Wieler: „Deutsches Gesundheitssystem ist höllisch“ – Was bei der Corona-Bekämpfung „schiefläuft“

© REUTERS / KARINA HESSLANDImpfstation in Weimar
Impfstation in Weimar - SNA, 1920, 21.01.2021
RKI-Präsident Lothar Wieler hat sich über den „positiven Trend“ bei den aktuellen Inzidenzwerten der Corona-Entwicklung erfreut gezeigt. Im Videogespräch mit der ausländischen Presse hat er aber auch erklärt, warum andere Länder besser mit der Pandemie klarkommen und woran die Schnelltest-Strategie in den Altenheimen gescheitert ist.
„Wir haben es endlich nach den Feiertagen geschafft, einen positiven Trend zu sehen. Seit dem 11. Januar haben wir eine sinkende Inzidenz“, sagte Lothar Wieler, Präsident des Robert-Koch-Instituts am Mittwoch in einer Videokonferenz mit dem „Verein der Ausländischen Presse“ (VAP). „Vor dem 11. Januar konnten wir das gar nicht richtig bewerten, weil durch die Feiertage eine unglaubliche Verzerrung in den Informationsdaten vorlag, die wir erhalten haben.“ Die Zahlen seien schwer zu bewerten gewesen, weil das öffentliche Leben während der Feiertage geruht habe und somit viele Arztpraxen, Gesundheitsämter und Laboratorien, erklärte Wieler.
Er warnte jedoch davor, nun ein falsches Signal zu setzen. Es sei gerade jetzt wichtig, „dass wir an der Sache dranbleiben und alles tun, um die Inzidenzen weiter nach unten zu drücken“. „Wir müssen die Inzidenzen so stark, wie möglich nach unten bringen, weil wir sonst das Infektionsgeschehen nicht kontrollieren können. Solange wir dies nicht kontrollieren, werden wir bestimmte Altersgruppen, die sogenannten vulnerablen Gruppen, nicht schützen können.“ Dafür sei das Sars-Cov-2-Virus viel zu leicht übertragbar. Dabei warnte er auch vor den neuen Corona-Mutationen aus Großbritannien, Südafrika und Brasilien, die nach ersten Erkenntnissen schneller übertragen werden.

Warum es andere besser können

Auf die Frage eines SNA-Reportes, warum Länder wie Vietnam, Thailand, Süd-Korea, Australien oder Neuseeland die Situation weitestgehend im Griff haben und Deutschland nicht, sagte der RKI-Chef: „Die Länder hatten ein extrem effizientes und hartes Reisemanagement.“ So hätten diese Länder teilweise Reisen „extrem eingeschränkt“. „Wenn Sie beispielsweise in Singapur einreisen, dann müssen Sie zwei Wochen in ein Hotel, müssen das Hotel selber bezahlen; und sie dürfen das Zimmer nicht verlassen. Das Essen wird Ihnen vor die Tür gestellt, und Sie bleiben zwei Wochen in dem Zimmer.“ Dieses „extrem hartes Management“ passe nicht zu unserer „freiheitlichen Idee“ und sei in Europa schwer vorstellbar, so Wieler.
Weiterhin hätten diese Länder von vornherein ein „unheimlich hartes Management bei der digitalen Verfolgung“ gehabt. Auch hier hätten die Staaten Möglichkeiten genutzt, die mit „unseren Ansprüchen“ von Freiheits- und Persönlichkeitsrecht nicht ganz vereinbar seien, um Personen nachzuverfolgen. „Das Entscheidende ist, dass diese Viren von vornherein gar nicht hereingelassen wurden, und wo immer sie auftraten, mit ganz massiven Eingriffen in die persönlichen Freiheiten unten gehalten wurden“, betonte der deutsche Fachtierarzt für Mikrobiologie.
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Versagen der Schnelltest-Strategie in Altenheimen?

Ein Journalist aus Japan fragte, warum man in Deutschland nicht früh genug Schnelltests in Alten- und Pflegeheimen eigesetzt hätte. Er merkte an, dass eine geringere Sterblichkeit zu erwarten gewesen wäre, wenn man diese Tests frühzeitig in den jeweiligen Einrichtungen angewandt hätte.
Wieler verwies auf die „Verantwortlichen“. „Es gibt Pflege- und Altenheime, die sofort Schnelltests gehabt haben. Die haben es einfach geschafft, gemacht und umgesetzt. Es ist ja nicht so, dass es keine Schnelltests gab. Es gibt einfach Menschen, die setzten Dinge schneller um als andere Menschen. Das muss man einfach sagen“, betonte der RKI-Präsident. Deutschland sei ein sehr komplizierter Staat – „wegen des Föderalismus“. Es gebe viele verschiedene Ebenen bis hin zu der Kommune. „Das Gesundheitssystem ist ja höllisch“, unterstrich er. „Wir haben viele Schnelltests schnell angeboten und haben die eingebaut in unsere Teststrategie“, erklärte der Professor für Mikrobilogie von der Freien Universität Berlin. Das Robert-Koch-Institut gebe jedoch nur Empfehlungen. Das seien ja keine Gesetze oder Verordnungen, betonte er. Das sind immer nur Empfehlungen. Als Beispiel nannte Wieler Schulen, die lange Zeit ohne Schutzkonzepte gearbeitet hätten. Die Konzepte seien aber bereits seit Monaten auf den Internet-Seiten des RKI zu finden.
Die Zahl der Neuinfektionen mit dem Coronavirus ist in Deutschland zuletzt deutlich gesunken. So gab das RKI die sogenannte 7-Tage-Inzidenz am Donnerstagmorgen mit 119 an – das ist der niedrigste Wert seit dem 1. November.
Die deutschen Gesundheitsämter meldeten dem RKI am Donnerstagmorgen zudem 20.398 Corona-Neuinfektionen binnen eines Tages. Außerdem wurden 1013 neue Todesfälle innerhalb von 24 Stunden verzeichnet. Vor genau einer Woche hatte das RKI 25.164 Neuinfektionen und 1244 neue Todesfälle – der bisherige Höchststand – verzeichnet. Bei den binnen 24 Stunden registrierten Neuinfektionen war mit 33.777 am 18. Dezember der höchste Wert gemeldet worden – darin waren jedoch 3500 Nachmeldungen enthalten.
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