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„Deutschland im Blindflug“ – Ethikrat-Chefin kritisiert Corona-Strategie als frustrierend

© REUTERS / Pool / Sean GallupImpfzentrum in Berlin
Impfzentrum in Berlin - SNA, 1920, 19.01.2021
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Lockdown auf Shutdown et cetera? Die Chefin des Europäischen Ethikrates, Christiane Woopen, kritisiert, die Lockdowns seien keine Dauerlösung und das Nachdenken über Lockerungen hätte längst erfolgen müssen.
Die Medizinerin hat Ideen für passende Maßnahmen wie flächendeckende Tests für alle, FFP2-Maskenpflicht, Warnsysteme und QR-Codes. Freiheitseinschränkungen wie die 15-Kilometer-Regeln bedürften der Erklärung.
Das Agieren der Bundesregierung in der Corona-Krise sei bereits seit dem ersten Lockdown im vergangenen Frühjahr - abgesehen von der Corona-App und dem Impfen – von kurzfristigem, reaktivem Denken geprägt, so die Medizinethikerin Christiane Woopen bei „Spiegel-Online“.

Kontaktbeschränkung reicht nicht

„Gute Strategien, um Dinge wieder zu ermöglichen und gleichzeitig die Zahlen niedrig zu halten, werden nicht realisiert.“ Kontakte zu minimieren, wie es die Bundesregierung empfehle, reiche nicht, wie die Erfahrungen aus dem November sowie der Weihnachtszeit zeigten, weshalb es nun wieder verschärfte Maßnahmen gebe.
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„Ein Lockdown ist kein Dauerinstrument“, sagt Woopen und sie habe immer wieder betont, dass es zusätzliche Möglichkeiten gebe, das „eindimensionale Konzept sinnvoll zu erweitern“. Die 58-Jährige leitet den Lehrstuhl für Ethik und Theorie der Medizin an der Uni Köln und berät als Vorsitzende des Europäischen Ethikrats die EU-Kommission.

Effizienter: Infizierte finden

Derzeit würden 100 Prozent der Bevölkerung enorme Freiheitseinbußen zugemutet, damit weniger als ein Prozent andere nicht ansteckten: „Das ist nicht effizient“, so Woopen. Man sollte besser die aktuell Infizierten finden.
Wenn fast alle Bundesbürger innerhalb von zwei, drei Wochen einmal durchgetestet würden – und sie sich danach immer wieder selbst testen bzw. in Schulen, Büros etc. getestet würden. Denn das eigentliche Problem sei, dass Menschen ohne Symptome herumliefen und gar nicht wüssten, dass sie das Virus verbreiten.

Besser als nichts tun: Schnelltests

Mit Blick auf mögliche Fehlbestimmungen sollte es bundesweit mit geprüften Tests gearbeitet werden, die zu mehr als 95 Prozent genau seien. Aber selbst wenn die Schnelltests zur Selbstanwendung nur 60 Prozent der positiven Fälle erkennen würden, sei dies „immer noch besser, als wenn wir nichts tun“. Den statistisch gesehen könnten so sechs von zehn Menschen mit Symptomen gefunden werden, die dann einen Bestätigungstest machen und je nach Ergebnis in Quarantäne gingen. Diese Massentests gäben zwar nur eine Momentaufnahme, bei der Infizierte ohne Symptome entdeckt werden könnten, aber es sei aktiver, als nur auf Kontaktbeschränkungen zu setzen.

Menge an Test-Kits in guter Qualität

Woopen habe bereits Mitte vergangenen Dezember über Antigentests mit der Firma Roche gesprochen, die neben einer US-amerikanischen Firma liefern könne. Auch etliche kleinere Unternehmen bieten diese Qualität an. In einer gemeinsamen Kraftanstrengung, so hieß es bei Roche, sollten zusammen mit anderen Produzenten ab Ende Januar ausreichend Schnelltests für Massenuntersuchungen in Deutschland vorhanden sein.

