Coronavirus-Mutation: Großbritannien isoliert, Deutsche Politiker besorgt, Aktienmarkt belastet

© AFP 2022 / INA FASSBENDERReisebeschränkungen für Großbritannien
Reisebeschränkungen für Großbritannien - SNA, 1920, 21.12.2020
In Großbritannien ist eine offenbar noch ansteckendere Coronavirus-Variante aufgetaucht. Das besorgt die deutsche Politik und Wirtschaft zunehmend. Virologe Drosten warnt vor Panikmache.
Wegen der in Großbritannien entdeckten Variante des Coronavirus schottet sich Europa zum Wochenbeginn vom Vereinigten Königreich ab. Zum Schutz vor der Mutation dürfen in Deutschland seit Montag bis zunächst 31. Dezember keine aus Großbritannien kommenden Flugzeuge mehr landen. Das hatte das Bundesverkehrsministerium am Sonntag verfügt. Ausgenommen sind demnach reine Frachtflüge. Weitere Beschränkungen sollen folgen. Auch zahlreiche andere europäische Länder hatten am Sonntag Flugverbote oder Grenzschließungen zum Vereinigten Königreich verkündet. Die EU fiebert indes einem Gutachten zu einem Corona-Impfstoff am Montag entgegen.
Reiseverkehr mit Großbritannien - SNA, 1920, 21.12.2020
Corona-Mutation: Mehr als 20 Länder stoppen Reiseverkehr mit Großbritannien

Rasche Reaktion auf Meldungen aus UK

Grund für die Reisebeschränkungen ist eine kürzlich entdeckte Mutation des Virus in Großbritannien, die nach ersten Erkenntnissen britischer Wissenschaftler um bis zu 70 Prozent ansteckender als die bisher bekannte Form sein soll. Premierminister Boris Johnson hatte betont, es gebe aber keine Hinweise darauf, dass Impfstoffe gegen die Mutation weniger effektiv seien. Die Form breitet sich vor allem in London und Südostengland rasant aus. Für die Region ordneten die Behörden einen Shutdown mit Ausgangs- und Reisesperren an.
Zum Schutz der Bevölkerung in Deutschland und „zur Limitierung des Eintrages und der schnellen Verbreitung der neuen Virusvarianten“ sei ein sofortiges, befristetes Verbot für Flüge aus dem Vereinigten Königreich und Nordirland geboten, erläuterte das Verkehrsministerium in der Verordnung. Von dort seien Virus-Mutationen gemeldet worden, die in Deutschland noch nicht festgestellt worden seien.
Weitergehende Beschränkungen sollen noch per Rechtsverordnung festgelegt werden, wie es in Regierungskreisen hieß. Gesundheitsminister Jens Spahn erläuterte, an diesem Montag sei geplant, mit einer Verordnung „den gesamten Reiseverkehr“ mit Großbritannien und Südafrika einzuschränken. Der CDU-Politiker sagte am Sonntagabend im „ARD“, man nehme die Meldungen aus Großbritannien sehr ernst.
Einzelne Fälle der Mutation seien offenbar bereits in der EU aufgetreten, etwa in Italien. Spahn erwähnte im „ZDF“ Fälle in Dänemark, die aber nach Angaben dänischer Behörden unter Kontrolle seien. Der Europaabgeordnete Peter Liese sprach von nachgewiesenen Infektionen in Belgien und den Niederlanden. „Es wird ja erst seit Kurzem überhaupt auch diese neue Variante gezielt getestet. Man kann nicht ausschließen, dass es schon viele Infektionen auf dem Kontinent gibt“, sagte er der „Welt“.

Deutsche Politiker besorgt

Eine Reihe weiterer Politiker, Minister und Regierungschefs zeigten sich am Montag um die Verbreitung des mutierten Erregers besorgt. So zum Beispiel auch Bayerns Ministerpräsident Markus Söder oder Finanzminister Olaf Scholz.

