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Virus-Mutationen: Gesundheitsminister Spahn soll Warnung der Virologen ignoriert haben

© AP Photo / John MacDougallGesundheitsminister Jens Spahn am 6. Januar 2021
Gesundheitsminister Jens Spahn am 6. Januar 2021 - SNA, 1920, 08.01.2021
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Bereits kurz vor dem Ausbruch der Covid 19-Pandemie haben Medienberichten zufolge Fachleute vom Gesundheitsministerium eine bessere Überwachung der Virus-Mutationen gefordert. Aber es habe sich nichts getan. Nun sollen wichtige Daten fehlen.
Seit Wochen macht sich die Weltgemeinschaft vor einem veränderten Coronavirus Sorgen, das in Großbritannien entdeckt wurde und sich offenbar deutlich schneller ausbreitet als die bisherigen Varianten. Im Großraum London tragen bereits die meisten Neuinfizierten die neue Variante in sich. In Großbritannien könne man das deswegen so gut nachverfolgen, da die Veränderungen des Erreger-Erbguts gut überwacht würde. So werde etwa jeder 15. positive Corona-Test einer so genannten Genom-Sequenzierung unterzogen, berichtet die „Tageschau“. Dabei handelt es sich um eine Analysemethode, die es ermöglicht, Veränderungen im Bauplan des Virus zu entdecken.
In Deutschland soll im Vergleich dazu nur knapp jeder 900. positive Corona-Test entsprechend analysiert werden. Dadurch wisse man bis heute nicht, in welchem Ausmaß sich die neue Corona-Mutation hierzulande bereits verbreitet hat.
Mehrere tausend Fälle der neuen Mutation seien im Vereinigten Königreich dokumentiert worden. In der Bundesrepublik seien es nach Angaben des „Robert-Koch-Instituts“ lediglich vier. „Wir sind in Deutschland, was die molekulare Überwachung des Coronavirus angeht, wirklich miserabel“, sagt der Leiter der Virologie der Universität Freiburg, Hartmut Hengel, gegenüber der „Süddeutschen Zeitung“ („SZ“): „Wir sequenzieren ohne repräsentative Probenerfassung auf dem Niveau eines Entwicklungslandes.“ Seiner Ansicht nach könne in Deutschland viel Zeit vergehen, ohne dass die Virus-Mutation bemerkt wird.
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„Dringendes" Schreiben an Spahn

Die „Gesellschaft für Virologie“ gemeinsam mit der „Deutschen Gesellschaft für Hygiene und Mikrobiologie“ hatten sich schon am 19. November 2019, etwa zwei Monate vor dem Ausbruch der Pandemie, in einem „dringenden“ Schreiben an Gesundheitsminister Jens Spahn gewendet.
Der Brief liege dem NDR, WDR und der „Süddeutscher Zeitung“ vor. Darin soll unter anderem stehen, dass ein „ministerielles Eingreifen“ von Jens Spahn „unausweichlich geworden“ ist. Die Virologen und Mikrobiologen hätten den Gesundheitsminister mitgeteilt, dass ein beträchtlicher Teil der aktuell berufenen Expertenlabore ihre Aufgaben nicht mehr erfüllen könne. Bei einem Ausbruchsgeschehen fehlten so die Möglichkeiten der „molekularen Surveillance“ – einer Überwachung mittels eines genetischen Fingerabdrucks.
Laut NDR, WDR und „SZ“ habe Spahn bis heute auf das Schreiben nicht geantwortet. Der Sprecher des Gesundheitsministeriums habe die Vorwürfe zurückgewiesen. Man habe der „Gesellschaft für Hygiene“ geantwortet, sagte er laut „Tagesschau“. Ein Treffen mit den Fachgesellschaften habe bisher nicht stattgefunden, sei aber „weiterhin geplant“.

Völlig unzureichende Finanzierung

Heutzutage werde zwar an vielen Universitäten sequenziert, allerdings nur in „bescheidenem Ausmaß“, weil die Arbeit nicht finanziert werde, heißt es in dem Brief weiter:
„Die finanzielle Ausstattung vieler Nationaler Referenzzentren und Konsiliarlabore durch das Bundesgesundheitsministerium ist seit vielen Jahren völlig unzureichend, intransparent und erfolgt auf stereotype Weise durch Pauschalbeträge“, zitiert die „Tagesschau“ das Schreiben.
So könnten notwendige Untersuchungen „nicht abgerechnet werden und unterbleiben daher in vielen Fällen".
Würden also die Kosten von etwa 100 bis 150 Euro pro Sequenzierung den Universitäten erstattet, könnte Deutschland auch schnell eine bessere Kontrolle über die Mutationen bekommen, folgert Hengel, der als damaliger Präsident der „Gesellschaft für Virologie“ den Brief unterzeichnet haben soll.
Auch bei anderen Erregern funktioniere das. Seit Jahren werden Influenza- oder Masernviren in Deutschland überwacht. Nur bei Coronaviren habe das keiner angestoßen, so Hegel gegenüber der „SZ“. Es sei dringend an der Zeit, dass das Gesundheitsministerium die molekulare Überwachung in Deutschland „ans Laufen bringt“, fordert der Wissenschaftler.
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Mangelnde Virenüberwachung

„Die Dänen und die Engländer machen dieses Virusmonitoring sehr gut“, sagte Hendrik Streeck der „Tagesschau“. Der Direktor des „Instituts für Virologie“ am Universitätsklinikum Bonn habe mit seinem Diagnostiklabor bisher 143 Sequenzen von Sars-Cov-2 zur deutschen Datenbank beigesteuert. Zuletzt habe er auch nach der neuen Variante gesucht, diese aber kein einziges Mal gefunden. Er ist davon überzeugt, dass sich auch in Deutschland eine ebenso starke Virenüberwachung wie in Großbritannien „sehr schnell“ aufsetzen ließe, so Streeck weiter.
„Wenn wir den Auftrag hätten, jede hundertste oder zehnte Probe zu sequenzieren, dann würden wir das sofort tun“, betont der Virologe.
Er halte es für sehr wichtig, neben den Coronaviren weitere Viren im Auge zu behalten, um frühzeitig zu erkennen, ob sich neue Varianten bilden. Im ungünstigsten Fall bestehe die Möglichkeit, dass Viren der Diagnostik entgehen. Mutationen führten manchmal dazu, dass Viren durch Antigen- oder PCR-Tests nicht mehr erkennbar seien. Auch in solchen Fällen halte Streeck die Sequenzierungen für hilfreich.
Am Dienstag haben Bund und Länder neben weiteren Maßnahmen das Ziel gesetzt, künftig auch in Deutschland nach neuen Virus-Varianten durch verstärkte Sequenzierung zu suchen. Eine entsprechende Verordnung solle das Bundesgesundheitsministerium erlassen.
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