Personal schulen in 30 Minuten

Um einen Abstrich zu machen könnten die eingerichteten Impfzentren genutzt werden, die noch leer stehen oder „im Tröpfelmodus“ liefen. Im Hinblick auf das nötige geschulte Personal zur Durchführung der Tests ist Ärztin Woopen der Auffassung „das ist kein Hexenwerk“ und innerhalb einer halben Stunde zu erlernen: Zu schulen sei lediglich der Umgang mit den Stäbchen. Der Rest sei wie bei einem Schwangerschaftstest, so Woopen. Allerdings dürfe nicht viel später als nach 15 Minuten abgelesen werden, da es sonst sogenannte falsch positive Befunde geben könnte.

30 Euro statt Milliardenhilfen

Schnelltests könnten so in Schulen, Altenheimen, Betrieben, bei Veranstaltungen eingesetzt werden, meint Woopen: „Idealerweise sollte jeder zu Hause einen Papierstreifen haben, auf den er morgens Speichel aufträgt, um schnell festzustellen, ob er positiv ist oder nicht. Solche Entwicklungen gibt es, allein die EU fördert ein europäisches Projekt mit drei unterschiedlichen Schnelltests.“ Deren Technik sei im Hinblick auf die Zuverlässigkeit vielversprechend und bei einem Kostenpunkt von weniger als einem Euro soll 20 Sekunden dauern. Das funktioniere etwa so, dass bei einem solchen Test Antikörper an kleinen Latexkügelchen aufgebracht seien, die in Kontakt mit den Virusbestandteilen im Speichel einen gut sichtbaren Latexklumpen als Reaktion hervorbrächten.
„Wenn es geboten erscheint, jemanden bis zur Impfung täglich zu testen, etwa die Erzieherin oder den Kellner, und wir dafür pro Monat 30 Euro ausgeben, finde ich das einen übersichtlichen Betrag im Vergleich zu jenen Milliarden, über die wir ohnehin reden. Ganz zu schweigen von den ideellen Verlusten durch die Schließung von Bildung und Kultur“, so die Medizinethikerin.
Bei der bestimmten Reihenfolge Impfberechtigter hätte Woopen als weiteres Kriterium die soziale Situation hinzugefügt: „Sozial benachteiligte Menschen leiden unter der Pandemie und ihren Folgen schwerer. Impfteams könnten in Viertel fahren, in denen Menschen unter prekären Umständen leben. Und meiner Meinung nach kommen Patienten mit schweren Vorerkrankungen, die ein hohes Risiko für einen schweren oder tödlichen Verlauf haben, zu spät dran, erst in der dritten Gruppe. Das sollte korrigiert werden.“

Weitere Ansteckungsgefahr – FFP2-Maskenpflicht, technische Warnsysteme, QR-Codes

Nach jetzigem Stand wisse man allerdings nicht, ob nicht auch Geimpfte ansteckend sein können. Daher gelte für Geimpfte wie für Personen mit negativem Schnelltest, dass sie sich auch weiterhin an alle Hygienemaßnahmen halten müssen. Selbstkontrolle sei nur ein Element, zudem plädiert Medizinerin Woopen für eine FFP2-Maskenpflicht und den Einsatz von Technik, wie Armbändern, die per Warnton oder Lichtsignal anschlügen, sollte man etwa im Betrieb einer Person zu lange zu nahe kommen. Entsprechende Schwellenwerte können risikoadäquat eingestellt werden, so Woopen. Zudem könnte das Verfolgen von Kontakten, falls jemand positiv getestet wurde, erleichtert und beschleunigt werden, was auch zu einer Entlastung der Gesundheitsämter führe: Die gefährdeten Kontakte könnten automatisiert ermittelt und benachrichtigt werden. Geräte mit derartige Warnsystemen gebe es bereits auch von einer deutschen Firma.
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In vielen Betrieben sind solche technischen Warnsysteme schon längst Teil der automatisierten Produktion, wo etwa an der Kleidung entsprechende Sensoren angebracht sind – Digitalisierung 4.0.
Auch der Einsatz von Quick Response (QR) Code hätte einen ähnlichen Ansatz. Dabei handelt es sich um eine zweidimensionale Version des Barcodes, die in der Lage ist, über den Scan mit einem mobilen Gerät eine Vielzahl von Informationen fast unmittelbar zu übertragen, wenn man etwa ein Geschäft aufsucht, ein Restaurant besucht oder vor dem Konzertsaal scannt. Die Betreiber müssten bei der Methode keine personenbezogenen Daten erheben und im Falle einer Infektion würden alle gewarnt, die zur selben Zeit am selben Ort waren: Das alles würde zudem helfen, einen Überblick über die epidemiologische Lage zu erhalten, was angesichts der infektiöseren Mutation aus England umso dringlicher sei, so Woopen: „Im Moment sind wir in Deutschland im Blindflug.“

