Registrierung erfolgreich abgeschlossen!
Klicken Sie bitte den Link aus der E-Mail, die an geschickt wurde

Schwedens Corona-Weg: Im Kreuzfeuer der Medien

© AFP 2021 / Fredrik SANDBERG / TT News AgencyCorona-Krise in Schweden (Archivfoto)
Corona-Krise in Schweden (Archivfoto) - SNA, 1920, 07.01.2021
Abonnieren
Seit Monaten heißt es hierzulande seitens Presse und Politik: Der Corona-Sonderweg Schwedens sei gescheitert. Dabei werden viele Fakten immer wieder übersehen oder gar verschwiegen. Schweden hat durchaus Erfolge vorzuweisen. Darüber hinaus macht die Regierung in Stockholm etwas, das in Berlin selten zu sehen ist: Sich bei Fehlern entschuldigen.
Um zu bewerten, ob Schwedens Regierung während der Corona-Krise einen falschen Weg eingeschlagen hat, muss man zunächst den Sonderweg des Landes genau beschreiben. Dass Schweden – wie häufig behauptet – gar keine Corona-Maßnahmen ergriffen hat, ist falsch. Doch, die von Stockholm aus erklärten Verordnungen sind weitaus weniger restriktiv als in Deutschland oder gar in Frankreich, Spanien und Großbritannien.

Hier die Fakten …

Zunächst zu den tatsächlich eingeführten Corona-Maßnahmen Schwedens: Es gab und gibt keine landesweiten Ausgangssperren und Kontaktverbote, die Schulen blieben offen, ebenso die Gastronomie und die meisten Geschäfte. Statt offizieller Verbote entschieden sich die Behörden für Empfehlungen und Appelle an die Vernunft der Menschen. Einige gesetzliche Regelungen gab es aber durchaus: Die Grenzen zu den Nicht-EU-Nachbarn sind dicht. Öffentliche Zusammenkünfte und Veranstaltungen von mehr als 50 Personen waren verboten, in Alters- und Pflegeheimen galt ein Besuchsverbot. Universitäten setzten auf Homeschooling.
Um die Risikogruppen besonders zu schützen, wurde anfangs den über 70-Jährigen in Schweden geraten, möglichst nicht einkaufen zu gehen und öffentliche Verkehrsmittel zu meiden. Diese Empfehlung wurde dann aber zurückgenommen, man befürchtete negative gesundheitliche Effekte auf die Psyche der Menschen durch Isolation und Einschränkungen. Schweden setzt also vor allem auf Freiwilligkeit. Das klappte vielerorts sehr gut: Die Arbeit wurde weitgehend in das Homeoffice verlegt, in Restaurants wurde der Abstand eingehalten. Eine Maskenpflicht gibt es in Schweden nicht.
Coronavirus-Pandemie in Deutschland  - SNA, 1920, 04.01.2021
Trotz Lockdown: Läden und Lokale wollen öffnen

Ein Fehler ist erkennbar …

Unbeschadet ist aber auch Schweden nicht durch die Krise gekommen: Vor allem in Alten- und Pflegeheimen kam es zu zahlreichen Todesfällen an oder mit der Lungenkrankheit Covid-19. Der oberste Epidemiologe des Landes, Anders Tegnell, verteidigte dennoch die Entscheidung, auf einen kompletten Lockdown zu verzichten. Gegenüber der BBC erklärte er Mitte vergangenen Jahres:
„Es ist schlimm, was wir da sehen. Ein großer Fehler war es, dass Hygienevorschriften nicht eingehalten worden seien.“
Damit bezog sich Tegnell vor allem auf die Alten- und Pflegeeinrichtungen. Mit einem Lockdown hätte man dies laut dem Mediziner aber nicht verhindern können. Viele Experten des Landes stimmen Tegnell zu. Vielmehr seien die steigenden Todeszahlen darauf zurückzuführen, dass in den vergangenen Jahrzehnten der überwiegende Teil der Alten- und Pflegeheime privatisiert, Personal abgebaut und Hygienekonzepte zurückgefahren worden seien.
Dass öffentlich Fehler zugegeben werden, kennt man aus Deutschland eher selten. Die schwedische Regierung und Epidemiologe Tegnell machten es auch hier anders. Gegenüber schwedischen Medien erklärte man, dass das Virus viel unvorhersehbarer gewesen sei als erwartet. Man bedauere, nicht von Anfang an den Fokus auf die Altenpflege gelegt zu haben. Dies wolle man nun ändern.

Die Zahlen sprechen für sich …

Dass ein harter Lockdown kein Allheilmittel ist, wird durch einen Blick auf die Zahlen deutlich. Schweden verzeichnete im vergangenen Jahr pro eine Million Einwohner 887 so genannte Corona-Tote. In Ländern mit einem scharfen Lockdown war die Situation teils verheerender: Frankreich verzeichnete 1001 Tote pro eine Million Einwohner, Spanien 1092, Großbritannien 1108, Bulgarien 1132, Italien 1253 und Belgien sogar 1700 Verstorbene an oder mit Covid-19.
Zur Wahrheit gehört aber auch, dass die Nachbarn Norwegen, Finnland und Dänemark in dieser Statistik besser dastehen. Wirtschaftlich mussten diese drei Länder im Vergleich zu Schweden jedoch einen höheren Einbruch der Wirtschaftsleistung verzeichnen. Auch dürfte es in Lockdown-Ländern weit mehr so genannte Kollateralschäden der Corona-Maßnahmen geben, beispielsweise psychische Schäden und Vereinsamung.
Eine Kilinik in Hanau, Hessen - SNA, 1920, 07.01.2021
Europäisches WHO-Büro sieht Wendepunkt im Verlauf der Corona-Pandemie

Erst einmal abwarten …

Dennoch könnte sich der Weg Schwedens bald doch verschärfen – jedoch erst einmal nur theoretisch. Im Frühjahr 2020 verabschiedete das schwedische Parlament auf Initiative der rot-grünen Minderheitsregierung von Ministerpräsident Stefan Löfvén ein Gesetz, dass es ermöglichen sollte, weite Teile der Wirtschaft und Gesellschaft herunterzufahren. Das Gesetz war befristet und lief im Sommer 2020 aus. Am 8. Januar 2021 tritt das Parlament nun in einer Sondersitzung erneut zusammen, um das damalige Gesetz zu reaktivieren.
Das bedeutet aber nicht zwangsweise, dass es in Schweden zu einem Lockdown kommen wird. Auch ist das Gesetz noch nicht verabschiedet, da es bislang massive Kritik seitens der Opposition gibt. Doch selbst wenn, dürfte Schweden auch in Zukunft meilenweit von einem Null-Toleranz-Lockdown nach französischen Vorbild entfernt bleiben. Übrigens: Schweden verzeichnete im ganzen vergangenen Jahr im Durchschnitt keine Übersterblichkeit im Vergleich zu den Vorjahren. Auch das gehört zur Wahrheit dazu.
Newsticker
0
Um an der Diskussion teilzunehmen,
loggen Sie sich ein oder registrieren Sie sich
loader
Chats
Заголовок открываемого материала