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Krankenhaus-Schließungen: „Corona-Helden kriegen jetzt Nackenschläge“ – Ex-Klinikchef im Interview

© AFP 2020 / POOL / FRANK RUMPENHORSTÄrzte in der Intensivstation des Uniklinikums Gießen (Archivbild)
Ärzte in der Intensivstation des Uniklinikums Gießen (Archivbild) - SNA, 1920, 19.01.2021
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Kaum zu glauben, aber wahr: Mehr als ein Dutzend Krankenhäuser haben im Jahr der Corona-Pandemie bundesweit dichtgemacht. Klaus Emmerich, ehemaliger Krankenhauschef und Mitbegründer des „Bündnisses Klinikrettung“, versteht die Welt nicht mehr. Er fordert von der Bundesregierung: „Jegliches Kliniksterben sofort aussetzen!“
- Herr Emmerich, Sie sind Gründungsmitglied des „Bündnisses Klinikrettung“, das sich im Herbst gegründet hat. Was war der entscheidende Auslöser für Sie, dieses Bündnis zu schmieden?
Der entscheidende Gesichtspunkt zur Gründung eines Bündnisses war die Idee, die verschiedenen Aktivitäten auf Länderebene oder in einzelnen Städten zu bündeln und zu unterstützen. Es gibt ein bundesweites Kliniksterben, das rasant zunimmt. Es gab im Jahr 1991 noch 2.411 Krankenhäuser. Es gibt im Jahr 2019 nur noch 1.914 Krankenhäuser. Unsere Aufgabe sollte es sein, jetzt koordiniert gegen das Kliniksterben anzukämpfen.
- Das heißt, Sie fordern den Stopp von Krankenhausschließungen. Auch jetzt im Pandemiejahr seien 20 Kliniken geschlossen worden.
Ja.
- Einige stehen kurz vor der Schließung. Warum müssen Krankenhäuser überhaupt schließen?
Es gibt zwei Gründe. Das eine sind wirtschaftliche Gründe. Es gibt ein DRG-Fallpauschalen-System, das jede Erkrankung, zum Beispiel eine Lungenentzündung oder eine Hüftprothesenoperation, vergleichbar in jedem Krankenhaus gleich vergütet wird. Da haben aber Kliniken in ländlichen Regionen oder kleine Krankenhäuser grundsätzlich Standortnachteile. Denn jedes Krankenhaus hat gewisse Vorhaltekosten für Dinge, die jede Klinik benötigt, wie Risikomanagement, Hygienemanagement, Qualitätsmanagement, Klinikleitung, aber auch in der Ausstattung, CT-Geräte und andere Diagnostik-Geräte.
Und große Krankenhäuser können diese Vorhaltekosten auf ganz, ganz viele Patienten verteilen. Kleine Kliniken haben Standortnachteile, sie können das nicht. Es gibt Krankenhäuser mit 30, 40 oder 100 Betten. Und es gibt Schwerpunkt-Krankenhäuser, die circa 500 Betten haben sowie Maximalversorger mit circa 1.000 Betten. Das sind ökonomische Unterschiede. Da schaffen es kleine Krankenhäuser nicht, ihre Kosten zu decken.
- Sie haben zwei Kliniken geleitet. Was waren das für Krankenhäuser und hatten Sie mit ähnlichen Problemen zu kämpfen?
Ja, ich hatte zwei ländliche Krankenhäuser. Wir haben die gleichen Probleme gehabt. Die haben Defizite geschrieben, weil sie aus rein ökonomischer Sicht zu klein sind. Die werden aber in der Region benötigt, weil die Entfernungen zu groß sind und weil es auch von den Krankenkassen bestätigt wurde.
Krankenhaus in Senftenberg, Deutschland (Archivbild) - SNA, 1920, 22.12.2020
Neues „Bündnis Klinikrettung“ fordert sofortigen Schließungsstopp von Krankenhäusern
Es gibt einen Kliniksimulator in Deutschland von den gesetzlichen Krankenkassen eröffnet, der simuliert, was passiert, wenn ein Krankenhaus schließt. Wenn meine ehemaligen Krankenhäuser schließen würden, dann würden zu viele Patienten länger als 30 Minuten brauchen, um überhaupt in ein Krankenhaus zu kommen. Das ist gemeingefährlich, wenn es einen traumatischen Verkehrsunfall gibt oder eine andere akute Erkrankung, wo ein sofortiger Eingriff erforderlich ist. Vor allem im Bereich der Notfallversorgung ist das ein No­-Go.
