werden.
Da gleichzeitig den Konsumenten mit gigantischen Propagandamaßnahmen eingeredet wird, dass sie weiterhin an Mangel leiden und dieses oder jenes Produkt unbedingt brauchen, muss Werbung – die unsinnige Stimulation nicht vorhandener Bedürfnisse durch Simulation nicht vorhandenen Mangels – auf Produkt- und Preisinformationen reduziert werden.
Und es dürfen nur noch 100 Prozent biologisch abbaubare oder langlebige Produkte hergestellt werden, die „cradle to cradle“ am Ende der Lebensdauer in den Materialkreislauf zurückgeführt werden. Da Maschinen und Roboter kein Verständnis für den Generationenvertrag haben, müssen für ihren Einsatz dieselben Steuern und Sozialabgaben fällig werden wie für menschliche Angestellte. So könnten dem Kaputtalismus schon einige wirksame Leitplanken eingezogen werden in seinem Bestreben, das allgemeine Wohl auf einem Minimum und die Ausbeutung und Monetarisierung von Ressourcen auf einem Maximum zu halten.
Unter dem Klimaregime muss fortan dem Gemeinwohl aller Lebewesen der Biosphäre Rechnung getragen werden. Wenn die Erde noch länger als ein paar hundert Jahre bewohnbar bleiben soll, ist das Weltbild der Menschen vom Herrn und Meister als „Krone der Schöpfung“ nicht zu retten. Aus Parasiten müssen Symbionten werden. Ich denke, dass Homo sapiens eine Chance hätte, diesen Wandel zu vollziehen – wir wissen, wie es geht. Was den Willen betrifft, ist allerdings das Problem, dass wir als domestizierte Primaten immer erst dann reagieren, wenn es wirklich auf dem Pelz brennt. Aber dann könnte es zu spät sein – nicht für uns, aber für unsere Kinder und Enkel, denen wir riesige Schuldengebirge und einen unbewohnbaren Planeten hinterlassen.
Das Buch „Klimalügner – Vom Ende des Kaputtalismus und der Zuvielisation“ von Mathias Bröckers ist im Westend Verlag erschienen.
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