Niedersachsen könnte auf Zentralabitur verzichten – Ist das gerecht?

© REUTERS / WOLFGANG RATTAYSchulunterricht in Bonn, 14. Dezember 2020
Schulunterricht in Bonn, 14. Dezember 2020 - SNA, 1920, 22.12.2020
Unter Corona-Bedingungen haben die Schüler nicht immer den Lehrstoff abarbeiten können, der vorgesehen war. Wie aber sollen sie trotzdem einen vollwertigen Abschluss machen? Niedersachsen will seinen Schulen erlauben, statt der Prüfungsfragen des Zentralabiturs eigene Aufgaben zu stellen. Der Präsident des Lehrerverbandes hält wenig von der Idee.
Unter der Corona-Pandemie hat hierzulande auch die Schulbildung gelitten: über Wochen geschlossene Schulen, Fernunterricht, teils überforderte Lehrkräfte und zusammenbrechende Online-Plattformen. Doch die Abiturienten sollen 2021 ihren Abschluss machen und möglichst eine vollwertige Hochschulreife bekommen.
Wie das angesichts der Ausfälle zu bewerkstelligen ist, dafür hat man jedoch offenbar noch kein Rezept gefunden. Niedersachsen hat nun angekündigt, gegebenenfalls auf das Zentralabitur zu verzichten und die Schulen eigene Prüfungsaufgaben stellen zu lassen. Das gelte für Schulen, die besonderes von den Maßnahmen zur Eindämmung der Pandemie betroffen seien, sagte eine Sprecherin des Kultusministeriums des Landes der „Neuen Osnabrücker Zeitung“. Kultusminister Grant Hendrik Tonne betonte, man habe Vorkehrungen getroffen, dass alle Abschlüsse auf hohem Qualitätsniveau gemacht werden können, und sagte, diese würden gleichwertig mit den Abschlüssen der Vorjahre sein.
„Unsere Regelungen kürzen nicht bei der Qualität, sondern reagieren zielgenau auf Stoff, der vielleicht weniger abgearbeitet werden konnte.“
Grant Hendrik Tonne
Kultusminister in Niedersachsen

Eine Kapitulation

Heinz-Peter Meidinger, Präsident des Lehrerverbandes, hält von dem Vorstoß wenig. Im Grunde genommen sei das eine Kapitulation und die Qualität werde sinken.
„Wenn das Schule machen würde, würden wir in der Bundesrepublik ein Abitur bekommen, das noch weniger vergleichbar wäre, weil jedes Land sein eigenes Abitur schreiben würde. Ein Abitur, das wahrscheinlich auch weniger wert ist, weil es nicht die Qualitätsansprüche erfüllt, die wir haben wollen.“
Sein Verband würde es lieber sehen, wenn die Länder alle Anstrengungen unternehmen würden, den Abiturientinnen und Abiturienten die Bedingungen zu bieten, dass sie auch in Corona-Zeiten den Stoff vermittelt bekommen und sich aneignen könnten.
Das Schild „Betriebsruhe wegen Lockdown” in einem Restaurant nahe Spitzingsee in Bayern - SNA, 1920, 17.12.2020
Corona-Krise gleich Ausbildungs-Krise? Starker Rückgang auf dem Ausbildungsmarkt

Ob das Beispiel Schule macht …

Stattdessen könnten jetzt auch andere Bundesländer nachziehen und, wie Niedersachsen, erleichterte Prüfungsbedingungen schaffen, so Meidinger.
„Die Gefahr besteht auf jeden Fall. Es ist für die Bundesländer natürlich der einfachste Weg, zu sagen: Wir streichen den Stoff zusammen, wir machen die Abiturprüfungen leichter. Ich schließe nicht aus, dass dieses schlechte Beispiel Schule macht.“
Grundsätzlich hätten die Kultusminister vereinbart, dass das Abitur der Corona-Jahrgänge aus jedem Land anerkannt werde, auch wenn es auf unterschiedliche Weise zustande komme.

Streitthema: Zentralabitur

Das Zentralabitur ist schon lange Streitthema und von seinem Nutzen sind längst nicht alle überzeugt. Gerade die bildungsstärkeren Bundesländer, wie Bayern und Baden-Württemberg, fürchten, ein bundesweit einheitliches Abitur würde ihr hohes Ansehen absenken. Während sich hier noch immer keine Einigung abzeichnet, ist Heinz-Peter Meidinger froh, dass es heute zumindest Landeszentralabiturprüfungen gibt.
„Aber wir sind immer noch meilenweit von einem wirklich bundesweit vergleichbaren Abitur entfernt. Ich glaube auch nicht, dass ein Zentralabitur dazu führen wird, dass die Schüler weniger gut vorbereitet sind oder sich nur noch Wissen in den Kopf pressen, um es dann wieder auszuspucken.“
Heinz-Peter Meidinger
Präsident des Lehrerverbandes
Vielmehr sei das Abitur kompetenzorientiert. Es gehe darum, bestimmte Dinge nicht nur zu wissen, sondern auch anwenden zu können, betont Meidinger im SNA-Interview.

„Eine Frage der Bildungsgerechtigkeit“

„Was wir bräuchten, wäre tatsächlich entweder ein Aufgaben-Pool, aus dem sich alle Länder bedienen müssen – was ja eigentlich vereinbart war. Oder, dass zumindest ein Teil der Abiturprüfungen gleich ist und am selben Tag geschrieben wird. Ohne so eine Regelung entfernen wir uns immer weiter von der Vergleichbarkeit.“
Die Vergleichbarkeit sei auch deswegen wichtig, weil sie für die Studienplatz-Zulassung gebraucht werde. Fast die Hälfte aller Studiengänge sei zulassungsbeschränkt und die Abiturnote sei also ein ganz entscheidender Punkt. „Wenn man nächstes Jahr in Niedersachsen einfacher zum Abitur kommt, als in anderen Ländern, dann ist das ungerecht. Es ist eine Frage der Bildungsgerechtigkeit.“
Die Unterschiede und die daraus resultierende Ungerechtigkeit bestehe nach wie vor nicht nur bei den Prüfungen selbst, sondern auch bei der Wahl der Fächer, erklärt der Präsident des Lehrerverbandes. So seien beispielsweise Deutsch und Mathematik verpflichtende Fächer in Bayern und Baden-Württemberg, in denen schriftliche Prüfungen abgelegt werden müssen. In anderen Bundesländern könne man diese Fächer in der Oberstufe abwählen oder beispielsweise nur mündliche Prüfungen ablegen.
„Wir haben Bundesländer, die unterschiedliche Zahlen von Pflichteinbringungen verlangen. Das heißt, man kann in manchen Ländern mehr schlechte Noten kompensieren, als in anderen. Diese Ungerechtigkeiten gibt es nach wie vor.“
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