Deutsche Bahn: Nach vier Jahren Pause vier europäische Nachtzug-Linien

© AP Photo / Michael ProbstZüge der Deutschen Bahn (Archivbild)
Züge der Deutschen Bahn (Archivbild) - SNA, 1920, 18.12.2020
Die Deutsche Bahn das Nachtzug-Angebot ausbauen. Bis 2024 sind vier neue europaweite Verbindungen geplant. Die Kooperation wurde am Rande des EU-Verkehrsministerrats unter Leitung von Verkehrsminister Andreas Scheuer verkündet. Die Einstellung der Nachtzug-Verbindungen war seinerzeit ein Fehler, sagt der Umweltexperte Axel Friedrich im Interview.
- Herr Friedrich, vor gut vier Jahren hat die Deutsche Bahn ihre Nachtzüge eingestellt. Was waren die Gründe dafür?
Die Qualität des Angebotes war so, dass die Kunden das auch nicht mehr angenommen haben. Wenn er einen Preis zahlt, der ziemlich hoch ist, verlangt der Kunde auch, dass er auch Komfort bekommt – dass er eben auch ein Bett hat, in dem er auch schlafen kann und dass er einen Zug hat, in dem nicht alles wackelt und klappert. Das war eben nicht mehr möglich, sondern man hätte neu investieren müssen. Das wollte man aber damals nicht, dann hat man das eben eingestellt. Es wurde dann von der österreichischen Bahngesellschaft übernommen. Die hat dann Angebote gemacht und siehe da, die Kunden haben dann, wenn das Angebot stimmt, die Nachfrage auch erfüllt.
- Das scheint jetzt auch dem deutschen Verkehrsministerium aufgefallen zu sein. Unter dem Namen "Nightjet" sind dann zunächst vier neue europäische Nachtzug-Linien von der Deutschen Bahn geplant. Ab Dezember 2021 soll es im Nachtzug von Wien über München nach Paris oder von Zürich über Köln bis nach Amsterdam gehen. Warum diese Kehrtwende?
Wir sehen, dass die Menschen immer mehr verstehen, dass wir wirklich erschreckende Aussichten im Bereich Klimaänderung haben. Viel schlimmer als die meisten Leute glauben. Wir haben massive Erhöhung der Temperatur, Anstieg des Meeresspiegels, ungewöhnliche Ereignisse wie Stürme, Überflutung, Trockenheit und Brände. Die Menschen verstehen: Wir müssen uns anders verhalten. Das geht eben zur Zeit nur, indem ich umsteige auf die Bahn. Wenn ich lange Strecken fahre, dann möchten manche Menschen eben auch über Nacht da schlafen, damit sie morgens früh ausgeschlafen an dem Ort ankommen, wo sie hinmöchten.
CO2-Emissionen (Symbolbild) - SNA, 1920, 10.12.2020
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- Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer ist ja bisher eher durch eine Nähe zur Autoindustrie aufgefallen. Doch die Nachtzug-Initiative soll auf sein Ministerium zurückzugehen. Hat er da tatsächlich mal eine aus ökologischer Sicht gute Idee gehabt?
Er hat vor allem aus unternehmerischer Sicht eine gute Idee gehabt, denn wir haben gesehen, dass das Angebot der Österreichischen Bundesbahn, diese „Nightjets“ zu installieren, funktioniert – auch kostendeckend. Das hat zu der Einsicht geführt, dass das damals eine Fehlentscheidung der Deutschen Bahn war, und dass wir eben solche Angebote grenzüberschreitend auch brauchen, um die Metropolen Europas zu verbinden.
- Wie beurteilen Sie als Umweltexperte denn das Konzept von Nachtzügen allgemein?
Die Bahn muss ja auch ihren Strom mit dem sie die Fahrzeuge betreibt auch CO2-frei beziehen. Hier haben wir natürlich ein Problem. Die Bahn hat zwar angekündigt, sie wollen das machen, aber bisher hat sie immer noch einen Rucksack damit an Bord. Das bedeutet auch, dass man in vielen Fällen zurzeit sogar nicht von einem großen Vorteil CO2-mäßig sprechen kann. In Österreich ist es anders, die fahren in der Regel mit Strom aus Wasserkraft, deswegen günstiger als bei uns. Die Bahn muss hier auch besser werden und das verlange ich auch vom Verkehrsminister: dass er da Druck macht, dass ein Kohlekraftwerk wie Datteln IV eben nicht von der Bahn betrieben wird. Das bedeutet dann, dass wir auch Lösungen haben, die zukunftsfähig sind.
-Vor vier Jahren war Fliegen ungemein günstig, auch jetzt kostet ein Flugticket nicht viel. Fliegen ist auch immer noch schneller, was gerade für Geschäftsreisende von Vorteil ist. Wird denn das Angebot genutzt, wenn die Nachtzüge vielleicht so wie in der Vergangenheit dreimal so viel wie Flüge kosten werden?
Man muss natürlich das Angebot bei den Fluggesellschaften deutlich verteuern. Ich glaube auch, dass die Gesellschaft mittlerweile verstanden hat, dass Flüge für 15 oder 40 Euro nicht in das jetzige System passen und dass wir Klimaschutzmaßahmen dringend betreiben müssen. Auch bei den Fluggesellschaften wird es zu erhöhten Anforderungen kommen. Gestern wurde ja behauptet, sie machen 2050 alles klimaneutral, wo ich noch nicht weiß, wie sie es machen wollen.
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Zumindest haben sie aber verstanden, dass sie was tun müssen und das bedeutet auch, dass dann der Treibstoff, den sie benutzen, deutlich teurer werden würde – bis zum Faktor vier oder fünf teurer. Dann wären solche Angebote, die man heute hat, natürlich nicht mehr kostendeckend. Der Zeitvorteil, den viele da auch immer sehen, ist ja fast nie vorhanden.
Wenn ich von Berlin nach München fahre – zum Beispiel – dann ist der Zeitvorteil fast nicht mehr da, weil ich ja den Vor- und Nachlauf bei den Flugzeugen mitzählen muss und bei der Bahn ich eben mitten in der Stadt ankomme. Beim Flughafen München komme ich weit draußen an und muss erst da reinfahren, hier in Berlin ist der neue Flughafen auch weiter draußen. Ich habe hier Vor- und Nachläufe, ich muss eine Stunde vorher da sein und vielleicht auf mein Gepäck warten. Wenn ich das alles zusammen rechne ist die Bahn auch auf solchen Strecken zeitmäßig konkurrenzfähig. Aber im Nachtzug habe ich den Vorteil, dass ich dann nachts fahre und dann auch die Übernachtung im Hotel sparen kann. Auch Dinge, die oft auf Geschäftsreisen gerne gesehen werden.
Der Chemiker Axel Friedrich war Abteilungsleiter für die Bereiche Verkehr und Lärm im deutschen Umweltbundesamt und hat das International Council on Clean Transportation mitgegründet.

Das komplette Interview mit Dr. Axel Friedrich zum Nachhören:

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