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„In Russland genießt man mehr Freiheiten“: Deutsche ziehen Vergleich bei Lockdown und Impfstoffen

© AFP 2021 / TOBIAS SCHWARZDie Polizei steht bereit, während Menschen mit Gesichtsmasken am 6. Januar 2021 in der Warteschlange stehen, um Zugang zum Impfzentrum in der Arena im Berliner Stadtteil Treptow zu erhalten.
Die Polizei steht bereit, während Menschen mit Gesichtsmasken am 6. Januar 2021 in der Warteschlange stehen, um Zugang zum Impfzentrum in der Arena im Berliner Stadtteil Treptow zu erhalten. - SNA, 1920, 07.01.2021
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Während Deutschland den Lockdown verlängert hat, bleiben russische Geschäfte samt Gastronomie geöffnet, ohne dass die Infektionszahlen die deutschen übertreffen würden. Wie nehmen das in Russland lebende Deutsche wahr? Womit werden sie sich impfen? Wagen sie sich heutzutage überhaupt nach Deutschland? SNA hat mit drei Menschen gesprochen.
Wer an den Feiertagen in Russland war, bekam zu sehen, dass viele Freizeitaktivitäten trotz Einschränkungen möglich sind. Ausreisen in die Heimat gehen wenig problematisch für die Inhaber einer Aufenthaltserlaubnis mit Wohnsitz, allerdings wenn die Tests- und Quarantäne-Anordnungen eingehalten werden. Und doch bleibt es ein Abenteuer.

Marco Henrichs (45), Extremschwimmer und Profi-Trainer. Repräsentiert als deutscher Athlet und Trainer seit 2016 den Russischen Schwimmsport. Er erzählt:

Wir sind seit Weihnachten im Allgäu, wo wir erstmal bleiben. Meine Lebensgefährtin mit unserem vier Monate alten Sohn ist von Moskau nach München geflogen, und ich bin mit dem Auto über die Ukraine und Polen gefahren – sehr abenteuerlich. Die Bestimmung seitens Deutschland war so, dass ich einen negativen Corona-Test in Russland machen musste, nicht älter als 48 Stunden. Weder an der Grenze zur Ukraine noch an der polnischen Grenze interessierte mein Test irgendeinen Menschen. Ich musste lediglich eine Corona-Versicherung für die Ukraine abschließen, sonst wäre mein Auto nicht in die Ukraine reingelassen worden. Sie kostete mich etwa 15 Euro und kam online auf mein Handy. In der Ukraine hielten mich dann zwei Polizisten an und wollten die Versicherung sehen, doch in Papierform. Eine Online-Form, so wie sie an der Grenze ausgestellt wird, reiche nicht aus, hieß es – ich müsste noch 600 Euro Strafe bezahlen! Sie haben mir aber angeboten, es gibt noch eine andere Möglichkeit, ihnen 100 Euro in Bar zu bezahlen. Das Geld haben mir die beiden korrupten Polizisten abgeknöpft, und ich durfte weiter fahren.
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Anfang Oktober war ich ebenfalls mit meinem Auto von Deutschland über Polen und die baltischen Staaten nach Russland gefahren – mit einer Sondergenehmigung für die Einreise nach Russland und einem Sportvisum. Ich musste ebenso im Voraus einen Test in Deutschland machen – und die russische Grenzkontrolle war die einzige, wo man sich meinen Test anschaute und bei mir Temperaturmessungen machte.
Ein harter Lockdown oder wie in Russland?
Wir Deutschen denken immer: alles, was wir tun, ist das Beste, so demokratisch und toll. Alle anderen können sowieso nichts. Mit Corona ist es das Gleiche. In Russland funktioniert es ja auch ohne diese ganzen Einschränkungen. Und was hier in Deutschland abläuft, das ist ja halt unverhältnismäßig. Natürlich gibt es das Coronavirus. Doch haben die Grippewellen in der Vergangenheit mit ebenfalls Tausenden von Toten die Menschen dermaßen interessiert? Plötzlich spielt die halbe Welt verrückt. Und man fährt die Wirtschaft an die Wand. Ich bin da ganz klar auf der russischen Seite, wo es mit viel weniger Einschränkungen funktioniert, um das Virus im Griff zu behalten. Ich würde sogar meinen Hintern darauf wetten, wenn es keine Einschränkungen und keine Masken gäbe, dass es nicht unbedingt viel mehr Fälle geben würde.
Deutscher oder russischer Impfstoff?
Impfen im Allgemeinen hat Vorteile und Nachteile. Als Russland „Sputnik V“ registrierte, gab es in Deutschland viele Stimmen aus der Politik und der Medizin, es wäre unverantwortlich und nicht möglich, so früh einen Impfstoff auf den Markt zu bringen, der noch nicht vollständig durchgetestet ist. Und jetzt circa 2 Monate später kommen wir Deutschen und sagen plötzlich, wir haben den Impfstoff.
Prof. Wolf-Dieter Ludwig - SNA, 1920, 18.12.2020
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Es ist alles eine Vertrauenssache. Ich habe aber nicht dieses Vertrauen in den Impfstoff. Ich kann mir sehr gut vorstellen, dass die Bundesregierung sagt, es dürfen nur die Personen reisen oder Sport treiben, die geimpft sind. Das ist ein Argument, wenn man seinen Lebensunterhalt verdienen muss und so eingeschränkt wird. Dann denkt man schneller über eine Impfung nach. Es ist alles eine Frage der Zeit.
Also werde ich niemals sagen, der russische Impfstoff ist besser als der deutsche oder umgekehrt: dafür gibt es auf den beiden Seiten keine Erfahrungswerte. Ich werde abwarten und mich dann impfen lassen, wenn die Bundesregierung sagt, ok, nur wer geimpft ist, darf reisen oder wie in meinem Fall sein Sportbusiness machen. Wenn das nicht der Fall ist, werde ich so lange abwarten, bis es so viele Erfahrungswerte gibt, dass es nicht so risikobelastet ist.