Das heißt, es gibt Krankernhäuser, die einfach Regionen versorgen, die notwendig sind, die aber aufgrund ihrer Größe trotzdem nicht ökonomisch betrieben werden können. Überwiegend liegen sie dann in öffentlicher Hand, weil Privatträger sich Standorte aussuchen, die gewinnträchtig sind. Die haben ja auch einen Auftrag von ihren Aktionären. Die sollen ja einen Gewinn erwirtschaften. Also verbleiben die defizitären Krankenhäuser überwiegend bei den Kommunen. Und die schießen dann Geld zu – in Millionenhöhe.
Es gibt genügend Beispiele in Bayern. 56 Prozent der bayrischen Krankenhäuser schreiben laut bayrischer Krankenhausgesellschaft Defizite. Ich nenne deshalb das Beispiel Bayern, weil Bayern vor allen Dingen ein Flächenstaat ist und weil sich das in Bayern besonders stark auswirkt. Es wird aber auch bestimmt Regionen in Ostdeutschland geben, auf den ländlichen Regionen um Berlin herum, wo ich das gleiche vermute.
- Die Bundesregierung will also das Geld besser verteilen und dementsprechend müssen Kliniken schließen.
Das ist so. Es gibt ein ganz klassisches Beispiel. Zurzeit haben wir ja die Corona-Situation. Und in der Corona-Situation ist jede Krankenhausschließung ein No-Go. Jetzt werden wir auch die Sekundärauswirkungen auf Berlin sehen. Das Bundesgesundheitsministerium hatte im Frühjahr beim ersten Lockdown gesagt: Alle Krankenhäuser, die jetzt aufgefordert werden planbare Eingriffe zu verschieben, die mögen sich bitte konzentrieren auf Corona-Behandlung und bekommen für ihre in der Warteposition stehenden freien Betten einheitlich 560 Euro. Dann haben große Krankenhäuser protestiert und haben gesagt, bei uns fallen hochwertige Behandlungen aus. Gibt uns mehr!
Die Entscheidung im Herbst vom Bundesgesundheitsminister Spahn war dann beim zweiten Lockdown, die Ausgleichszahlungen zu modifizieren – gestaffelt nach der Größe des Krankenhauses bekommen die Maximalversorger und die Schwerpunktkrankenhäuser eine sehr hohe Ausgleichsfinanzierung und die überwiegende Zahl der Grund- und Regelversorgungskliniken bekommen entweder gar keine oder eine verringerte Ausgleichszahlung. 600 Krankenhäuser, die keine Notfallversorgung haben, bekommen gar nichts.
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Die Folge: Natürlich werden diese Kliniken versuchen, die Balance zwischen den freizuhaltenden Betten, für die sie zu wenig finanzielle Mittel bekommen und der allgemeinen Versorgung der Bevölkerung, zugunsten der allgemeinen Versorgung der Bevölkerung zu verlagern. Also, zum Beispiel weiter Diabetes-Patienten zu behandeln, Prothesen zu operieren usw., damit sie noch überleben können. Und die Gesundheitsökonomen und Berater vom Herrn Spahn, vor allen Dingen Prof. Dr. Reihard Busse und Prof. Dr. Boris Augurzky haben gesagt: Corona-Patienten mögen bitte in Schwerpunkt-Krankenhäusern und in Maximalversorgungskrankenhäusern in den Zentren behandelt werden. Dort passiert das angeblich mit einer besseren Qualität.
Nur der Vorstandsvorsitzende der Charité sagt: Ich kann nicht mehr. Wir sind am obersten Limit. Und im Frühjahr sind wir gut durch die Pandemie gekommen und es haben sich auch die kleineren Kliniken an Corona massiv beteiligt. Auch meine ländlichen Krankenhäuser mit nur 165 und 83 Betten haben das getan und haben gute Ergebnisse erzielt. Die will man jetzt mitten in der Corona-Phase ausschließen. Das geht überhaupt nicht.
- Wie erklären sie sich das?
