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Umwelt prägt das Verhalten von Menschen und Tieren in verblüffend ähnlicher Weise - Studie

© REUTERS / HENRY NICHOLLSPassanten im Londoner Primrose Hill Park
Passanten im Londoner Primrose Hill Park - SNA, 1920, 18.01.2021
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Wie viel Einfluss hat das Umfeld und die Umwelt auf unser Verhalten? Menschen, Säugetiere und Vögel, die am selben Ort leben, verhalten sich überraschend ähnlich. Das haben Forscher aus Deutschland und Großbritannien in einer breitangelegten Untersuchung festgestellt.
Während mancher Orts Polygamie ein fester Bestandteil der Gesellschaft ist, bleibt es in vielen anderen Regionen der Welt ein Tabu. Und während in vielen Regionen Indiens traditionell überwiegend vegetarisch gekocht wird, bleibt hierzulande Fleisch nahezu unverzichtbar. Doch warum gibt es diese Unterschiede? Ob Fortpflanzungs-, Nahrungs- oder auch Migrationsverhalten, vielen Bereichen des gesellschaftlichen Lebens hat man bisher oft der jeweiligen kulturellen bzw. der religiösen Entwicklung zugeschrieben. Eine neue Studie widerspricht dieser Annahme und liefert Hinweise auf ein anderes Verständnis der anthropologischen Entwicklung.
Menschen aus Jäger- und Sammlergesellschaften organisieren sich ihr Leben bei der Nahrungssuche, Fortpflanzung, Betreuung des Nachwuchses und sogar hinsichtlich ihres sozialen Umfelds ähnlich wie Säugetier- und Vogelarten, mit denen sie diesen Lebensraum teilen. Das ist das Ergebnis einer neuen Untersuchung von Wissenschaftlern des Max-Planck-Instituts für evolutionäre Anthropologie der Universität Bonn und der University of Bristol in Großbritannien. Umweltfaktoren hätten der Studie zufolge – trotz der sehr unterschiedlichen Hintergründe – einen entscheidenden Einfluss darauf, wie sich Menschen und nicht-menschliche Arten bei der Nahrungssuche verhalten.
Die Forscher haben Daten von mehr als 300 Orten auf der ganzen Welt zusammengetragen, um dann das Verhalten menschlicher Populationen sowie anderer Säugetier- und Vogelarten, die an diesen Orten leben, zu beschreiben. Die Ergebnisse zeigen, dass sich der Mensch bei 14 von 15 untersuchten Verhaltensweisen ähnlich verhält wie die meisten anderen Arten, die am gleichen Ort leben, und dass er sich eher von Arten unterscheidet, die unter anderen Umweltbedingungen leben.

Lokale Umweltbedingungen beeinflussen

„Frühere Studien untersuchten den Einfluss von Umweltbedingungen auf das Verhalten von nahe verwandten Arten. In unserer Studie haben wir nun aus einer vergleichenden Perspektive sehr unterschiedliche Arten – Menschen, Säugetiere und Vögel – systematisch über eine breite Palette von Verhaltensweisen hinweg miteinander verglichen. Unsere Ergebnisse zeigen, wie bemerkenswert durchdringend und konsistent der Einfluss lokaler Umweltbedingungen auf das Verhalten ist“, sagt Autor Toman Barsbai von der University of Bristol und dem Institut für Weltwirtschaft Kiel. Die Ähnlichkeiten fänden sich nicht nur bei den Verhaltensweisen mit direktem Bezug zur Umwelt, wie der Nahrungssuche, wo die Wissenschaftler eine klare Korrelation erwartet haben, sondern auch beim Fortpflanzungs- und Sozialverhalten, die weniger von lokalen Umweltfaktoren abhängig zu sein schienen.
In Lebensräumen, wo Menschen vermehrt auf die Jagd angewiesen seien, stellten die Studienautoren einen größeren Anteil von fleischfressenden Säugetieren und Vögeln fest als in anderen Regionen. Ähnliche Assoziationen gebe es auch für die Abhängigkeit vom Fischfang, bei der Entfernung, die man für die Nahrungssuche zurücklegt, bei Nahrungsvorräten sowie bei einer „jahreszeitenbedingten Migration“. Dabei sei jedes Verhalten bei Menschen, anderen Säugetieren und Vögeln an manchen Orten intensiver ausgeprägt als an anderen.
Erde (Symbolbild) - SNA, 1920, 14.01.2021
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Auch beim Fortpflanzungsverhalten, was den Zeitpunkt der ersten Fortpflanzung betrifft, haben die Forscher unter anderem große Unterschiede zwischen den Populationen beobachtet. Während in einigen menschlichen Populationen Männer durchschnittlich im Alter von 30 Jahren zum ersten Mal Vater werden, kann das Durchschnittsalter in anderen Populationen weniger als 20 Jahre sein. Auch hier haben die Autoren Parallelen zu den dort lebenden Säugetieren und Vögeln beobachtet. Diese Beobachtungen betreffen auch weitere Variablen, wie den Anteil der Individuen, die mehrere Partner haben, Entfernungen nach der Suche eines Partners und sogar der Wahrscheinlichkeit einer Trennung von zwei zusammenlebenden Individuen.

Ursachen für die Verhaltenskonvergenz

Erkenntnisse aus der Studie deuten darauf hin, dass die lokalen Umweltbedingungen für diese „Verhaltenskonvergenz“ verantwortlich sein könnten. Die Kenntnis der Umweltbedingungen eines Ortes ermögliche es den Forschern zu erklären, welche Verhaltensweisen dort zu erwarten sind. Es sei jedoch noch nicht klar, welche spezifischen Umweltfaktoren für bestimmte Verhaltensweisen von besonderer Bedeutung sind oder welche Mechanismen sie miteinander verbinden, schreiben die Forscher.
Von den Assoziationen bei Menschen, Säugetieren und Vögeln zeigten sich die Wissenschaftler Überrascht. Autor Dieter Lukas vom Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie sagte:
„Es ist zu erwarten, dass verschiedene Arten ihre Umwelt auf sehr unterschiedliche Weise wahrnehmen und mit ihr interagieren. Selbst wenn sie am Ende das gleiche Verhalten zeigen, könnten sie auf unterschiedlichen Wegen dorthin gelangt sein. Insbesondere die Flexibilität, mit der Menschen ihr Verhalten an Lebensräume auf der ganzen Welt anpassen, wird wahrscheinlich dadurch ermöglicht, dass wir von anderen Menschen lernen und auf diesem Weg Informationen über Generationen hinweg aufbauen.“
Dieter Lukas
Max-Planck-Institut
Die Anthropologen konzentrierten sich in ihren Untersuchungen vor allem auf menschliche Populationen, die den Großteil ihrer Nahrung durch Nahrungssuche innerhalb ihres Lebensraums gewinnen. „Es wäre interessant herauszufinden, wie viele dieser Umweltrestriktionen andere Gesellschaften prägen, in denen Individuen ihre Nahrung durch landwirtschaftliche Spezialisierung und Handel erhalten“, sagte Autor Andreas Pondorfer von der Universität Bonn. Es werde oft angenommen, dass Menschen durch das Betreiben von Landwirtschaft weniger von ihrer Umwelt abhängig seien, merkte er an. „Dennoch könnten auch in diesen Populationen Individuen nicht so unabhängig von der Umwelt sein, wie wir denken und vielleicht könnte ihr Verhalten auch immer noch Anpassungen widerspiegeln, die vor Einführung der Landwirtschaft stattgefunden haben.“
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