Kann nicht mein Christentum benutzen, um andere krankzumachen: Theologe zu Weihnachts-Corona-Regeln

© AFP 2022 / STRINGERFrauenkirche in Dresden
Frauenkirche in Dresden - SNA, 1920, 22.12.2020
Wie ändert sich das Sinnbild der Weihnachten während der Corona-Pandemie und des harten Lockdowns? Theologie-Professor Manfred Becker-Huberti geht im SNA-Gespräch darauf ein, was das Verhalten der Menschen in dieser Zeit prägen soll.
„Eine Krise macht dann Sinn, wenn man anders aus ihr herausgeht, als man in sie hineingegangen ist“, so der frühere Pressesprecher des Erzbistums Köln. „Und diese Krise ist eine Frage nach unserem Lebensstil, nach der Art unseres Zusammenlebens, nach dem Verhältnis zu mir selbst und zu meinem Mitmenschen und, wenn Sie es religiös wollen, auch nach meinem Verhältnis zu Gott. Wir müssen im Augenblick begreifen, dass der eigene Vorteil nicht im Vordergrund steht, sondern der Vorteil der anderen.“
„Wir müssen so leben, dass meine Mitmenschen den Genuss davon haben, dass sie weiterleben dürfen“, fährt der Brauchtumsexperte fort. „Und deshalb muss ich mich entsprechend verhalten. Statt Egoismus und statt falsch verstandenem Individualismus ist Miteinander und Füreinander das Gebot der Stunde. Oder: Wir können mal wieder lernen, dass Maßhalten die Mutter aller Tugenden ist. Verzicht ist nicht nur Verlust, sondern Verzicht kann auch Gewinn sein, wenn es nämlich Gutes schafft und sinnvoll ist. Indem ich auf bestimmte Dinge verzichte, ermögliche ich anderen das Weiterleben.“
Theologie-Professor Manfred Becker-Huberti  - SNA
Manfred Becker-Huberti
Theologie-Professor
Corona lehre uns darüber hinaus, wie fragil unser Leben sei, urteilt Becker-Huberti. „Wir können jederzeit abberufen werden und wir können wieder lernen, wie wir leben müssen, wenn wir unser Lebensziel erreichen wollen. „Um es mal ganz platt zu sagen, wenn ich in den Himmel kommen will, dann muss ich auch etwas dafür tun. Und dementsprechend muss ich auch dann leben. Ich kann nicht verantwortungslos leben. Und alles das, was wir in dieser Corona-Zeit nun lernen, nämlich wieder uns auf Wesentliches zu konzentrieren, Überflüssiges abzustreifen, das ist eigentlich ein christliches Lebensprogramm, das ich in normalen Zeiten ganz genauso fortführen kann und an vielen Stellen auch sollte.“

Christliche Bräuche und ein gewöhnliches Weihnachtsfest vs. scharfe Kontaktbeschränkungen

„Das heißt, ich muss lernen, aus dem Makro- in den Mikrobereich zu gehen“, stellt der Theologe fest. „Ich muss lernen, dass ich die Formen verändern muss und auch die Mengen, also die Teilnehmerzahlen. Ich kann nicht mehr mit der gesamten Familie Weihnachten feiern, sondern muss das in kleinen Kreisen tun, kann aber die Defizite dadurch überbrücken, dass ich digital mit den anderen vernetzt bin oder mit ihnen rede und mich auf dem Bildschirm zeige und versuche, mit ihnen zu reden. Ich kann Geschenke zusenden, die bei den anderen ankommen. Das alles ist möglich.“
Becker-Huberti weist allerdings auf einen gewissen Verlust hin: „Rituale und Bräuche sind sozialer Kitt. Das heißt, das Miteinander-Tun von Dingen. Das verbindet auch miteinander. Wenn ich das jetzt nicht mehr unmittelbar tun kann, dann merke ich, was ich eigentlich ansonsten dadurch geschenkt bekomme, dass ich mit den anderen verkehren kann. Das ist etwas, was ich auch jetzt in der Corona-Zeit für die Zeit danach lerne.“

Verbot der Präsenzgottesdienste - schmerzlich, aber richtig

Laut einer Umfrage des Meinungsforschungsinstituts YouGov sind mindestens 50 Prozent der Deutschen wegen der hohen Corona-Infektionszahlen für ein Verbot öffentlicher Präsenzgottesdienste. Und nur sechs Prozent wollen demnach an den Feiertagen in die Kirche gehen. Neben den allgemeinen Regeln – Maskenpflicht und Abstandsgebot – gilt dann auch das Gesangsverbot.
© Foto : KNA-BildTheologie-Professor Manfred Becker-Huberti
Theologie-Professor Manfred Becker-Huberti  - SNA, 1920, 22.12.2020
Theologie-Professor Manfred Becker-Huberti
Das sei schmerzlich, merkt der Theologieprofessor an, „aber es ist richtig und es ist auch gut, wenn man sich danach richtet. In den meisten Kirchen sind die Gottesdienste abgesagt worden. Die öffentlichen Gottesdienste, und die Gottesdienste, die gefeiert werden, werden meistens über das Internet übertragen, können also zu Hause mitverfolgt werden. Das ist ein schwacher Ersatz, aber es ist ein Ersatz. Und ich kann nicht mein Christentum benutzen, um andere krankzumachen, ganz im Gegenteil, ich muss mich so verhalten auch bei der Erfüllung meiner religiösen Aufgaben und Pflichten, dass ich die anderen schütze und schone. Das ist ein Weg, der ganz selbstverständlich eingeschlagen werden muss.“

Sind Weihnachten bedeutungslos?

In einem ARD-Talk wurde behauptet, dass für fast 40 Prozent der Gesellschaft in Deutschland Weihnachten bedeutungslos seien. „Viele Deutsche kennen die Bedeutung des Christfestes gar nicht mehr“, konstatierte auch das Magazin „Focus“, „aber feiern ist wichtig.“ „Zunächst einmal ist die Annahme insofern ganz richtig, als ein zunehmender Teil der Menschen mit den Kirchen nichts mehr zu tun hat“, meint Becker-Huberti. Es sind nur noch etwa zwei Drittel Christen in Deutschland.“
Händler von Weihnachtsbäumen wartet auf Kunden, Mannsdorf an der Donau, 10. Dezember 2020 - SNA, 1920, 16.12.2020
Wie man einen harten Lockdown während der Weihnachtszeit überlebt – Ratschläge eines Psychologen
Die anderen seien deshalb nicht Atheisten oder kirchenfeindlich eingestellt, fügt er hinzu. "Wir haben Weihnachten das Phänomen, dass die Kirchen die Menschenmassen nicht fassen können, die an den Gottesdiensten teilnehmen wollen, und darunter sind viele, die formell gar nicht den Kirchen angehören. Es gibt natürlich auch das Phänomen, dass Menschen mit dem Christentum oder zumindest mit den Kirchen nichts zu tun haben wollen, mit dem Christentum aber durchaus übereinkommen können.“
„Und da gibt es noch Eines“, hebt der Theologe zum Schluss hervor: „Das ist Toleranz, miteinander umzugehen. Ich kann durch meine Lebensweise versuchen, andere zu überzeugen, aber ich kann das nicht mit Gewalt tun und versuchen, durch Anordnungen so etwas zu erreichen. Wir sind frei. Frei auch in der Art und Weise, unseren Glauben zu leben oder ihn auch nicht zu leben.“
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