Zu viele Bedenken, zu wenig Handeln

„Der erste Lockdown war in Ordnung, weil man zu wenig über das Virus wusste. Nach den ersten Lockerungen hörte man: Es gibt zu wenige Reagenzien, zu wenig Laborkapazität, was zunächst stimmte. Dann hieß es: Wenn wir jetzt voranschreiten, alle testen und alle Asymptomatischen entdecken, sind wir die Region, die Stadt, das Land mit den höchsten Zahlen und stehen politisch dumm da. Dann mussten die Menschen als Grund für Bedenken herhalten, die nicht dazu bereit oder nicht diszipliniert genug seien. In meinen Augen sind lange genug Bedenken geäußert worden – es gilt jetzt zu handeln.“

Freiheitseinschränkungen und der 15-Kilometer-Radius

Bei den jüngst verkündete Einschränkung des Bewegungsradius bei steigender Inzidenzzahl könnte der Nutzen geringer ausfallen, als die verursachten Probleme: „Freiheit kann in einer epidemiologischen Notlage von nationaler Tragweite eingeschränkt werden – wenn sie in Konflikt gerät mit anderen hochrangigen Gütern wie Gesundheit und Leben. Freiheitseinschränkungen müssen aber befristet und gut begründet sein.“ Eine freiheitlich-demokratische Grundordnung verlange Transparenz und Partizipation, so die Medizinethikerin. Woopen habe bereits beim ersten Lockdown im Frühjahr die offizielle Ansage, „man spräche jetzt nicht über Lockerungen“ als problematisch empfunden, denn „in der Sekunde“, in der ein Lockdown verhängt wird, müssten Konzepte entwickelt und kommuniziert werden, unter welchen Umständen der Lockdown auch wieder aufgehoben wird – mit welchen Schritten und welchen begleitenden Schutzmaßnahmen.
Wenn nun einige Menschen den Lockdown womöglich nicht mehr so ernst nähmen, so Woopen mit Blick auf die vielen Skigebietsausflügler, fehle wohl die „emotionale Spannkraft“, diese persönliche und gesellschaftliche Ausnahmesituation durchzuhalten, insbesondere wenn über den Sinn einzelner Maßnahmen in der Politik selten Einigkeit herrsche.

Angebliche Alternativlosigkeit der Politik in Frage gestellt

Es sei frustrierend, so Woopen, wenn etwa Gastronomen oder Kulturbetriebe in überzeugende Hygienekonzepte investierten, dann ohne spezifische Begründung zusperren müssten. Vom Staat als systemrelevant Kategorisiertes hinterfragt Woopen stellvertretend für die Bürger, die noch zur Arbeit gehen müssen, wo sie viele Kollegen treffen, und danach zu Hause nur noch eine Person einladen dürfen: „Die fragen sich womöglich: Reduziert mich der Staat aufs Arbeiten?“
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