Russlands Wirtschaft: Kritik trotz zweitbestem Platz im Aufwärtsrating

© SNA / Witalij AnkowHandelshafen in Wladiwostok
Handelshafen in Wladiwostok - SNA, 1920, 22.12.2020
Wirtschaftsexperten von „Bloomberg“ sehen Russland auf Platz zwei in der Liste der Schwellenländer mit guten Prosperitätsaussichten. Manche Experten warnen jedoch vor zu viel Optimismus. Das Schlusslicht des Ratings ist übrigens China.
Elf wirtschaftliche Indikatoren haben die „Bloomberg“-Experten in ihrem Länderrating berücksichtigt. Währungsreserven und Schuldenquote stehen ebenso auf der Messlatte wie prognostiziertes Wirtschaftswachstum und Realzins. Im Grunde zeigt die Aufstellung, welchem Schwellenland der größte Sprung nach dem jetzigen Corona-Einbruch gelingt.
Auf Platz eins der Liste steht Thailand. Üppige Währungsreserven und ordentliche Investitionspolitik machen das Land stark, das ohnehin so gut wie keine Einschränkungen im Zusammenhang mit der Pandemie zu ertragen hat.
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Andere Volkswirtschaften, die sich zu Marktwirtschaften erst entwickeln, werden die Verluste aus der Pandemie jedoch auch gut ausgleichen können, sagen die Experten. Allerdings haben die Länder auf oder nahe der Poleposition die besten Chancen, die Erwartungen noch zu übertreffen.
17 Plätze enthält das Rating insgesamt – mit China auf der Schlussposition. Zwar hat die chinesische Wirtschaft als einzige der großen Volkswirtschaften im scheidenden Jahr keine Rezession durchstehen müssen, sagen Experten: Man rechnet mit einem Wachstum von immerhin 2,3 Prozent. Aber die relativ hohe Staatsverschuldung und die bescheidenen Reserven sind ein Störfaktor in diesem positiven Bild.
In Bezug auf Russland heben die „Bloomberg“-Experten ein solides Haushaltsprofil und eine starke Investitionsposition hervor. Positiv bewerten die Analysten die Staatsverschuldung Russlands von 14 Prozent des Bruttoinlandsprodukts. Gute Aussichten bietet nach Einschätzung der Volkswirte der unterbewertete Rubel: Bei der russischen Währung gebe es noch Potenzial zu heben. Russland zähle gemeinsam mit Polen und Mexiko zu den drei Schwellenländern, denen im kommenden Jahr keine Inflation bevorstehe.
„Mit stabilen Staatsfinanzen und niedrigen Staatsschulden sind wichtige Ziele erreicht worden. Russland ist um Längen schockresistenter als etwa in der Finanzkrise 1998. Die Politik der Selbstisolation macht sich dadurch bezahlt, dass Russland inzwischen schwer zu kippen ist. Allerdings wächst die russische Wirtschaft dadurch auch langsamer“, sagt Volkswirt Witali Mankewitsch, Präsident des Russisch-asiatischen Industrieverbands.
Die optimistische Grundstimmung kommt unter anderem von der Erwartung her, dass der Rohstoffmarkt in den nächsten drei Jahren nach oben geht. Experten erwarten Preissteigerungen bei Öl, Gas, Kohle und Metallen: den Exportschlagern der russischen Wirtschaft. In Kombination mit dem entwerteten Rubel wird dies eine deutliche Aufwertung der Handelsbilanzen ermöglichen.
Nach „Bloomberg“-Prognosen wird Russland 2021 ein Wirtschaftswachstum von drei Prozent erleben. Das russische Wirtschaftsministerium hat 3,3 Prozent prognostiziert. Die Ratingagentur Moody’s sagt Russland für das kommende Jahr 2,3 Prozent mehr Bruttoinlandsprodukt voraus. Damit korrigiert die Agentur ihre letzte Prognose vom August dieses Jahres leicht nach oben: damals hatten die Analysten ein Wirtschaftswachstum von zwei Prozent nach einem Einbruch von 5,5 Prozent für möglich gehalten.
Die Folgen der Coronapandemie machen sich eben auch in Russland bemerkbar: „Im Ergebnis wird Russlands Staatsverschuldung bis Ende 2021 auf über 20 Prozent der Wirtschaftsleistung steigen – im Vergleich zu 13,9 Prozent in 2019“, sagt Moody's-Analyst Evan Wollman mit dem Hinweis, diese Schuldenquote sei immer noch moderat im Verhältnis zu anderen Ländern mit gleicher Bonität. Russlands „Kreditwürdigkeit“ liege bei „Baa3/stabil“ – dank starken Staatsfinanzen, solider Außenhandelsbilanz und dem Ausmaß der Wirtschaft.
Moody's nennt aber auch Faktoren, die das wirtschaftliche Wachstum in Russland zwar nicht bremsen, aber einschränken. „Defizite bei Rechtsstaatlichkeit und Korruptionskontrolle sowie die Dominanz des Staates verschrecken manchen Investor und beeinträchtigen die Anstrengungen zur Diversifikation der Wirtschaft“, sagen Analysten aus der Ratingagentur. Russische Exporteinnahmen kämen weiterhin hauptsächlich aus dem Öl- und Gassektor – auch seien Sanktionsrisiken nicht ausgeräumt.
Auch die Weltbank hat sich die wirtschaftliche Lage in Russland angeschaut und entsprechende Empfehlungen formuliert. Russland müsse seine Handelspolitik korrigieren, sagen Weltbank-Experten: Die Importsubstitution sei aufzuweichen und teils einzustellen, weil infolge des Agrarembargos zwar die Lebensmittelpreise gestiegen seien, aber die Agrarproduktion nicht in hinreichendem Maße zugenommen habe. Am Ende trage der russische Verbraucher die Kosten.
Woran es der russischen Wirtschaft laut der Weltbank ebenfalls mangelt, ist die ausländische Beteiligung: Russland sollte ausländische Investitionen fördern und die Rechte der Anleger stärken. Besondere Aufmerksamkeit ist auf das Humankapital zu richten, so die Weltbankexperten.
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