Registrierung erfolgreich abgeschlossen!
Klicken Sie bitte den Link aus der E-Mail, die an geschickt wurde

„Das ist wirklich kein Great Reset“ – Ausblick 2021 mit Polens Ex-Finanzminister

© REUTERS / TINGSHU WANGMenschen vor einer Installation zum Neujahr in Peking
Menschen vor einer Installation zum Neujahr in Peking - SNA, 1920, 29.12.2020
Abonnieren
Das Seuchenjahr 2020 ist in wenigen Tagen vorbei. Polens ehemaliger Finanzminister und heutiger Wirtschaftsprofessor Grzegorz Kolodko zieht im SNA-Gespräch die Bilanz des ausgehenden Jahres und spricht über seine Erwartungen für 2021. Spoiler: An einen Great Reset scheint der Wissenschaftler nicht zu glauben.
- Das Coronavirus hat wichtige Bereiche des wirtschaftlichen, politischen und öffentlichen Lebens befallen. Manche sagen sogar, das Virus bedrohe unser aller Überleben. Wie bewerten Sie das Jahr 2020?
Dass es zu Epidemien bis hin zu Pandemien kommen würde, schrieb ich bereits in einem meiner Bücher vor einigen Jahren. Dennoch sind wir zu Anfang, im ersten Quartal dieses Jahres, nicht davon ausgegangen, dass diese Pandemie derart um sich greifen würde. Als unser Hochschulbetrieb Anfang März zügig in den Onlinemodus wechselte, rechneten meine Studenten und ich damit, nach drei Wochen oder spätestens einem Monat zum Unterricht in seiner klassischen Form zurückkehren zu können. Jedoch ist dies an unserer Business School bis heute nicht eingetreten, und wir wissen auch nicht, wann es soweit sein wird.
Diese Pandemie wird langfristige Folgen haben, weil sie die herkömmlichen öffentlichen Strukturen aufbricht. Sie ist nebenher zu einer schweren Prüfung für die allgemeine Disziplin geworden. Dies ist ein neuralgischer Punkt. Die allgemeine Bereitschaft zur Selbstdisziplin ist einer Prüfung unterzogen worden, denn mit der Einführung des Lockdowns, mit den Einschränkungen der Bewegungs- und Reisefreiheit, ja selbst mit der simplen Verpflichtung zum Tragen einer Maske ist den Menschen ein bestimmtes und für sie unkonventionelles Ausnahmeverhalten abverlangt worden. Wir wissen bisher nur wenig darüber, was dabei in den Köpfen der Menschen wirklich vorgeht: im politisierten oder im intellektuellen Milieu, in den verschiedenen sozialen und beruflichen Gruppen, in den diversen Bereichen einer Welt, die ich als eine „mäandernde Welt“ bezeichnen würde. Hier liegen noch unzählige Möglichkeiten für die Sozialforschung.
CC BY-SA 3.0 / Adrian Grycuk / Wikimedia CommonsPolens ehemaliger Finanzminister Grzegorz Kolodko (Archivbild)
Polens ehemaliger Finanzminister Grzegorz Kolodko (Archivbild) - SNA, 1920, 29.12.2020
Polens ehemaliger Finanzminister Grzegorz Kolodko (Archivbild)
Hinsichtlich der wirtschaftlichen Folgen der Pandemie möchte ich zunächst darauf hinweisen, dass in den Analysen häufig Mittel- oder Schätzwerte verwendet werden, die bei weitem nicht alles abbilden, was in der Wirtschaft real geschieht. Nehmen wir das Bruttoinlandsprodukt. Geht man von dessen Schrumpfung um vier Prozent aus (bei einigen EU-Ländern, etwa Spanien, muss man sogar mit einem Dreifachen dieses Wertes rechnen), dann sind die starken Abweichungen mitzudenken, die mit diesem Wert verbunden sind. Ein Rückgang der Wirtschaftsleistung um vier Prozent kann nämlich bedeuten, dass jemand auf immer und ewig verschwunden ist, dass Firmen in die Insolvenz gehen und Menschen ihre Arbeit verlieren, während jemand anderer in derselben Zeit in seiner spezifischen Situation Umsätze und Gewinne generiert sowie Arbeitsplätze schafft. Deshalb bin ich bei Mittelwerten sehr vorsichtig. Auch dann, wenn es im nächsten Jahr aller Voraussicht nach zur positiven Wirtschaftsentwicklung kommt. Es wird sich dabei jedenfalls um einen Mittelwert mit starken Abweichungen in den Positiv- wie in den Negativbereich handeln.
- Glauben Sie, dass die weltumspannenden Organisationen wie die Weltgesundheits- oder die Welthandelsorganisation (WHO und WTO) ihrer Funktion heute noch gerecht werden?