Ich hatte ja noch den zweiten Grund für Kliniksterben zu wenig beleuchtet. Ich erkläre das an einer Qualitätsdiskussion, die aber eine vorgeschobene Diskussion ist, weil man grundsätzlich im Gesundheitssystem Geld sparen will. Es steht seit 2019 die Diskussion im Raum. Da hat es eine „Bertelmann“-Studie gegeben und eine ARD-Sendung – „Kliniken schließen, Leben retten“ – mit der These, wenn man damals nicht 1941 Krankenhäuser hätte, sondern 600, dann ginge das alles mit viel besserer Qualität. Die Entfernungen seien für die Bevölkerung durchaus zumutbar.
Man hat die Qualitätsdiskussion damals darauf bezogen, dass man gefragt hat, was muss ein Krankenhaus mindestens vorhalten, damit es überhaupt existieren sollte und darf. Da wurden sehr hohe Anforderungen gestellt. Zum Beispiel Herzinfarktbehandlungen mit einem Herzkatheter-Labor muss mindestens dabei sein oder Tumorbehandlungen und viele, viele anderen Dinge auch. Nun gibt es aber auch in den ländlichen Regionen viele Erkrankungen, wie Lungenentzündungen, Knochenbrüche, aber auch mittelschwere Erkrankungen, für die auch Krankenhäuser der Grund- und Regelversorgung sehr gut geeinigt sind.
Diese Krankenhäuser daran zu messen, dass sie eben kein Herz-Katheter-Labor haben, bedeutet nicht, dass die Krankenhäuser schlechte Qualität haben. Das behaupten aber Bundesgesundheitsminister Spahn und seine Berater. So auch die „Bertelsmann Stiftung“, das „Barmer-Institut für Gesundheitssystemforschung“ und die „Robert Bosch Stiftung“.
Und die haben dieses Jahr eine neue Studie herausgebracht und haben gesagt, man möge bitte alle Krankenhäuser der Grund- und Regelversorgung - und das ist die Mehrheit der Krankenhäuser – in sogenannte integrierte Versorgungszentren umwandeln, die überwiegend ambulanten Charakter haben und nur noch an wenigen Standorten stationären Charakter haben – auf unterstem Niveau nur noch mit der inneren Medizin und der Chirurgie. Und wenn es unbedingt mal sein muss, wenn die Entfernung ganz groß ist, eventuell noch mit einer Geburtshilfe.
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Alles andere möchte man der breiten Masse der Kliniken nehmen und konzentrieren auf Schwerpunkt-Krankenhäuser und Maximalversorger, die sich überwiegend in Großstädten aufhalten. Das führt aber zu rigiden und großen Entfernungen der Bevölkerung zum nächstgelegenen Krankenhaus. Und ich warne davor, denn das wird gemeingefährlich.
Es kann nämlich passieren, dass ein Patient unterwegs ist, im Rettungsfahrzeug, weil er einen offenen Schädel hat und er muss zu einem Maximalversorger oder zu einem Schwerpunkt-Krankenhaus, die dafür geeignet sind, eine Kopfoperation durchzuführen. Aber er schafft das nicht mehr, weil er bis dahin verblutet. Dann fährt er zum nächstgelegenen Krankenhaus, das sich hüten wird, den Kopf zu operieren, aber sie werden die Erstversorgung machen, damit der Patient nicht verblutet. Und nachdem er erstversorgt und stabilisiert ist, wird er mit dem Rettungshubschrauber zum nächsten großen Krankenhaus geflogen. Und das hat etwas mit guter Qualität und flächendeckender Versorgung zu tun. Diese will man zurzeit zerstören.
- In einem Interview haben sie mal gesagt, dass Deutschland das beste Gesundheitssystem einst hatte. Was hat sich seitdem geändert? Und was müsste Deutschland tun, um diese Gesundheitsversorgung zu gewährleisten und wieder besseren zu werden?
Ich behaupte nach wie vor, das ist nämlich die kontroverse Diskussion, wir haben immer noch eines der bestversorgenden Gesundheitssysteme der Welt. Aber es steht in der Gefahr, zerschlagen zu werden – aus ökonomischen Gründen. Im Frühjahr haben selbst der Herr Spahn und selbst die Bundeskanzlerin und die Ministerpräsidenten und viele, viele andere genau dieses System gelobt. Sie haben gesagt, dass aufgrund unserer Krankenhausdichte wir gut durch die Pandemie gekommen sind. Das haben alle ratifiziert.
