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„Die Deutschen sind unendlich dumm“: Der Auftakt des Dostojewski-Jahres in der „NZZ“

© SNA / Pawel Balabanow (Reproduktion)Dostojewski-Porträt von Wassili Perow
Dostojewski-Porträt von Wassili Perow - SNA, 1920, 11.01.2021
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2021 kann als Dostojewski-Jahr gelten: Am 9. Februar jährt sich sein Todestag zum 140. Mal, im Herbst wird der 200. Geburtstag des Klassikers gefeiert, der auch im Westen zu den populärsten russischen Autoren zählt. Als eine der Ersten läutet die „NZZ“ die Feierlichkeiten ein – mit einem imaginären und ziemlich fragwürdigen Dostojewski-„Interview“.
Ulrich M. Schmid hat sich nach eigenen Angaben „auf klandestinen Wegen“ mit dem großen Romancier unterhalten. Im Klartext: Der Journalist hat Fjodor Dostojewskis Briefe und Werke durchstöbert und Zitate ausgesucht, die nach seiner Meinung mehr oder weniger zu aktuellen Themen des heutigen Tages passen würden. Immerhin schickt Schmid im Lead-Satz voraus, das Werk des russischen Klassikers sei „aktueller denn je“. Das „Interview“ erschien in der Feuilleton-Rubrik der „Neuen Zürcher Zeitung“ und soll daher nicht allzu ernst genommen werden. Dennoch ist die Absicht des Interviewers klar zu erkennen, Dostojewskis Ansichten in der präsentierten Selektion als hoffnungslos konservativ und skandalös taktlos zu präsentieren, so dass die Zitate alles andere als „aktueller denn je“ erscheinen.
Das Verhältnis zwischen Europa und Russland ist nachhaltig gestört. Warum ist das so?“, lautet eine der Fragen an den Klassiker. Die Antwort:

„Was hat denn Russland in den vergangenen Jahrhunderten getan, wenn nicht Europa gedient, vielleicht sogar mehr als sich selbst? Oh, die Völker Europas wissen nicht einmal, wie sehr wir sie lieben. Ein richtiger Russe zu werden, heißt, danach zu streben, die europäischen Widersprüche endgültig zu lösen, der europäischen Schwermut den Ausweg in die russische Seele zu weisen und vielleicht schließlich das letzte Wort einer großen, allgemeinen Harmonie, eines brüderlichen, endgültigen Einverständnisses aller Nationen in Christi froher Botschaft zu sprechen.“

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Aus der „großen, allgemeinen Harmonie“ und dem „brüderlichen Einverständnis aller Nationen“ ist bekanntlich auch 140 Jahre nach Dostojewskis Tod nichts geworden. Ganz im Gegenteil: Nach seinem Ableben 1881 haben die Nationen zwei Weltkriege sowie unzählige lokale Konflikte ausgetragen. Auch aus der Mitte des 20. Jahrhunderts erstmals unterbreiteten Idee eines „Europa von Lissabon bis Wladiwostok“ ist nichts geworden.
In Ihrem Werk erwähnen Sie Karl Marx nur einmal en passant, obwohl Sie fast dieselben Lebensdaten haben. Wie beurteilen Sie die marxistische Philosophie und ihre revolutionäre Umsetzung?, lautet eine weitere Frage. Die Antwort von Dostojewski, der 36 Jahre vor der Oktoberrevolution 1917 in Russland bereits tot war, klingt heute überaus markant:

„Wir haben (…) den Sozialismus als endgültige Lösung der Vereinigung aller Menschen angenommen. Wir haben das als erreichtes Ziel angenommen, was den Gipfel des Egoismus, den Gipfel der Verleumdung der menschlichen Natur, den Gipfel der Zerstörung jeglicher Freiheit der Menschen bedeutet, aber das hat uns alles überhaupt nicht gestört. Wir haben uns so von unserer russischen Erde entfernt, dass wir sogar alles Verständnis dafür verloren haben, wie stark die Lehre des Sozialismus der russischen Volksseele widerspricht.“

