Neoliberalismus verschärft Einsamkeit im Lockdown

© AFP 2022 / CHRISTOF STACHEEin Fußgänger vor dem geschlossenen Modegeschäft in München
Ein Fußgänger vor dem geschlossenen Modegeschäft in München - SNA, 1920, 12.01.2021
Im Lockdown fühlen sich viele Menschen isoliert und allein. Doch wie sehr, dass hängt auch vom gesellschaftlichen System ab, in dem sie sich befinden. Forscher haben nun nachgewiesen, dass sich Betroffene in einem neoliberalen System nicht nur einsamer fühlten, sondern auch über eine schlechtere psychische Gesundheit klagten.
Menschen, die sich sowieso durch die Kontaktbeschränkungen in der Corona-Pandemie beeinträchtig fühlen, leiden offenbar mehr, wenn sie sich in einem neoliberalen Gesellschaftssystem befinden. Zu diesem Ergebnis kamen Wissenschaftler der Universität Osnabrück in Kooperation mit der University of Queensland, (Australien) um die Sozialpsychologin Julia Becker. In ihrer Studie kommen sie zu dem Ergebnis, dass Einsamkeit und psychische Gesundheit nicht in einem luftleeren Raum entstehen, sondern vom gesellschaftlichen Klima abhängig sind.

Mehr Konkurrenzdenken durch den neoliberalen Gedanken

Der neoliberale Gedanke des freien Wettbewerbs und individueller Verantwortlichkeit könne dazu führen, dass sich Menschen mehr in Konkurrenz zu anderen sehen. Zudem fühlten sie sich weniger von ihren sozialen Gruppen und Netzwerken unterstützt, was wiederum zu vermehrter Einsamkeit und schlechterer psychischer Gesundheit führe, so das Ergebnis.
Die Autorinnen und Autoren führten die Studien in Deutschland, Großbritannien und den USA durch. Sie untersuchten, inwieweit der Neoliberalismus das individuelle Einsamkeitsempfinden beeinflusst. Unter Neoliberalismus versteht man, dass die Wirtschaft und die Gesellschaft nach den Prinzipien des freien Marktes organisiert und staatliche Interventionen in die Wirtschaft minimiert werden. Dahinter steckt die Idee, dass Fortschritt am besten durch individuelle Verantwortlichkeiten und Wettbewerbsfreiheit erzielt werden kann.
Werbung für Kinder (Symbolbild) - SNA, 1920, 10.01.2021
„Mit Fast Food und Cola vor dem Fernseher verschimmeln“ – Wie Kinder unter dem Lockdown leiden

Mehr Einsamkeit durch eine neoliberale Gesellschaft

„In der ersten Studie fanden wir heraus, dass sich diejenigen einsamer fühlten und über eine schlechtere psychische Gesundheit berichten, die die deutsche Gesellschaft stärker neoliberal wahrnahmen im Vergleich zu denjenigen, welche die deutsche Gesellschaft weniger neoliberal wahrnehmen“, so die Studienleiterin.

Julia Becker
Universität Osnabrück
Neoliberalismus wurde in der Studie über drei Komponenten erfasst:
ökonomische Freiheit (die Wirtschaft wird über den freien Markt reguliert, es gibt wenig staatliche Interventionen)
individuelle Verantwortlichkeit (jeder ist seines Glückes Schmied, der Leistungsgedanke steht im Vordergrund)
soziale Ungleichheit (Arbeitsplätze, Wohnraum und andere gesellschaftliche Ressourcen werden im freien Wettbewerb verteilt, sodass die Stärkeren den größten Anteil bekommen).

Schlechtere psychische Gesundheit durch Neoliberalismus

In den zwei weiteren Studien zu zentralen Aspekten einer neoliberalen Gesellschaft (ökonomische Freiheit, individueller Verantwortlichkeit und sozialer Ungleichheit) zeigte sich, dass die Vorstellung der neoliberalen Gesellschaft die Probanden einsamer machte. Im Vergleich zu denjenigen, die sich eine sozial gerechte Gesellschaft vorstellen sollten, bericheteten sie von einer schlechteren psychischen Gesundheit.
Damit fühlten sich die Studienautoren in ihren Prämissen bestätigt:
Neoliberalismus führe erstens dazu, dass sich die Menschen mehr in Konkurrenz mit anderen sahen und zweitens, dass sie das Gefühl hätten, dass sie keine sozialen Gruppen haben, die sie unterstützen. Beides führe zu Einsamkeit, welche sich wiederum negativ auf die psychische Gesundheit der Teilnehmerinnen und Teilnehmer auswirkte.
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