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Wie geht es den Schwächsten im Lockdown? Fünf Fragen an den Jugendforscher Michael Klundt

© AP Photo / Peter DejongDemonstrant plädiert für Lockdown des niederländischen Flughafens Schiphol
Demonstrant plädiert für Lockdown des niederländischen Flughafens Schiphol - SNA, 1920, 08.01.2021
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„Kinder und Jugendliche gehören längst zu den am stärksten Betroffenen von Corona und den Maßnahmen dagegen“, sagt der Stendaler Professor für Kinderpolitik Michael Klundt. Im Interview mit SNA schildert er die Lage und erklärt die tieferliegenden Ursachen dafür.
Herr Professor Klundt, das Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf hat für seine Studie „Corona und Psyche“ rund tausend Kinder und Jugendliche dazu befragt, wie sie die Coronakrise bislang erlebt haben. 71 Prozent der Befragten antworteten, sie fühlten sich „psychisch belastet“. 66 Prozent sagten, sie litten unter „vermindertem Wohlbefinden“ und „verminderter Lebensqualität“. Fast ein Drittel berichtete von massiven familiären Spannungen und erheblichen Problemen bei der Alltagsbewältigung. Das war im Juli 2020, nun befinden wir uns mitten im zweiten Lockdown, wie geht es den jüngsten in der Gesellschaft aktuell?
Was ich in meiner eigenen Studie im Juni und in der Kinderkommission des Deutschen Bundestages im September vorgestellt habe, wurde von den verschiedenen empirischen Forschungen untermauert. Trotz aller gegenlautender Beteuerungen der Regierung sind Kinder und Jugendliche längst zu den am stärksten Betroffenen von Corona und den Maßnahmen dagegen bundesweit und weltweit geworden. Und das Besondere: Alle Entscheidungen seit Frühjahr 2020 fallen über die Köpfe der Kinder und Jugendlichen hinweg, fast nirgendwo werden sie einbezogen oder wenigstens konsultiert oder auch nur darüber informiert, was man mit ihnen zu tun gedenkt.
Verlängerte Weihnachtsferien, nun wurde angekündigt, dass der aktuelle Lockdown bis zum 31.01. gelten werde, auf Wunsch der Bundeskanzlerin inklusive Schul- und Kitaschließungen. Kinder sind nun auch von den Kontakt-Regeln nicht mehr ausgenommen. Was macht das mit Kindern und Jugendlichen?
Das sind massive Einschränkungen von Kinderrechten, die enorme psychosoziale Folgen bewirken können. Es bleibt oft unbeachtet, dass sich schon während des Lockdowns im Frühjahrjahr 2020 Bundesliga und Baumärkte bereits lange vor der kleinsten Berücksichtigung von Kitas und Schulen großzügigster Öffnungen erfreuen durften, während zum Beispiel der außerschulische Bildungs- und Betätigungsbereich der Kinder und Jugendlichen (in Form von freier offener Jugendarbeit) sogar im Herbst/Winter 2020 immer noch nicht ausreichend berücksichtigt wurde. Das Deutsche Kinderhilfswerk äußerte daher auch die Befürchtungen für die Zukunft, dass man aufgrund der bisherigen Maßnahmen „sehr viele Kinder und Jugendliche verlieren“ werde.
Laptop  - SNA, 1920, 08.01.2021
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Sie sagen, dass die besonders vulnerablen Gruppen, Kinder aus ärmeren, unterprivilegierten Haushalten zum Beispiel – immerhin 20 Prozent der Kinder unter 18 Jahren und 25 Prozent der 18 bis 25-jährigen – vom Lockdown besonders betroffen sind. Wie muss man sich das vorstellen?
Weiterhin gilt, dass jene, die zuhause verschiedenste Möglichkeiten der Förderung haben – ein großes Haus, einen großen Garten, Pool, Akademikereltern, die wegen Homeoffice zuhause helfen können, oder sonstige Möglichkeiten der Bildung und Betätigung – ganz anders von Kontaktbeschränkungen, Homeschooling und sonstigen Maßnahmen betroffen sind als sozial benachteiligte Kinder – in einer kleinen Großstadtwohnung, ohne Garten, mit wenig Möglichkeiten sich sonst zu beschäftigen und ohne passende digitale Ausstattung sowie Förderung. Für letztere bedeutet ein Lockdown oft nochmal eine verstärkte Exklusion und für sie sind auch jetzt noch verschiedenste Maßnahmen wesentlich gravierender als für die Kinder, die sich entsprechend nicht in Armutsnähe befinden.
Wie nehmen Sie die Corona-Maßnahmen der Politik wahr? Was für Folgen wird das für die sogenannte „Generation Corona“ haben?
Wer jetzt wohlhabend aufwächst sowie reich erbt und wer dann durch keine wirksamen Reichen-, Vermögen- und Erbschaftsteuern an den Kosten der Corona-Krise beteiligt wird, kann sich nur freuen. Die anderen mehr als 90 Prozent der jungen Generation werden dafür allerdings sehr hart arbeiten und dafür sehr viel bezahlen müssen, wenn dies nicht durch veränderte Kräfteverhältnisse und gerechtere Verteilungspolitik korrigiert wird.
Die Regierung hat offensichtlich das Infektionsgeschehen – den sogenanntem R‑Wert, der vom RKI berechnet wird und Rückschlüsse auf die Epidemie-Entwicklung zulässt – hauptsächlich im Blick. Was würden Sie den Entscheidern bei ihrer Corona-Politik diesbezüglich aber auch allgemein raten?
Boris Palmer in Tübingen, 2019 (Archivfoto) - SNA, 1920, 07.01.2021
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Bei der Beratung zu sinnvollen und solidarischen Maßnahmen müssen die Perspektiven und die Partizipation der Kinder in den Vordergrund rücken. Daran anknüpfend gilt es: Konzepte zur Armutsbekämpfung zu entwickeln. Wichtig ist die Förderung sozialer Infrastruktur, das heißt zum Beispiel von Vereinen und Jugendclubs, mit denen Kinder und Jugendliche sich besser einbringen können.
Konkret heißt das erstens, dringend Maßnahmen gegen Armut und zur sozialen Absicherung der Kinder und Familien zu ergreifen. Zweitens müssen die kinderrechtlichen Prinzipien des Kindeswohlvorrangs, des Schutzes, der Förderung und vor allem der Beteiligung von Kindern, Jugendlichen und Jugendverbänden (wieder) aufgebaut beziehungsweise umgesetzt werden. Damit verbunden sind, drittens, Maßnahmen für einen pandemiegerechten Ausbau der sozialen Infrastruktur im Wohnumfeld – vor allem mittels Jugendhilfe und offener Arbeit.
Das ist eine verkürzte Fassung des Interviews mit Michael Klundt, Professor für Kinderpolitik im Studiengang Angewandte Kindheitswissenschaften der Hochschule Magdeburg-Stendal. Den kompletten Text veröffentlichen wir am Wochenende.
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