„Hitlers Rede wirkte auf Großbürger verstörend“ – Geheimbericht freigegeben

© AP PhotoWehrmacht-Parade in Warschau am 5. Oktober 1939
Wehrmacht-Parade in Warschau am 5. Oktober 1939 - SNA, 1920, 18.12.2020
Wehrmachtsoffiziere sahen einen Krieg mit der Sowjetunion schon vor dessen Ausbruch kritisch. Sie befürchteten, das Dritte Reich werde eine Niederlage erleiden wie einst Frankreich unter Napoleon. Unzufrieden war auch das Großbürgertum, wie aus Geheimnotizen von 1941 hervorgeht, die der russische Auslandsgeheimdienst SWR veröffentlicht hat.
Der sowjetische SWR hatte einen V-Mann im Reichsluftfahrtministerium. Das war ein Widerstandskämpfer und Gegner des NS-Regimes: Harro Schulze-Boysen – bei den Sowjets geführt als „Starschina“ („Hauptfeldwebel“ oder „Altmeister“). In den deutschen Offizierskreisen und auch unter den mehr oder minder vernünftigen NS-Funktionären sei die Angst vor einem Krieg mit der UdSSR offenkundig. Großteile der deutschen Militärführung seien nicht einmal auf einen Konflikt mit der UdSSR eingestellt, berichtete er an seinen sowjetischen Gewährsmann, Amajak Kobulow, Codename „Sachar“.
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Der Auslandsagent des SWR erstattete seinerseits Bericht an die Zentralstelle in Moskau in einem verschlüsselten Telegramm am 9. Mai 1941: „Einen Krieg gegen die UdSSR hält man für ein wahnwitziges Unterfangen, ähnlich wie das Scheitern Napoleons in Russland. Hitlers Politik wird mit einem Amoklauf verglichen.“
Auch das deutsche Großbürgertum sei beklommen hinsichtlich der Hitler-Politik, so „Starschina“ später an „Sachar“. Der Agent notierte:
„Einen verstörenden Eindruck hinterließ in diesen Kreisen die Rede Hitlers im Reichstag, die 1942 die Fortsetzung des Krieges verkündete. In diesen Kreisen wird die Sorge in Bezug auf die Möglichkeiten der deutschen Industrie geäußert, diese Anspannung noch länger auszuhalten. Die Ausrüstung verschleiße, das Fortdauern des Krieges mache die Erneuerung unmöglich. Die allgemein ergeben hingenommene Abführung der Gewinne an den Staat (in der Hoffnung auf ein Kriegsende 1941) würde bei dessen Fortführung auch noch in 1942 starken Unmut hervorrufen.“
Dieser und viele andere Berichte hat der russische Auslandsgeheimdienst anlässlich seines 100-jährigen Bestehens in einem Sammelband veröffentlicht: „Auslandsgeheimdienst der Russischen Föderation. 100 Jahre. Dokumente und Zeugnisse.“
Die Sammlung enthält Archivunterlagen, anhand derer der Weg der Behörde seit ihrer Gründung am 20. Dezember 1920 bis heute nachvollzogen werden kann. Die allermeisten Unterlagen erscheinen erstmalig in der Öffentlichkeit. Neben SWR-Dokumenten sind unter anderem auch Akten aus dem Zentralarchiv des FSB und dem Archiv des russischen Präsidenten darunter.
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