Nicht viel mehr übrig hat Dostojewski allerdings auch für den Liberalismus:
„Die Liberalen gehen so weit, dass sie Russland selbst verneinen, mithin ihre eigene Mutter hassen und schlagen. Jedes unglückliche und negative russische Phänomen reizt sie zum Lachen. (…) Sie hassen die nationalen Traditionen, die russische Geschichte, alles.“
Der einzige für den Klassiker denkbare Weg liegt im tiefen religiösen Glauben, und zwar ausschließlich in der russisch-orthodoxen Religion:
„Der Russe kennt nichts Höheres als das Christentum und kann sich auch nichts Höheres vorstellen. Er nennt sein ganzes Land, seine ganze Gemeinschaft, ganz Russland – Christentum. Denken Sie noch an die Orthodoxie: Sie besteht doch nicht nur in kirchlichen Gebräuchen, sie ist ein lebendiges Gefühl, das sich bei unserem Volke in ein lebensspendendes Element verwandelt hat.“
Das Christentum existiert für Dostojewski nämlich nur in der russisch-orthodoxen Auslegung. Denn:
„Der römische Katholizismus ist noch schlimmer als der Atheismus. (…) Der Atheismus verkündet nur die Null, der Katholizismus aber geht weiter: Er verkündigt den entstellten Christus, den er selbst verleugnet und geschändet hat, den Gegen-Christus! Er verkündigt den Antichrist, ich schwöre es Ihnen!“
In seiner Jugend hatte sich Dostojewski stark nach Europa gesehnt, dieses bewundert und idealisiert – allerdings aus der Ferne. Erst mit 41 reiste der Schriftsteller erstmals nach Europa – und umso stärker wurde er desillusioniert und enttäuscht, was wohl nur zum Teil dadurch zu erklären wäre, dass er streckenweise (insgesamt verbrachte Dostojewski – mit Unterbrechungen – fünfeinhalb Jahre in Europa) unter äußerst kargen materiellen Bedingungen leben musste. Auch die Notwendigkeit, ständig in Fremdsprachen zu kommunizieren, muss den Autor, der auf Russisch, über die Russen und für die Russen geschrieben hat, belastet haben. Sicherlich wirkte sich all das auf die Wahrnehmung der Menschen um ihn herum aus. Zu dem Problem pickte der „Interviewer“ folgendes Zitat aus Dostojewskis Antwort heraus:
„In Deutschland überrascht mich vor allem die Dummheit des Volkes. Die Deutschen sind unendlich dumm, sie sind unfassbar dumm. Wir dagegen haben eine Nation gebildet, Asien für immer gestoppt, unendlich viele Qualen erlitten (…), wir haben den russischen Gedanken nicht verloren, der die Welt erneuern wird (…), wir haben schließlich die Deutschen ertragen, und trotzdem ist unser Volk unendlich viel höher, edler, ehrlicher, naiver, fähiger und beseelt von einem anderen, höchsten christlichen Gedanken, den Europa mit seinem verfaulten Katholizismus und seinem dummen, widersprüchlichen Lutheranertum nicht versteht.“
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Ganz bestimmt hätte Dostojewski seine Meinung über die Deutschen und die Europäer insgesamt geändert, hätte er gewusst, mit welchem Interesse, ja auch mit Entzückung und Bewunderung seine Werke in Europa – leider erst nach seinem Tod – gelesen und analysiert werden. Besonders ausgeprägt war der Dostojewski-„Hype“ gerade im deutschsprachigen Raum. Ob Friedrich Nietzsche oder Siegmund Freud, ob Stefan Zweig oder Thomas Mann, um die berühmtesten Namen zu nennen – sie alle sprachen beziehungsweise schrieben über die Romane und Erzählungen des Russen mit Anerkennung, die bei manchen von ihnen an Ehrfurcht grenzte.
Aber auch weit außerhalb des deutschsprachigen Raums gaben Autorinnen und Autoren zu, von Dostojewskis Werken beeinflusst gewesen zu sein – unter anderem Jean-Paul Sartre, James Joyce, Virginia Woolf, Gabriel García Márquez, Haruki Murakami, William Faulkner, Ernest Hemingway.
Im Dostojewski-Jahr ist sicherlich mit Neuauflagen, neuen Übersetzungen, vielleicht auch neuen Verfilmungen seiner Romane zu rechnen – ungeachtet seiner, zugegeben, heutzutage ziemlich konservativ und antiquiert wirkenden Überzeugungen.
Interessanterweise hat die „Neue Zürcher Zeitung“ in den zurückliegenden Jahren – auch unabhängig von Jubiläen und sonstigen wichtigen Anlässen – mehrere Beiträge über Dostojewski veröffentlicht und damit seine Popularität weiter gefördert. Darunter waren die Artikel „Dostojewski – der rotzfreche Aufwiegler“, „Dostojewski, Großmeister der Verstörung“, „Avantgardist der Reaktion". Mag sein, dass Ulrich M. Schmids „Interview“ gerade dem Ziel dient, dem zu erwartenden „Hype“ quasi leicht entgegenzuwirken. Nicht auszuschließen wäre auch, dass Dostojewskis Meinung über die Schweizer bei dieser „NZZ“-Publikation ebenfalls eine Rolle gespielt hat.
Wie blicken Sie auf die Schweizer?“, fragt Schmid den Autor in seinem imaginären Gespräch. Dostojewskis Antwort:
„Oh, wie dumm, stumpf, nichtig ist dieser Volksstamm! Das bürgerliche Leben in dieser schäbigen Republik ist bis zum nec plus ultra entwickelt. In der Regierung und in der ganzen Schweiz gibt es nur Parteien und ein ewiges Gezänk, Pauperismus, schreckliches Mittelmaß überall.“
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