Die WHO ist zumindest die einzig verfügbare Organisation, die ein Programm von der Größenordnung einer Massenimpfung gegen COVID-19 bewältigen kann. Obwohl auch sie natürlich mit enormen Problemen zu kämpfen hat. Es ist eine globale Aufgabe, die keine andere Organisation bzw. Struktur besser oder ebenso gut lösen könnte wie die WHO. Dies bedeutet keinesfalls, dass es keine Hürden, Herausforderungen oder Unzulänglichkeiten mehr geben wird. Selbst in der Zeit, in der wir jetzt gerade miteinander reden, könnten bereits neue Coronavirus-Mutationen entstanden sein. In Großbritannien breitet sich ja bereits ein neuer Stamm des Coronavirus aus.
In Bezug auf die Welthandelsorganisation muss man feststellen, dass deren Zustand sich infolge des fatalen Handelns von Donald Trump verschlechtert hat. Neuerdings fordert die Trump-Regierung, die Wahl eines neuen Generalsekretärs dieser wichtigen globalen Einrichtung einzuleiten, was die Tätigkeit der WHO weiter erschwert. Insofern blicke ich hoffnungsvoll dem Ende von Trumps Präsidentschaft entgegen, weil er mit seinem größenwahnsinnigen „Make America Great Again“ mehr Probleme für die Weltgemeinschaft und die Weltwirtschaft geschaffen als gelöst hat.
- Ist es in der Corona-Pandemie überhaupt noch angemessen, von der Globalisierung zu sprechen? Bestimmte Länder versuchen, anderen Ländern bei der Wahl des Corona-Vakzins ihren Willen aufzuzwingen? Auch lässt sich keine Bereitschaft erkennen, nach dem zu streben, was weithin als „Globales Gemeinwohl“ bezeichnet wird.
Ich bin ja kein Verfechter von politisch motivierten Wirtschaftssanktionen, wie die USA sie verhängen, um Länder davon abzuhalten, chinesische Technologien zu nutzen, und ich kann es mir nicht vorstellen, dass es Ländern verboten werden kann, Impfstoffe zu verwenden, die anderswo hergestellt werden.
Die Corona-Pandemie intensiviert Spannungen und vertieft Spaltungen im Globalisierungsprozess, die es vorher schon gab. Jedoch halte ich die Globalisierung für einen unumkehrbaren Prozess, der an dem wirtschaftlichen Nutzen hängt, den die internationale Arbeitsteilung, die grenzüberschreitenden Produktions- und Lieferketten sowie der relativ freie Handel bringen.
Natürlich verleitet die Pandemie zu dem Glauben, dass jeder sich selbst der Nächste sei. Es liegt in der Natur der Sache, dass die amerikanische Regierung zunächst einmal die Amerikaner impft, die chinesische Führung impft die Chinesen, oder dass die russische Regierung zuerst eine rasche und umfassende Impfkampagne in der russischen Bevölkerung durchführt, bevor sie sich der Frage widmet, ob „Sputnik V“ außerhalb Russlands nach rein humanitären Prinzipien oder aus rein finanziellen Überlegungen heraus zur Verfügung gestellt werden soll. Der Impfstoff verursacht ja auch Kosten. Allerdings könnten andere Länder diese Orientierung an den eigenen Interessen auch als Ausdruck von Nationalismus werten.
- Wie ließe sich in diesem Fall der Begriff „Globales Gemeinwohl“ mit Inhalt füllen? Was soll dieser Begriff denn eigentlich bedeuten?
„Gemeinwohl“ bedeutet zunächst einmal, dass ein Gut allen gleichermaßen zur Verfügung steht, sofern es aus öffentlichen Mitteln finanziert wird. Nehmen wir die Straßenbeleuchtung einer Stadt als Beispiel. Alle zahlen dafür aus einem gemeinsamen kommunalen oder staatlichen Topf, und es kann niemandem verboten werden, die Straßenbeleuchtung zu nutzen. Im Fall der Pandemie haben wir jedoch weder eine Zentralregierung noch einen einfachen Schalter wie bei der Straßenbeleuchtung, den wir umlegen könnten, damit das Impfen beginnt. Den Impfstoff allen zu gleichen Bedingungen bereitzustellen, ist logistisch unmöglich. Acht Milliarden Menschen sind zu impfen und die Frage ist: In welcher Reihenfolge, wenn das Vakzin nicht für alle auf einmal reicht, und wer soll das finanzieren?
Der chinesische Staatschef Xi Jinping hatte vor Monaten, noch bevor ein Impfstoff verfügbar war, erklärt, das Vakzin müsse ein Gemeingut sein. Es bleibt abzuwarten, ob die Chinesen ihrer eigenen Erklärung auch Taten folgen lassen. Jedoch habe ich keine Zweifel daran, dass sie ihren finanziellen Beitrag zur Umsetzung von Impfkampagnen in den allerärmsten Ländern Asiens und Afrikas leisten werden.

