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„Man kann seine Kinder schlecht mit zur Arbeit nehmen“ – Bestatter in Zeiten der Pandemie

© AP Photo / Markus SchreiberLeichenhalle des Krematoriums in Meißen, Deutschland
Leichenhalle des Krematoriums in Meißen, Deutschland  - SNA, 1920, 14.01.2021
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Bei den Schauerbildern aus Meißen, wo sich im Krematorium in Plastikfolie eingeschlagene Holzsärge mit Covid-19-Toten stapeln, stellt sich die Frage: Sind die Bestatter überfordert?
Wie die Branche mit den Herausforderungen der Pandemie umgeht, hat Elke Herrnberger, Sprecherin des Bundesverbandes deutscher Bestatter im Interview erklärt.
- Frau Herrnberger, die Corona-Pandemie hält die Welt nun schon seit einem Jahr in Atem und trotz der neu entwickelten Impfstoffe ist noch kein Ende des Ausnahmezustandes in Sicht. Die Bestatterbranche ist angesichts eines tödlichen Virus natürlich besonders gefordert. So wie die Krankenhäuser, da gab es Engpässe beispielsweise bei den Materialien. Wenn Sie sich an die Anfänge der Pandemie erinnern, als immer mehr Menschen sich auch hierzulande ansteckten und starben, über das neuartige Virus aber noch so gut wie gar nichts bekannt war – wie haben da die Bestatter reagiert? Gab es Angst, mit mutmaßlichen Covid-19-Toten in einem Raum zu sein oder sie zu berühren? Welche Maßnahmen hat man ergriffen, um seine Mitarbeiter entsprechend zu schützen?
Die Bestatter sind vertraut mit Infektionen, das ist auch Teil der Ausbildung einer Bestattungsfachkraft. Es gibt ja nicht nur das Covid-19-Virus, sondern auch Sars, Mers, Influenza usw. Als Bestatter ist man damit natürlich nicht in dem Maße wie mit Corona konfrontiert, nichtsdestotrotz gehören Schutzausrüstung, der Gebrauch von Schutz- und Desinfektionsmitteln zur täglichen Arbeit der Bestatter.
In der Tat war die Lage am Anfang fast dramatisch. Glücklicherweise haben wir unter den Bestattern eine sehr große Kollegialität. Wir haben Kapazitätsportale aufgebaut, und man konnte sich gegenseitig aushelfen. Man hat dann gesehen: Aha, da gibt es noch so und so viele Body Bags, in die Corona-Verstorbene verbracht werden. Oder: Habt ihr noch Desinfektionsmittel? – Ja, wir haben noch was, wir können euch was geben. Aber was damit einherging – und das war am Anfang wirklich extrem mühsam – ist, dass Bestatter nicht als systemrelevant eingestuft wurden. Man muss leider sagen: Auch nach zehn Monaten Pandemie-Erfahrung sind die Bestatter immer noch nicht bundesweit als systemrelevant anerkannt. Warum ist das wichtig? Man kann zum Beispiel seine Kinder in die Notbetreuung geben. Sie können sich ja vorstellen, dass man als Bestatter nur schlecht Homeoffice machen oder die Kinder mit ins Büro nehmen kann. Als systemrelevanter Beruf wird man auch priorisiert mit Schutzmaterialien versorgt. Auch das ist extrem wichtig, weil Bestatter nicht nur für Corona-Verstorbene Schutzmaterialien benötigen, sondern auch für jeden normal Verstorbenen.
Einkaufswagen vor einem Real-Supermarkt - SNA, 1920, 14.01.2021
Leichensäcke auf real.de bestellen – leider kein Scherz. Aber wofür?
- In verschiedenen Ländern ist es so, dass die Leichname von Covid-Patienten, die beispielsweise im Krankenhaus verstorben sind, nur im verschlossenen Leichensack herausgegeben werden, und den Angehörigen untersagt wird, diesen zu öffnen, um Infektionen zu vermeiden. Von einer Bekannten aus Kirgistan habe ich gehört, auf diese Weise habe ihre Familie statt des eigenen verstorbenen Opas einen fremden Opa bekommen. Das kann natürlich ein schockierender Einzelfall sein, eine Statistik zu solchen Verwechslungen ist mir nicht bekannt. Wie ist das in Deutschland geregelt? Können die Angehörigen ihren Verstorbenen noch einmal sehen? Gab es ähnliche Fälle von Verwechslung?
Wir folgen den Empfehlungen des RKI und empfehlen das auch allen Bestattern. Auf der Seite des RKI findet man Empfehlungen zum Umgang mit Corona-Verstorbenen. Dazu gehört tatsächlich, dass die Verstorbenen in ein Body Bag verbracht werden. Das wird von außen desinfiziert, verschlossen und gekennzeichnet. Das heißt, Sie haben den Totenschein und Sie haben die Kennzeichnung, dass derjenige, der in dieser Hülle liegt, an einer Infektion verstorben ist. Für Infektionen gibt es Ansteckungsgrade, und das wird auch auf dem Body Bag gekennzeichnet. Wenn der Bestatter also kommt, weiß er schon Bescheid, wer es ist, und dass derjenige infektiös ist. Dann wird derjenige in einen Sarg gebettet, dieser wird verschlossen und auch noch einmal desinfiziert. Und wiederum werden die Personalien aufgenommen – also normalerweise, bei einem sauberen Vorgang. Es gibt ein Einbettungsprotokoll und normalerweise eine lückenlose Dokumentation von dem Verstorbenen. Natürlich gibt es immer mal wieder eine Schlagzeile über eine dramatische Verwechslung, aber in der Regel kann man das durch diese Dokumentation ausschließen.
