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Schul-Lockdown: Schüler „werden weder richtig lesen können noch die Buchstaben kennen“

© AFP 2020 / CHRISTOF STACHELeere Klassenräume in einer wegen Lockdowns gesperrten Schule in Eichenau
Leere Klassenräume in einer wegen Lockdowns gesperrten Schule in Eichenau - SNA, 1920, 19.01.2021
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Kitas und Schulen sollen „grundsätzlich“ bis zum 15. Februar geschlossen bleiben. Bernd Siggelkow, Gründer des Kinder- und Jugendhilfswerk „Die Arche“ warnt davor, dass gerade Kinder aus Familien mit schwieriger finanzieller Lage abgehängt werden.
Die Ministerpräsidenten der Bundesländer haben sich mit Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) auf eine Verlängerung der bisherigen Corona-Maßnahmen geeinigt. Laut Medien wird der Shutdown bis zum 14. Februar verlängert, Gastronomie, Freizeiteinrichtungen und weite Teile des Einzelhandels bleiben damit geschlossen.
Wie „Der Spiegel“ berichtet, gibt es erheblichen Diskussionsbedarf beim Thema Schulschließungen. Während Merkel für eine konsequente Schließung der Schulen plädiert, wie es in der Beschlussvorlage des Bunds vorgesehen ist, gibt es vor allem aus den SPD-geführten Bundesländern Widerstand gegen den strikten Kurs. Mit gutem Grund, denn laut Studien und Erfahrungsberichten treiben die Pandemie und die Schulschließungen die soziale Spaltung voran.

Pandemie treibt soziale Spaltung voran

Der evangelische Pastor Bernd Siggelkow hatte 1995 in Berlin das christliche Kinder- und Jugendhilfswerk „Die Arche“ gegründet. Heute betreut die Einrichtung bundesweit 4500 Kinder aus bildungsfernen Familien. Bei der „Arche“ erhalten die Schülerinnen und Schüler auch Hausaufgabenhilfe und kostenlose Mahlzeiten. Im Interview mit der „Süddeutschen Zeitung“ berichtet Siggelkow:
„Die Kinder, die wir in der Arche betreuen, also die Kinder, die sozial benachteiligt sind, deren Eltern Hartz IV beziehen oder die vielleicht aus Migrantenfamilien stammen, wo die deutsche Sprache nicht so gesprochen wird, dazu die vielen Kinder von Alleinerziehenden, kurzum alle, die es ohnehin schon vor der Pandemie schwer hatten: Die werden jetzt endgültig abgehängt.“
Für einige Kinder ist die Pandemie auch mit Gefühlen der Einsamkeit verbunden. Zu dem Schluss kommt die Studie „Kind sein in Zeiten von Corona“ des Deutschen Jugendinstituts (DIJ). Mehr als ein Viertel (27 Prozent) der befragten Eltern stimmten demnach der Aussage eher oder ganz zu, dass sich ihr Kind während des ersten Lockdowns einsam fühlte. In Familien mit schwieriger finanzieller Lage traf dies auf noch weit mehr Kinder zu: Unter ihnen fühlten sich den Angaben der Eltern nach fast die Hälfte (48 Prozent) einsam gegenüber 21 Prozent der Kinder aus Familien, die mit ihrem Einkommen gut leben können. Auch mit emotionalen Problemen wie Niedergeschlagenheit, Ängsten und Sorgen (44 Prozent gegenüber 18 Prozent) sowie mit Hyperaktivität (39 gegenüber 18 Prozent) haben Kinder aus finanziell schlechter gestellten Familien mehr zu kämpfen – und zwar umso mehr, je angespannter die Eltern ihre wirtschaftliche Situation empfinden.
Fernsehen (Symbolbild) - SNA, 1920, 10.01.2021
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„Drittklässler werden weder richtig lesen können noch die Buchstaben kennen“

Die Kinder, mit denen „die Arche“ zu tun hat, hätten schon zu normalen Zeiten Schwierigkeiten, im Unterricht mitzukommen, erzählt auch Siggelkow. Nun sind sie häufig alleine zu Hause und wüssten oft überhaupt nicht, was sie machen müssen. Vielen von ihnen fehle ein funktionierendes Internet oder überhaupt ein Laptop. Oft hätten sie auch gar keinen Kontakt zu ihren Lehrern. Theoretisch müssten die Lehrkräfte jeden Tag bei jedem Kind anrufen und sich nach dem Stand der Dinge erkundigen. „Wir haben hier aber teilweise erlebt, dass sich Lehrer sechs Wochen bei ihren Kindern nicht gemeldet haben“, so der Pastor. Das wäre schon im ersten Lockdown so gewesen, und auch beim zweiten Lockdown würde auffallen, dass sich die Kommunikation der Schulen mit den Kindern oft darauf beschränke, dass Arbeitszettel abgeholt werden können. Oder dass mitgeteilt werde, wo die Kinder ihre Online-Aufgaben machen sollen. Mit Unterricht im eigentlichen Sinne habe das wenig zu tun.
Siggelkow warnt eindringlich:
„Die neuen Erstklässler sind ja jetzt zum Großteil seit Wochen im Homeschooling. Und wenn man da nicht dranbleibt, dann haben diese Kinder schlichtweg keine Chance. Wir gehen ganz stark davon aus, dass wir in ein, zwei Jahren erleben werden, wie Drittklässler weder richtig lesen können noch die Buchstaben oder die Zahlen richtig kennen.“
Bernd Siggelkow
Gründer der "Arche"

„Da haben wirklich alle Verantwortlichen geschlafen“

Er bemängele dieses Schulsystem schon seit vielen Jahren. Jetzt hätte man in den letzten Monaten eigentlich Zeit gehabt nachzubessern, aber man habe es noch nicht einmal geschafft, von August bis heute die Digitalisierung in die Familien zu bringen, oder einen Plan zu entwickeln, was passieren solle, wenn ein zweiter oder dritter Lockdown kommen muss. „Da haben wirklich alle Verantwortlichen geschlafen“, so Siggelkow. Er prognostiziert, dass uns die Spätfolgen dessen ziemlich wehtun werden. Denn es gehe nicht nur um verpassten Unterrichtsstoff, er berichtet auch, wie bei vielen Schülern ohne den Präsenzunterricht die komplette Tagesstruktur zusammengebrochen sei:
„Wir haben es mit Kindern zu tun, die zum Teil viel zu lange aufbleiben. Eine unserer Schülerinnen hat neulich morgens um halb drei am Handy noch Filmchen hochgeladen – von draußen auf der Straße.“
Viele Kinder würden nur noch vor dem Computer hocken und zocken. „Da beobachten wir eine regelrechte Spielsucht.“ Mangels Sportunterricht fehle die Bewegung, und weil das Schulessen wegfalle, würden sie sich falsch ernähren. Die „Arche“-Kinder hätten im ersten Lockdown teilweise zwischen zehn und zwanzig Kilo zugenommen. „Da kommen eine Menge Entwicklungsdefizite zusammen, neben all dem, was wir Schule nennen. Und wenn die Schule mal wieder losgeht, dann wird es garantiert so sein, dass die Kinder morgens regelmäßig zu spät kommen, weil sie sich erst wieder an eine Struktur gewöhnen müssen.“
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