Wenn jemand Afrika impfen wird, dann wird es nicht der wohlhabende Westen tun, sondern China.

Allerdings wird dieser Vorgang allein schon aus technischen Gründen viel Zeit in Anspruch nehmen, weil der Impfstoff bekanntermaßen bei sehr niedrigen Temperaturen transportiert werden muss. Wer schonmal in armen Ländern war, weiß, wie es dort aussieht. Dort leben Menschen, die in ihrem Leben weder Eis noch Kühlschränke geschweige denn eine Spezialausrüstung gesehen haben. Hier wird es noch viele Herausforderungen geben, die das Jahr 2021 zum Jahr des großen Impfens machen werden. Ich hoffe, ich gehe davon aus, dass man Milliarden von Menschen wird impfen können, was aber nicht bedeutet, dass die Pandemie vorbei sein wird. Sie wird sich noch fortsetzen.
- Dass Länder ihre Bürger zuerst impfen, liegt nahe. Es ist also schwierig, Russland des Nationalismus zu beschuldigen, zumal an die 20 Länder bereits zugestimmt haben, die Produktion des Impfstoffs „Sputnik V“ bei sich hochzufahren. Auch Länder wie Indien und Brasilien sind darunter. Internationale Verträge sind bereits ausgehandelt, wonach jährlich 500 Millionen Dosen dieses Impfstoffs außerhalb Russlands hergestellt werden sollen. Insgesamt sind Anfragen aus über 50 Ländern über den Kauf von mehr als 1,2 Milliarden Dosen des „Sputnik V“ in Russland eingegangen. Deutschlands Gesundheitsminister Jens Spahn hat die Bereitschaft erklärt, bei der Herstellung russischer Impfstoffe in der EU zu kooperieren.
So ist es auch richtig. Es gilt, dieses Verhalten Russlands zum Vorbild zu nehmen. Was wir brauchen, ist ein Austausch von Expertise, Technologien und auch Spezialisten, die beim Aufbau der Produktion helfen können. Beispiele positiver Erfahrung gibt es bereits. Es ist ein Beleg dafür, dass die Instrumente, die wir aus der Globalisierung der Wirtschaft kennen, auch in diesen schwierigen Zeiten und unter diesen speziellen Bedingungen funktionieren. Je mehr Standorte in aller Welt den Impfstoff gegen Covid-19 herstellen, desto besser. Produktionen vor Ort sind näher an den Menschen und den Patienten, die sich impfen lassen können, damit die Pandemie nicht noch mehr um sich greift.
Dennoch bleibt die Frage, welche Instrumente dabei zum Einsatz kommen. Wenn ein Land einem anderen Land einen Kredit zum Kauf seiner Impfstoffe anbietet, dann ist dies allenfalls ein geschäftliches Angebot, keine humanitäre Aktion. Humanitäre Hilfe kann ja die Bill-Gates-Stiftung leisten. Es ist immer zu bedenken, dass die Pharmakonzerne immense Mittel in die Forschung und Entwicklung von Impfstoffen investiert haben und sich nicht von humanitären, sondern von geschäftlichen Überlegungen leiten lassen. All diese Fäden müssen in dieser Situation zusammenkommen. Von Sanktionen kann überhaupt keine Rede sein. Diese Situation ist keine Vorlage für Sanktionen, sondern für die Suche nach gegenseitigem Verständnis und Zusammenarbeit.
- Was bedeutet der Begriff „Great Reset“ in der Politik, Wirtschaft und Finanzwelt?
Man hat dieses Schlagwort in die Runde geworfen, und jetzt fragt sich jeder, was es bedeutet und wie es überhaupt gehen soll. Vor wenigen Wochen habe ich einen Artikel veröffentlicht, in dem ich darlege, dass die wirtschaftliche Situation heute mit der wirtschaftlichen Situation in der Großen Depression 1929-1933 nicht vergleichbar ist. Damals ist sogar eine neue Wirtschaftsschule, der Keynesianismus, entstanden. Heute ist aus meiner Sicht die Kontinuität vorrangiger als die Veränderung. Die sogenannte Normalität wird es nicht geben, weil es vorher schon keine Normalität gab. Bei uns in Polen war es normal, dass es zu Weihnachten schneit und wir Schlitten fahren. Inzwischen aber herrschen seit Jahren Plusgrade im Winter. Aufgrund des Klimawandels sind unumkehrbare Veränderungen eingetreten, sodass wir nicht sagen können, ob es jemals wieder einen Winter wie früher geben wird. Eine Rückkehr zur sogenannten Normalität ist also nicht zu erwarten. In bestimmten Bereichen des öffentlichen Lebens wird es zu substantiellen Veränderungen kommen, aber im Großen werden wir eine Kontinuität erleben.