Zum Öffnen des Body Bags: Angehörige öffnen da sowieso gar nichts. Man übergibt den Verstorbenen ja nicht aus dem Krankenhaus heraus an die Angehörigen. Ein Bestatter oder ein Überführungsdienstleister kommt und holt den Verstorbenen ab, und der wird in ein Bestattungsinstitut oder ein Krematorium verbracht. Mittlerweile ist es schon vom RKI gestattet, auch eine offene Aufbahrung zu machen. Das heißt, man kann den Verstorbenen noch einmal sehen. Aber das ist mit einem enorm hohen Aufwand verbunden. Man muss dafür sorgen, dass alles desinfiziert ist, dass der Verstorbene nicht mehr ausatmet. Die Keime sterben nämlich nicht mit dem Menschen und die Viren bleiben ansteckend.
Peter Kremsner, Leiter der Studie zum mRNA-Impfstoff von Curevac an der Universtität Tübingen - SNA, 1920, 19.12.2020
„Es wird Todesfälle geben und man wird sie untersuchen müssen“ – Curevac-Studienleiter
Wie lange? Es gibt unterschiedliche wissenschaftliche Erkenntnisse, die noch nicht ganz festgelegt sind, aber drei, vier Tage auf jeden Fall. In der Zeit ist ein Verstorbener hochviral, aber nichtsdestotrotz, unter den entsprechenden Sicherheitsvorkehrungen ist es durchaus möglich – natürlich mit Abstand, mit Maske, mit Lüften und ohne Berührungen – sich von einem Verstorbenen in einem offenen Sarg zu verabschieden. Man muss das aber wirklich abwägen. Es gibt mittlerweile viele andere Möglichkeiten. Manche machen es auch so, dass die Bestatter das tun. Die machen dann ein Foto von dem Verstorbenen und fragen die Angehörigen, ob sie es sehen möchten. Oder sie fragen sie, ob sie noch eine Beigabe in den Sarg geben möchten – ein Kuscheltier, einen Brief, ein Foto oder sowas ähnliches –, um diese Verbindung herzustellen.
- Aus verschiedenen Ecken der Welt kennen wir leider auch Bilder der Überforderung, wo sich Särge türmen und ähnliches. Zuletzt hatte es entsprechende Meldungen aus Meißen gegeben. Stehen solche Bilder nur für vereinzelte Regionen oder Zeiten mit besonders vielen Todesfällen, oder sprechen sie von einer Überforderung in der gesamten Branche?
Das kann man nicht sagen. Meißen ist wirklich ein Einzelfall und nicht die Regel. Da kommen wahrscheinlich mehrere Komponenten zusammen. Aber ich habe mit anderen Krematorien gesprochen, die in Ostdeutschland oder deutschlandweit agieren. Wir haben selbst auch eine Arbeitsgemeinschaft von Krematorien – das sind etwa 60 Krematorien, die sich zusammengeschlossen haben. Diese waren bereit, da auch zu entlasten, kollegial zu helfen. Man muss nur eben diese Frage stellen und Hilfe annehmen können. In der Regel ist es so: Alle haben gut zu tun. Der Osten hat gut zu tun, besonders Sachsen. Dort gibt es enorm hohe Inzidenzzahlen, und das geht auch damit einher, dass wir dort noch einmal eine ganz andere demografische Linie haben. Es gab ja eine große Abwanderung von jungen Menschen aus Sachsen, und wir haben gesehen, dass die Sterblichkeit bei den Menschen über 80 besonders hoch ist. Und da kommen Dinge zusammen, sodass es sich in Sachsen beispielsweise verdichtet.
Da spielt noch die Art der Bestattung eine Rolle. Wir haben einen Trend zu Feuerbestattungen, und selbstverständlich ist ein bereits Feuerbestatteter nicht mehr infektiös. Das hat natürlich für die Trauergemeinde auch den Vorteil, dass man etwas länger warten darf. Erdbestattungen müssen ja in einem relativ kurzen Zeitraum durchgeführt werden, eine Urne darf auch mal mehrere Wochen warten. Mit 72 Prozent gibt es ohnehin einen deutlichen Trend zu Feuerbestattungen in Deutschland, im Osten noch stärker als im Westen, im städtischen Bereich ausgeprägter als im ländlichen Bereich, teilweise bis zu 90 Prozent.
- Dennoch müssen zumindest die Bestatter weiter mit den Verstorbenen direkt interagieren. Wie stark betroffen waren denn Bestatter in puncto Infektionen? Gab es da auch Personalengpässe wegen überdurchschnittlich hoher Infektionsraten?
Da zahlt es sich tatsächlich aus, dass Bestatter Profis sind, was Infektionsschutz angeht. Wir haben zum Glück keine Kollegen zu beklagen. Aber es ist natürlich trotzdem sehr aufwendig und anstrengend gewesen.
- Hat es denn neue „Trends“ bei den Verabschiedungsritualen gegeben, die sich in Pandemie-Zeiten entwickelt haben?
Ja, die haben wir tatsächlich. Wir mussten und müssen ja auf die Infektionsregeln achten. Was beispielsweise gemacht wurde, ist, dass die Trauerfeiern gestreamt wurden. Für Angehörige, die entweder selbst in Quarantäne waren, nicht anreisen konnten oder nicht anreisen wollten, weil sie Angst hatten, sich anzustecken. Da hat sich der Bestatter eben auch technisch aufgerüstet, und die Trauerfeiern konnten live übertragen werden. Oder sie wurden in einem Video-Erinnerungstagebuch oder Foto-Tagebuch festgehalten. Das wurde dann den Angehörigen mitgegeben, zugeschickt oder zum Download angeboten. Das ist tatsächlich etwas Neues, das hatten wir in dieser Form und in dieser Ausprägung vor der Pandemie nicht.
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