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Die Pflegekräfte und Ärzte wurden zu Helden der Nation apostrophiert. Und genau diese Helden kriegen jetzt die Nackenschläge. Die Mitarbeiter, die in der Corona-Pandemie unter schwierigsten Bedingungen ihre eigene Gesundheit aufs Spiel gesetzt haben, Mann und Frau gestanden haben, damit in Deutschland die Pandemiewelle gut bewältigt wird, denen sagt man, ihr werdet in Zukunft nicht wissen, ob euer Standort und euer Arbeitsplatz an der Stelle überhaupt noch existieren wird. Denn wir wollen nur noch auf die Hälfte oder ein Drittel der Krankenhäuser an großen Standorten zurückfahren.
Das ist ein Schlag ins Gesicht für die Leute, die das wichtigste tun, was es in Deutschland gibt: Leben schützen, Leben retten und für eine ordnungsgemäße medizinische Versorgung an jedem Standort in Deutschland zu sorgen. Und ich kriege einen richtig dicken Hals, wenn man diesen Menschen jetzt vorwirft, sie hätten möglicherweise mangelnde Qualität. Dann wäre ja all das im Frühjahr schiefgelaufen, wo man die Krankenhäuser gelobt hat. Und man hat den Kliniken versprochen, ihr braucht euch nicht zu sorgen, wir stützen euch.
Alle Kliniken bis maximal 199 Betten gehören zur Grund- und Regelversorgung. Wir können davon ausgehen, dass sich alle in den ländlichen Regionen scharren und manche auch in den Städten als Nebenkrankenhäuser existieren. Wenn all diese Kliniken schließen sollen, dann sind das 56 Prozent der bundesdeutschen Krankenhäuser, die man umwandeln will in kleine integrierte Versorgungszentren mit ganz wenigen stationären Behandlungsmöglichkeiten. Und das hat mit Qualität dann eben nichts mehr zu tun.
Warum gerade eben diese Empfehlung? Diese Gesundheitsberater sitzen in den Ausschüssen vom Herrn Spahn. Da gibt es mehrere. Da gibt es einen Expertenrat für die Covid-Ausgleichsfinanzierung. Da gibt es einen Beirat nach dem Krankenhausfinanzierungsgesetz. Da sitzen genau die gleichen Leute drin. Und Herr Spahn lässt sich von diesen Leuten beraten. Und deshalb hat er Krankenhäuser mit mangelnder Qualität jahrelang in der Öffentlichkeit pressewirksam beschmutzt.
- Herr Emmerich, das heißt ja dann auch, dass Sie durchaus zum Teil für die Verstaatlichung von Kliniken sind, weil so ein System sich nur mit öffentlichen Geldern weiterhin halten lässt.
Ich bin sehr wohl dafür, dass es überwiegend kommunale und gemeinnützige Krankenhäuser gibt und vielleicht noch wenige private. Warum? Nur die gemeinnützigen Krankenhäuser sind diejenigen, die dann auftreten, wenn Versorgungslücken entstehen und die bei Versorgungslücken nicht mehr darauf schauen, ob es ökonomisch ist, sondern es einfach anbieten, weil dort sonst die medizinische Betreuung in Frage gestellt ist. Die Kommunen geben Millionenbeträge aus, um Krankenhäuser zu unterstützen und das Geld mithineinzustecken, was über das DRG-Fallpauschalensystem die reguläre Vergütung der Krankenhäuser nicht ausreichend zur Verfügung stellt. Das ist das Problem. Dann gibt es einen gewissen Standortnachteil, auch da müsste man etwas tun. Man müsste den Kommunen mehr Möglichkeiten für ihre Gesundheitsversorgung geben.
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- Stimmt es, dass die Bundesregierung sogar die Schließung von Krankenhäusern fördert? Wie ist das zu erklären?
Ja, sie fördert die Schließungen von Krankenhäusern, weil es im Interesse der Regierung ist, dass weniger Krankenhäuser existieren. Die Gesundheitsökonomen argumentieren immer wieder mit der Qualität, weil es Große angeblich besser machen können. Ausgeführt wird aber dieses System eben durch diese DRG-Fallpauschalen, die eben die kleineren Kliniken in Bedrängnis bringen. Und dann wird den Betreibern der kleinen Krankenhäuser angeboten, würdet ihr eure Kliniken in andere Gesundheitseinrichtungen umwandeln, zum Beispiel Reha oder ein ambulantes medizinisches Versorgungszentrum oder eine Pflegeeinrichtung, dann bekommt ihr für die Umwandlung Fördermittel aus dem Bund und den Bundesländern.
