Studie: Harter Lockdown führt nicht zwingend zur Eindämmung der Pandemie

© SNA / Christian MangLockdown in Berlin (Archivbild)
Lockdown in Berlin (Archivbild) - SNA, 1920, 18.01.2021
Der renommierte Wissenschaftler John Ioannidis von der US-amerikanischen Stanford-Universität hat eine Studie vorgelegt, die den Nutzen eines Lockdowns zur Eindämmung der Corona-Pandemie anzweifelt.
Der renommierte Gesundheitswissenschaftler und Statistiker John Ioannidis hat zusammen mit dem Infektiologen Eran Bendavid an der Universität Stanford eine Studie durchgeführt und im britischen Fachmagazin „European Journal of Clinical Investigation“ publiziert.
Die beiden Forscher haben die Wirksamkeit von harten Lockdown-Maßnahmen in Bezug auf das Infektionsgeschehen in gut einem Dutzend Ländern untersucht.

Lockdown hat kaum Einfluss auf das Infektionsgeschehen

Ioannidis und Bendavid kommen zu dem Schluss, dass die Maßnahmen wenig zielführend sind – vor allem wenn man die Konsequenzen auf die anderen Bereiche des Lebens mit in die Waagschale wirft.
Untersucht wurden in der Studie, welchen Effekt der Lockdown in England, Frankreich, Deutschland, Iran, Niederlande, Spanien, Italien und den USA hatte – also in acht Ländern mit besonders restriktiven NPIs (nicht-pharmazeutische Interventionen) – im Vergleich zu Schweden und Südkorea mit weniger einschränkendem Lockdown.
Das Ergebnis ist ernüchternd:

“Nach Abzug der epidemischen und restriktiven Effekte konnten wir keinen klaren, signifikanten Einfluss durch die Maßnahmen auf das Infektionsgeschehen erkennen.“

Die Forscher ergänzen:
„Ähnliche Fall-Reduzierungen können mit weniger restriktiven Interventionen erzielt werden.“

Kollateralschäden wiegen schwerer als Infektionsschäden

Die Forscher Ioanidis und Bendavid halten die erste Reaktion der Politik, zu Beginn der Pandemie einen harten Lockdown zur Eindämmung von Covid-19 zu verhängen, für nachvollziehbar, da zu dem Zeitpunkt noch wenig bekannt über das Virus war. Gerade an einigen Orten mit „Superspreading“ in Pflegeeinrichtungen und auf Veranstaltungen sei dies notwendig gewesen.
Inzwischen rechtfertigen die „Kollateralschäden“ die Lockdown-Maßnahmen nicht mehr, so Ioanidis, zu denen die Verschlechterung der wirtschaftlichen Lage, aber auch „Hunger, unterbleibende Schutzimpfungen, Zunahme von Nicht-Covid-Erkrankungen, häuslicher Missbrauch, Schädigung der psychischen Gesundheit und ein Anstieg der Suizid-Rate“ zählen.
In Deutschland sind seit der Einführung des zweiten harten Lockdowns im Dezember mehr Menschen gestorben als im gesamten Zeitraum der Pandemie zuvor. Wobei nicht nachzuweisen ist, ob die Todeszahlen trotz oder wegen des Lockdowns gestiegen sind.

Mehr Tote trotz oder wegen Lockdown?

Vergleicht man nun die Länder mit den harten Restriktionen mit Schweden und Südkorea, so sind die Ergebnisse verwirrend. Während es in Schweden im Frühjahr keinen signifikanten Anstieg an Infektionen gab, kam es in manchen Ländern mit harten Maßnahmen sogar trotz Lockdown zu einem Anstieg der Fallzahlen – dies war beispielsweise in Deutschland, Italien und Spanien der Fall.
Die Untersuchungen der Forschungsgruppe haben ergeben, dass beispielsweise in Spanien trotz eines extrem harten Lockdowns kein signifikanter Effekt bei den Infektions- und Sterbezahlen erzielt wurde. Im Gegenteil, in Frankreich stieg die Zahl der Infektionen sogar nach Einführung des Lockdowns.
Lockdown in Deutschland, Symbolbild  - SNA, 1920, 11.01.2021
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Besonders bedenklich ist das Ergebnis der Studie, dass “der Anteil von Covid-19-Toten in Pflegeheimen in Ländern mit harten Lockdown-Maßnahmen oft höher war, als in Ländern mit weniger restriktiven Maßnahmen.“
In Deutschland sind seit Einführung des zweiten harten Lockdowns im Dezember mehr Menschen gestorben als im gesamten Zeitraum der Pandemie zuvor. Wobei nicht nachzuweisen ist, ob die Todeszahlen trotz oder wegen des Lockdowns gestiegen sind.

Freiwilliges Verhalten am effektivsten

Laut Ioanidis hatten Aufforderungen an die Bevölkerung, sich der Gefahr bewusst zu sein, das soziale Verhalten zu ändern, Hygienemaßnahmen einzuhalten, den größten Effekt auf die Eindämmung der Pandemie. Die Wirkung dieser freiwilligen Maßnahmen sei in den untersuchten Ländern bereits eingetreten, bevor der Lockdown verhängt wurde.
„Mit anderen Worten, vor der Einführung von harten NPIs kam es zu einer Verringerung der sozialen Aktivitäten, die zu einer Verringerung des Fallwachstums geführt haben“, heißt es in der Studie.

Ioannidis – umstritten?

John Ioannidis von der US-amerikanischen Stanford-Universität ist einer der weltweit am meisten zitierten Wissenschaftler, wenn es um Corona geht. In Deutschland wird dagegen eher selten über seine Forschungen berichten. Der SPD-Gesundheitspolitiker Karl Lauterbach hat in der Vergangenheit sogar die Seriosität von Ioannidis angezweifelt. Ioannis hatte im Oktober eine Studie vorgelegt, in der die Sterblichkeitsrate von Covid-19 mit gut 0,2 Prozent eher in der Nähe der Grippe angesiedelt wurde und nicht bei den etwas vom Charite-Virologen Christian Drosten vermuteten 1,0 Prozent der Bevölkerung.

Nutzen wiegt das Schaden nicht auf

Im Fazit der Studie von Ioannidis und Bendavid heißt es:
„Zusammenfassend konnten wir keine eindeutigen Beweise für die Wirksamkeit restriktiver Lockdown-Maßnahmen zur Eindämmung der Covid-Pandemie Anfang 2020 finden. Wir stellen dabei weder alle Maßnahmen zum Schutz der öffentlichen Gesundheit noch die die koordinierten Kommunikationsmaßnahmen in Bezug auf die Pandemie in Frage.  Aber wir konnten keine Beweise für einen zusätzlichen Nutzen von Geschäftsschließungen und Anweisungen, zuhause zu bleiben, finden. Und selbst, falls es so einen Nutzen geben sollte, dürfte dieser nicht den vielfachen Schaden durch diese aggressiven Maßnahmen aufwiegen.“
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