„Ratten beißen Babys“: Minister Müller prangert Bedingungen in griechischem Flüchtlingslager an

 - SNA, 1920, 19.12.2020
Etwa drei Monate nach dem Großbrand, der das Flüchtlingslager Moria in Griechenland zerstört und mehr als 10.000 Migranten obdachlos gemacht hatte, hat der deutsche Bundesentwicklungsminister Gerd Müller die weiterhin katastrophalen Bedingungen im neuen provisorischen Lager Kara Tepe verurteilt.
In einem Interview mit der „Passauer Neuen Presse“ erinnerte Müller an seinen Besuch des Flüchtlingscamps Moria vor zwei Jahren und schilderte den betrübenden Eindruck, den das Migrantenlager auf ihn gemacht hatte: „Ich habe Flüchtlingscamps im Nordirak und Südsudan besucht. Nirgendwo herrschten solch schlimme Zustände wie auf Lesbos“. Das Lager sei überfüllt gewesen, es habe an Sanitär- und Gesundheitsversorgung gefehlt.
Die Bedingungen im neuen Lager Kara Tepe hätten sich offensichtlich nicht verbessert, sagte der CSU-Politiker:

Das neue Lager Kara Tepe ist offensichtlich nicht besser - im Gegenteil: ‚Ärzte ohne Grenzen‘ musste jetzt eine Tetanus-Impfaktion starten, weil Babys in nassen Zelten von Ratten gebissen werden. Das sind entsetzliche Zustände – mitten in Europa“.

Die härtesten Winterwochen würden den Flüchtlingen noch bevorstehen, betonte er.
„Alle gingen davon aus, dass die schrecklichen Zustände nach dem Brand verbessert werden, aber die Wirklichkeit sieht leider anders aus“, so der Minister.

„Eine verlorene Generation“

Erst am Freitag hatte die nichtstaatliche Organisation SOS-Kinderdörfer informiert, dass in dem Zeltlager Kara Tepe Anfang der Woche ein dreijähriges Mädchen vergewaltigt worden sein soll.
Soldaten der nationalen Armee Afghanistans - SNA, 1920, 17.12.2020
Afghanistan
30 abgelehnte Asylbewerber: Deutschland nimmt Abschiebeflüge nach Afghanistan wieder auf
Müller ging auf die elende Lage der Kinder im Flüchtlingslager Moria ein, die er selber beobachtet hatte:

Besonders schlimm ist es für die Kinder, die in Moria auf die Welt kommen. Ich habe mit auf der Flucht vergewaltigten afrikanischen Frauen gesprochen, die auf dem nackten Boden saßen und auf die Geburt ihrer Kinder warteten. Ohne Hygiene oder ärztliche Versorgung. So sollte kein Leben beginnen“, äußerte er.

Ein weiteres Problem sei, dass die Anerkennungsverfahren vor Ort viel zu lange dauern würden. Die größeren Kinder hätten kaum Möglichkeiten zur Schule zu gehen. Sollte sich die Situation nicht ändern, würde mitten in Europa „eine verlorene Generation“ aufwachsen.

Außengrenzen besser schützen und an den Ursachen in Herkunftsländern ansetzen

Müller sprach sich für ein stärkeres Engagement in den Herkunftsländern der Flüchtlinge aus:

Wir lösen die Flüchtlingsprobleme nicht in den Lagern oder bei uns in Deutschland, sondern nur vor Ort in den Entwicklungsländern“, sagte er.

Einerseits müssten die EU-Außengrenzen besser geschützt werden. Andererseits müssten Investitionen in den Herkunftsländern gestärkt werden: „Europa muss an den Ursachen ansetzen. Nur wenn sich ihre Perspektiven in der Heimat verbessern, werden Flüchtlinge den gefährlichen Weg nach Europa nicht mehr auf sich nehmen. Ich halte es daher geradezu für fatal, dass die EU-Mittel für Afrika die nächsten sieben Jahre gekürzt werden.“

Brand im Flüchtlingslager Moria

Zu dem Großbrand in Moria sagte Müller, die Katastrophe sei „absehbar“ gewesen. Schon vor zwei Jahren habe er die EU-Kommission auf die dramatischen Zustände hingewiesen – nichts sei jedoch in dieser Hinsicht unternommen worden. Angesichts der Covid-19-Pandemie und der „unhaltbaren hygienischen Zuständen“ sei es zur Panik gekommen.
Bundestag (Archivbild) - SNA, 1920, 11.12.2020
Kein Kompromiss: Abschiebungen nach Syrien ab 2021 wieder möglich
Das Lager Kara Tepe war errichtet worden, nachdem das größte Flüchtlingslager Griechenlands, Moria, auf der Insel Lesbos, bei einem Großbrand Anfang September zerstört worden war. Über 12.500 Flüchtlinge und Migranten wurden wegen des Feuers vertrieben. Die Staatsanwaltschaft hatte Anklage gegen fünf Migranten aus Afghanistan wegen Brandstiftung erhoben. Deutschland hat nach dem Brand zugesagt, 1553 Menschen aus Moria aufzunehmen.
Nach Angaben der dpa leben zurzeit in dem neuen, provisorischen Lager rund 7500 Menschen.
Newsticker
0
Um an der Diskussion teilzunehmen,
loggen Sie sich ein oder registrieren Sie sich
loader
Chats
Заголовок открываемого материала