Der Bund stellt jährlich 500 Millionen Euro und die Bundesländer ergänzend jährlich 250 Millionen Euro nur dazu bereit, dass bitteschön Krankenhäuser geschlossen werden. Und der Skandal, kurz bevor der zweite Lockdown kam, haben wir noch eine Ergänzung gefunden. Bisher hat man das so gemacht, dass man bei Covid-Patienten Zweibettzimmer ganz einfach nur mit einem Patienten belegt hat. Nun wird die Umwandlung von Zweibettzimmer in Einbettzimmer gefördert. Man brauche ja mehr Isolierzimmer, weil Covid-Patienten andere Patienten nicht anstecken dürfen. Aber glauben sie bitte nicht, dass man dann sagt, ein Krankenhaus möge bitte aus 20 Zweibettzimmern für 40 Patienten, zwanzig Einbettzimmer umwandeln und weitere 20 dazu bauen.
Sondern die Förderung der Umwandlung passiert nur dann, wenn man reduziert. Das ist aber genauso gefährlich. Denn es heißt ja jetzt in der Pandemie-Phase: Wir müssen überhaupt, um die Pandemie bewältigen zu können, andere Operationen und Behandlungen zurückstellen. Es gibt genügend Patienten, die auf einer Hüftgelenkoperation seit Monaten warten, weil ihr Zimmer für Corona-Patienten reserviert wurden. Es gibt sogar Patienten, die auf Tumor-Operationen warten.
Wir sind in einem Gesundheitssystem angelangt, wo wir nicht mehr die Kapazitäten haben, eine Pandemie und den regulären Betrieb gemeinschaftlich durchzuführen. Das ist der Skandal. Und man hat nie in der Vergangenheit dafür gesorgt, die Krankenhäuser in ihrer Kapazität so zu bemessen, dass sie einen regulären Betrieb parallel zu einem Katastrophenbetrieb bewerkstelligen können.
- Was glauben Sie? Hätten wir diesen Abbau des Gesundheitssystems nicht, die ganzen Krankenhausschließungen in den letzten Jahren, würden wir die Pandemie heute besser meistern können? Und müsste dann vielleicht auch nicht so ein harter Lockdown kommen?
Ich bin überzeugt, wir wären heute noch besser durch die Pandemie gekommen. Wie ich bereits erwähnt habe, haben wir die Bettenanzahl von rund zwei Drittel Millionen auf etwa eine halbe Million reduziert. Hätten wir die zusätzlichen Kapazitäten gehabt, dann hätte das zwei Folgen gehabt. Erstens: Wir stünden jetzt nicht vor der bangen Frage, ob die Kapazitäten für die Covid-Behandlung überhaupt ausreichen. Manche haben ja auch in der Presse von der Triage gesprochen. Wen behandelt man und wen behandelt man nicht? Und zweitens hätten wir nicht entscheiden müssen, zwischen der Frage, was wir jetzt tun. Nur noch Corona behandeln und andere Behandlungen zurückstellen? Oder andere Behandlungen durchführen und eventuell einen Kollaps bei der Corona-Behandlung provozieren.
Wir hätten beides nebeneinander durchführen können, weil wir einfach über mehr Kapazitäten verfügt hätten. Das Jahr 1991 hätte uns sicherlich besser durch die Corona-Phase gebracht, als 2019 und die Lockdown-Maßnahmen wären vielleicht nicht so rigide ausgefallen, wie sie jetzt ausfallen müssen.
- Herr Emmerich, abschließend, was wünschen Sie sich von der Politik? Und wie können die heutige Krise und die Pandemie bewältigt werden.
Ich wünsche mir als Erstes, dass jegliches Kliniksterben sofort und umgehend, ausgesetzt wird. Ich wünsche mir als Zweites eine Vertrauenserklärung der Politik gegenüber den Ärzten, Pflegekräften und Therapeuten, die sehr gute und sehr wertvolle Arbeit gemacht haben, dass die Arbeit dieser Menschen, die an der Front standen, nicht mehr beschmutzt wird, sondern gewürdigt wird. Und ich wünsche mir als Drittes eine langfristige, wohnortnahe und qualitativ gute stationäre klinische Versorgung.
- Und damit können wir auch die aktuelle Gesundheitskrise bzw. die Pandemie gut meistern.
Davon bin ich überzeugt.
Interview mit Klaus Emmerich zum Nachhören:
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