Aus Osteuropa vertrieben: Haus des deutschen Flüchtlings wohl ab 2021 in Berlin

Berlin - SNA, 1920, 04.01.2021
Das „Dokuzentrum Flucht, Vertreibung, Versöhnung“ soll nach langwierigen Querelen im Sommer eröffnet werden. Im Fokus: die Ost-Vertreibung von 14 Millionen Deutschen infolge des Zweiten Weltkrieges. Die Kuratorin trat Befürchtungen einseitiger Darstellung entgegen. In der Nachbarschaft entsteht ein „Exilmuseum“ zu Flucht vor Deutschlands NS-Regime.
Das genaue Datum der Eröffnung der Ausstellung werde wohl noch im Januar festgelegt, so Stiftungsdirektorin Gundula Bavendamm gegenüber dem Evangelischen Pressedienst. Die Historikerin leitete bis 2016 das Alliierten-Museum in Berlin.
Querelen über die inhaltliche Ausrichtung des Zentrums und Wechsel in der Kuratoriumsleitung hatten zu Verzögerungen von mehrjähriger Dauer geführt. Die bereits im Jahr 2008 vom Bundestag ins Leben gerufene Vertriebenen-Stiftung soll nun mit dem Doku-Zentrum spätestens im Sommer 2021 an den Start gehen.

Im Kontext der NS-Geschichte

Im Mittelpunkt der Dauerausstellung steht die Vertreibung von bis zu 14 Millionen Deutschen aus Osteuropa infolge des Zweiten Weltkrieges. Die Schicksale von Millionen Menschen, die ihre Heimat verlassen mussten, würde in den Kontext der Geschichte des Nationalsozialismus und der Zwangsmigrationen des 20. Jahrhunderts gestellt, so Bavendamm. Damit trat sie Befürchtungen einer einseitigen Darstellung entgegen.
Das bundeseigene Dokumentationszentrum soll über Ursachen, Dimensionen und Folgen von Flucht, Vertreibung und Zwangsmigration in Geschichte wie Gegenwart informieren – als Ort historischer Bildung und lebendiger Debatten im Geiste der Versöhnung.
Zwei der sechs den Bund der Vertriebenen (BdL) vertretenden Mitglieder des im Sommer 2010 gewählten vergrößerten Stiftungsrates hatten laut einem Pressebericht Meinungen geäußert, die Zweifel daran aufkommen ließen, dass sie sich für das Stiftungsziel Versöhnung einsetzen würden. Sie hätten sich etwa gegen die Entschädigung ehemaliger Zwangsarbeiter des Nazi-Regimes gewandt sowie Polen und Großbritannien als maßgebliche Verursacher für den Ausbruch des Zweiten Weltkrieges verantwortlich gemacht.

Architekten bauen auch Hitlers Geburtshaus um

Sitz der Stiftung ist ein Erweiterungsbau des „Deutschlandhauses“ in der Nähe des Potsdamer Platzes – am Anhalter Bahnhof. Der Gebäudekomplex wurde ab 1931 als „Europahaus“ erbaut. In der Ära Konrad Adenauers wurde er zur „Pflege der ostdeutschen Kultur“ bestimmt und einer Organisation von Heimatvertriebenen übergeben, ab 1974 als „Deutschlandhaus“. Die Landsmannschaften des BdL hatten hier ihre Büros – bis Ende 1999 deren Förderung eingestellt wurde. Im Sommer vergangenen Jahres wurde das Objekt fertiggestellt – nach einem Entwurf der Österreicher „Marte. Marte Architekten“, die unlängst auch den Wettbewerb zum Umbau des Geburtshauses von Adolf Hitler in Braunau gewannen. Die Gestaltung der Berliner Ausstellung übernimmt das Atelier Brückner aus Stuttgart.

Spannungsverhältnis zwischen staatlichem Flüchtlingsmuseum und privatem Exilmuseum

Vor Ort in Berlin verheißt dies ein interessantes Spannungsverhältnis, denn in unmittelbarer Nähe zur vom Bund finanzierten Stiftung entsteht gewissermaßen als Kontrastprogramm zur „Ost-Vertreibung“ hinter der Portalruine des Anhalter Bahnhofs ein mit privaten Spendengeldern errichtetes Exilmuseum: Die Initiative für das Museum legt ihren Schwerpunkt auf das Exil im Nationalsozialismus. Sie geht auf einen vor zehn Jahren geschriebenen Brief von Herta Müller an Bundeskanzlerin Angela Merkel zurück.
„Nirgends in diesem Land gibt es einen Ort, an dem man den Inhalt des Wortes Exil an einzelnen Schicksalen entlang darstellen kann“, schrieb die rumänischstämmige Literaturnobelpreisträgerin 2011.
Über 500.000 Emigranten flohen vor der Verfolgung der Nazis aus Deutschland. „In einem Exilmuseum könnten sich die jüngeren Deutschen ein Bild machen. Es wäre Erziehung zur Anteilnahme.“
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