Wir werden weiterhin an Schulen und Hochschulen lernen und lehren, im Präsenzunterricht und unmittelbarem Kontakt. Auch werden wir weiterhin ins Kino und Theater gehen, wir werden privat und geschäftlich reisen. Allerdings brauchen die Menschen noch etwas Zeit, um sich wieder sicher zu fühlen und zu alten Gewohnheiten zurückzukehren.
Das Gefühl der Sicherheit werden wir jedoch erst in einem, zwei oder gar drei Jahren wiedererlangt haben. Wir können nur hoffen, dass diese Wiedereingewöhnungsphase so kurz wie möglich ausfällt.
Gleichwohl werden sich einige Verhaltensmuster ändern. Auch bestimmte Wirtschaftsbereiche werden anders funktionieren als bisher, was jedoch noch erforscht werden muss. Allerdings erwarte ich hier weder einen gigantischen Bruch noch eine Umwälzung.
Was hier passiert, ist wirklich kein Great Reset, weshalb ich nur zur Gelassenheit aufrufen kann. Lasst uns erstmal schauen, wie die Situation nach einem Jahr aussehen wird. Mit der Situation von vor ein paar Jahren wird sie sicherlich nicht identisch sein.
- Gleichzeitig entsteht der Eindruck, wenn man sich die weltweite Lage anschaut, dass die Globalisierung an allen Ecken und Enden reißt. Droht uns eine Entglobalisierung?
Wir haben andere Probleme: Volatilität und Turbulenzen. Die gab es schon, bevor die Pandemie über uns hereingebrochen, der Neonationalismus aufgekommen und der Protektionismus wieder salonfähig geworden ist. Im Welthandel kommen protektionistische Instrumente zum Einsatz, die Liefer- und Produktionsketten sind unterbrochen.
Dennoch halte ich daran fest, dass die Globalisierungsfaktoren derart stark sind, dass sie überhandnehmen werden. Deshalb glaube ich ja, dass die Globalisierung unumkehrbar ist.
Damit sie es auch in der Lebenswirklichkeit ist, muss sie zu einem allumfassenden Phänomen werden. Bisher ist sie es nicht. Die Globalisierung darf nicht neoliberal sein, darf nicht die Bereicherung weniger auf Kosten der Mehrheit begünstigen. In gewissem Maße hat das in den ersten zwei Jahrzehnten des 21. Jahrhunderts stattgefunden. Deshalb müssen wir im dritten Jahrzehnt, welches bald beginnt, dafür sorgen, dass der allumfassende Charakter der Globalisierung gestärkt wird. Es kommt jetzt darauf an, die Umverteilung der Früchte dieser Globalisierung in Form gesteigerter Produktivität, Arbeitseffizienz und Kapitalaktivität gerechter und harmonischer zu gestalten.
The Great Reset – „Verschwörungstheorie“ wird Realität - SNA, 1920, 14.12.2020
The Great Reset – „Verschwörungstheorie“ wird Realität
Man fragt sich aber auch, welche Rolle hierbei die internationalen und globalen Organisationen wie die Vereinten Nationen oder die Weltbank spielen werden – oder auch die regionalen Organisationen wie die EU, die ASEAN oder die Afrikanische Union. Führend bleiben sicherlich die Vereinigten Staaten, China und die Europäische Union, die ihre Politik besser koordinieren muss, weil sie von inneren Problemen zerrissen wird. Als nächstes wären Indien und Russland zu nennen. Deshalb ist es wichtig, zu beobachten, wie sich das russisch-chinesische Verhältnis, die Beziehung der EU zu Russland und das Verhältnis der Biden-Regierung zu Russland entwickeln werden.
Gewisse Hoffnungen setze ich auf die G20, wo Russland eine aktivere Rolle übernehmen sollte. Dieses Forum ist mehr als einfach nur das Treffen von 20 Ländern. Es sind 19 Länder plus die Europäische Union, insgesamt also 43 Volkswirtschaften. Es ist ein Forum für die Koordination in den Bereichen Klima, Migration, technischer Fortschritt, Pandemiebekämpfung. All dies sind Instrumente einer Globalisierung, die bestimmte isolierte Volkswirtschaften in einen Weltmarkt integrieren soll. In einer solchen Welt würden weder die USA noch China, weder Russland noch die EU anderen ihren Willen aufzwingen können. Es wird eine multipolare Welt – und das Jahr 2021 wird ein weiterer Schritt hin zum Aufbau dieser multipolaren Wirtschaftsordnung sein. Denn es lässt sich wirklich nicht behaupten, das Jahr 2020 sei ein Jahr der Weltordnung gewesen. Es war eins des Weltchaos.
Newsticker
0
Um an der Diskussion teilzunehmen,
loggen Sie sich ein oder registrieren Sie sich
loader
Chats
Заголовок открываемого материала