Matthias Uhl, Historiker (50), erzählt seinerseits:

Die Feiertage verbringe ich noch bis zum 10. Januar in der russischen Provinz, in einem kleinen Dorf, 450 Kilometer nordöstlich von Moskau. Die Reisebeschränkungen nach Deutschland und wieder zurück sind einfach zu zeitraubend, deshalb haben wir uns für den Jahreswechsel hier in Russland entschieden. Es ist wirklich sehr schön hier, 50 Zentimeter Schnee, ein richtiges russisches Wintermärchen, das allerdings auch dafür sorgt, dass fast täglich der Strom für mehrere Stunden ausfällt.
Lockdown oder mehr Freiheit?
In Deutschland scheinen die Beschränkungen hinsichtlich des Virus wohl angebracht. Mein Bruder arbeitet als Pflegedirektor in einem Krankenhaus in Sachsen, dort sind die Intensivstationen mehr als gut gefüllt. Hier in Russland spürt man die Einschränkungen von Corona nicht so, doch auch ich befinde mich schon geraume Zeit im Home-Office. Mein ältester Sohn macht sein erstes Semester an der Universität auch seit Oktober nur noch online. Insgesamt sind die Russen bei der Einhaltung der Vorschriften wohl etwas „lässiger“, doch auch hier in der Provinz gibt es täglich neue Erkrankungen und in den Geschäften tragen alle Leute Masken, nur der Mindestabstand lässt sich einfach nicht einhalten.
BioNTech-Pfizer oder Sputnik V?
Ich werde mich bestimmt impfen lassen, weil es sich wohl dann auch leichter reisen lässt. Mein Bruder hat als Mediziner bereits den BioNTech-Pfizer Wirkstoff als Impfung erhalten, und es haben sich bei ihm bislang keine Nebenwirkungen gezeigt, so dass ich mich wohl für diesen Impfstoff entscheiden werde. Da wir Zwillinge im Alter von 50 Jahren sind, kann ich in dieser Hinsicht wohl von seinen Erfahrungen profitieren.

Thorsten Gutmann (28) arbeitet für einen Wirtschaftsverband. Er erzählt:

Ich bin seit Februar in Moskau, weil mir das Reisen zu kompliziert ist. Es ist zwar möglich heimzufahren, aber es ist für mich mit sehr vielen Schwierigkeiten verbunden. Außerdem bin ich beruflich und familiär an Russland gebunden, deshalb gibt es für mich keinen dringenden Grund, nach Deutschland zu fliegen.
Polizei in Deutschland (Archivbild) - SNA, 1920, 06.01.2021
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Zum 24. Dezember war ich in für eine Woche Sankt Petersburg. Ich habe sowohl in Moskau als auch in Petersburg festgestellt, dass es wirklich sehr locker gehandhabt wird. Man sieht überall Masken in den Metros oder in Gebäuden, die Leute halten sich an diese Regeln. Es gibt ja einige Einschränkungen: Großveranstaltungen sind verboten, Bars und Restaurants sind nachts auch geschlossen. Aber im Vergleich zu Deutschland ist es deutlich lockerer. Ich kann nicht beurteilen, ob es gut ist oder schlecht, aber rein aus der Sicht eines Bürgers sehe ich schon, dass man in Russland mehr Freiheiten genießt, man kann sich relativ unbeschränkt bewegen.
Lockdown das Schwerste für die Wirtschaft?
Natürlich geht die Gesundheit vor. Aber natürlich ist es für kleine und mittlere Unternehmen und für Selbständige besser, wenn die Wirtschaft geöffnet ist und nicht immer Betriebe geschlossen werden. In Deutschland sieht man gerade diese Schwierigkeit, dass diese Shutdowns und die Verlängerung relativ undurchsichtig sind und man nicht weiß, wann man dann aufmachen kann. Besonders schwierig weltweit sind die Reisebeschränkungen. Es ist ein großes Problem gerade für die multi- und bilateralen Wirtschaftsbeziehungen, wenn die Grenzen geschlossen sind. Es ist zu hoffen, dass zumindest für die Geschäftsreisen Erleichterungen geschafft werden.
Deutscher oder russischer Impfstoff?
Ich kann nicht beurteilen, welcher Impfstoff besser oder schlechter ist, aber ich habe generell schon Vertrauen in diese Impfstoffe und würde mich dann zum gegebenen Zeitpunkt auch impfen lassen. Ich bin jung und gehöre nicht zu der Risikogruppe, aber trotzdem würde ich mich impfen lassen, vor allem, wenn es dann wie in Israel mit größeren Freiheiten verbunden ist, dass man dann mehr machen kann und wieder reisen darf. Da ich deutscher Staatsbürger bin, habe ich auch einen leichteren Zugang zu den Impfstoffen, die in der EU zugelassen werden. Momentan sind es BioNTech/Pfizer und Moderna. Ich würde mich mit einem von diesen beiden Impfstoffen impfen lassen.
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