Drosten gelassen

In Deutschland sei die neue Variante nach Angaben des Berliner Charité-Virologen Christian Drosten bisher nicht aufgetaucht. Jedoch gehe er davon aus, dass das mutierte Virus bereits die Bundesrepublik erreicht hat. Das machte er gegenüber „Deutschlandfunk“ deutlich. Noch sei vieles im Zusammenhang mit der neuen Virusvariante nicht wissenschaftlich bestätigt, erklärte er. Entsprechende Informationen hätten britische Forscher für die kommenden Tage angekündigt.
Drosten warnt vor Panikmache. Aussagen, wonach die Mutation 70 Prozent ansteckender sei, beruhten nicht auf gesicherten Erkenntnissen, sondern seien Schätzwerte, die ihren Weg über die Politik in die Medien gefunden hätten, bemerkte der Wissenschaftler. „Ich bin im Moment nicht so sehr besorgt“, sagte der Virologe weiter. Es könne wissenschaftliche Überraschungen geben. „Aber ich bin alles andere als beunruhigt.“ Zugleich nannte er das aktuelle Vorgehen, den Reiseverkehr aus Großbritannien zu unterbrechen, „vorsichtig“ und angemessen. Wenn es mehr Informationen gebe, könne die Politik dann entsprechend reagieren.

Strategie anpassen

Gesundheitsexperte Karl Lauterbach artikulierte seine Sorgen vor einem raschen Vordringen der Coronavirus-Variante nach Deutschland.
„Wir müssen schnellstens Stichproben machen, ob in unseren Hochrisikobereichen Mutation angekommen ist. Reisen aus UK muss vorerst gestoppt bleiben. Mit hartem Lockdown müssen wir Fallzahlen runter bekommen. Wenn diese Variante in zweite Welle kommt, ist das ein Brandbeschleuniger“, schrieb der SPD-Politiker auf Twitter.
Noch drastischer formulierte er seine Warnung gegenüber der Bild-Zeitung. „Wenn es jetzt käme, wo wir mitten in der zweiten Welle sind, wo wir so hohe Fallzahlen haben, wäre das eine Katastrophe“, sagte Lauterbach am Sonntagabend. „Das ist so ähnlich, als wenn ich ein Feuer habe und gieße noch einmal Benzin nach.“ Die Wahrscheinlichkeit, dass die neue, angeblich deutlich ansteckendere Corona-Variante über kurz oder lang nach Deutschland komme, bezifferte Lauterbach auf 100 Prozent.
Der Grünen-Gesundheitspolitiker und ehemaliger Oberarzt der ärztlichen Leitung des Rettungsdienstes in Berlin, Janosch Dahmen, plädiert vor dem Hintergrund der möglichen Ausbreitung des Erregers für:
1.
Konsequente Umsetzung aller Schutzmaßnahmen
2.
Europäische Abstimmung im Vorgesehen
3.
In Deutschland deutliche Verbesserung von Kontaktnachverfolgung plus systematische Schnelltests
Für den FDP-Politiker Andrew Ullmann stellt sich die Frage, ob überhaupt routinemäßig in Deutschland nach derartigen Mutationen geschaut werde. Deshalb fordert er: „Jetzt Teststrategie sofort anpassen!“
Diese negativen Nachrichten aus Großbritannien haben den deutschen Aktienmarkt am Montag unter Druck gebracht. Der Leitindex Dax gab im frühen Handel um zwei Prozent nach. Das am Freitag knapp verpasste Rekordhoch rückt für den deutschen Leitindex damit wieder etwas weiter aus dem Blick. Diese wohl noch ansteckendere Variante löst Befürchtungen über noch härtere und längere Beschränkungen aus. Außerdem ist ein Brexit-Handelspakt nach wie vor nicht in Sicht.
Brexit (Symbolbild) - SNA, 1920, 20.12.2020
Britischer Minister vor Brexit-Gesprächen: EU sollte Entgegenkommen zeigen
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