Putin zu neuen „Ermittlungen“ im Fall Nawalny: „Wenn man gewollt hätte, dann...“

© SNA / Pawel BeniakowWladimir Putin spricht per Videokonferenz mit Journalisten am 17. Dezember 2020
Wladimir Putin spricht per Videokonferenz mit Journalisten am 17. Dezember 2020 - SNA, 1920, 17.12.2020
Russlands Präsident Wladimir Putin hat bei seiner Großen Pressekonferenz die Medienberichte über den angeblichen Giftanschlag auf den Kreml-Kritiker Alexej Nawalny durch Agenten des russischen Sicherheitsdienstes FSB kommentiert. Putin zufolge ist das „die Legalisierung der Arbeit der US-Geheimdienste“.
Während der jährlichen Pressekonferenz hat ein Journalist den Präsidenten nach den „Ermittlungen“ gefragt, denen zufolge Nawalny Opfer eines Giftanschlags wurde, an dem mindestens acht FSB-Agenten teilgenommen haben sollen.
„Was den Patienten in der Berliner Klinik angeht, habe ich zu diesem Thema schon mehrmals gesprochen und kann nur einige Dinge wiederholen“, antwortete Putin.
„Ich weiß, Peskow (Kreml-Sprecher – Anm.d.Red.) hat mir gestern gerade über die neuesten Erfindungen in dieser Hinsicht erzählt, über die Daten unserer Mitarbeiter der Sonderdienste und so weiter“.
Dies seien keine Ermittlungen, sondern „die Legalisierung der Arbeit der amerikanischen Geheimdienste“, sagte Putin. Dies bedeute, dass Nawalny die Unterstützung der US-Geheimdienste genieße.

„Und wenn das richtig ist, dann ist es interessant, dann müssen die Sonderdienste natürlich auf ihn aufpassen“

Wladimir Putin
Russlands Staatschef
Nawalny sei aber nicht wichtig genug, um ein Ziel zu sein. Wenn jemand Nawalny hätte vergiften wollen, dann wäre diese Arbeit zu Ende gebracht worden, sagte Putin.
„Wenn man das gewollt hätte, dann hätte man es wahrscheinlich zu Ende gebracht. Aber die Frau (Nawalnys – Anm.d.Red.) hat sich an mich gewandt und ich gab sofort den Befehl, ihn zur Behandlung nach Deutschland fliegen zu lassen. In genau dieser Sekunde“.
Russland ist laut Putin bereit, das angebliche Attentat auf Nawalny zu untersuchen, fordert den Westen jedoch auf, zumindest einen offiziellen Befund zu seiner „Vergiftung“ zu geben.
„Wir sind zu Ermittlungen bereit. Wenn jemand Informationen darüber hat, dass chemische Waffen verwendet wurden, in diesem Fall Nowitschok – man spricht die ganze Zeit darüber – dann bitten wir Sie, uns diese Informationen zu geben”.
Moskau habe vorgeschlagen, dass die russischen Experten sich vor Ort sowie in Deutschland, Schweden und Frankreich zusammen mit den Kollegen mit diesem Problem befassten.
„Oder wir bitten Sie, zu uns zu kommen, biologisches Material mitzubringen und uns zumindest einen offiziellen Befund zu geben”, fügte der russische Präsident hinzu.

„Spiegel“-Story über mutmaßliche Nawalny-Attentäter

Am Montag hatte das deutsche Magazin „Spiegel” , das gemeinsam mit den Investigativplattformen Bellingcat und The Insider sowie dem US-Nachrichtensender CNN recherchierte, ein Material veröffentlicht, in dem geschrieben steht, dass Nawalny Opfer eines Giftanschlags geworden sei, an dem mindestens acht Agenten des russischen Sicherheitsdienstes FSB teilgenommen haben sollen.
Laut „Spiegel“ hat das Rechercheteam nachgewiesen, dass die FSB-Agenten Nawalny auf mehr als 30 Flügen begleitet hätten. Dem Bericht zufolge war diese Gruppe schon vor dem Anschlag auf Nawalny an mehreren Tötungsversuchen beteiligt gewesen.
Am Mittwoch hatte Russlands Außenminister Sergej Lawrow dem Westen im Zusammenhang mit diesen „Sensationen“ mangelnde Ethik vorgeworfen.
Wladimir Putin spricht aus dem Fernsehstudio in Nowo-Ogarjowo mit Journalisten im Rahmen der großen Pressekonferenz am 17. Dezember 2020 - SNA, 1920, 17.12.2020
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Das Rechercheteam und Nawalny selbst bauen ihre Version ausgehend von Flugtickets und dem Herunterladen von Telefonrechnungen auf, die rechtlich nicht erhältlich oder überprüfbar sind. Nawalny behauptet auch, dass die russischen Ärzte während seines Krankenhausaufenthaltes in Omsk falsche Aussagen über seine Diagnose gemacht hätten.
Gleichzeitig geben die Autoren der „Ermittlungen“ zu, dass es keine Beweise dafür gebe, dass sich einer dieser „FSB-Agenten" während Nawalnys Krankenhausaufenthalt in Omsk auch in dieser Stadt aufgehalten hat. Damit widerlegen sie die frühere Version der britischen Zeitung „The Sunday Times“ über einen Versuch, den Kreml-Kritiker dort zum zweiten Mal zu „vergiften“.

Hintergrund

Alexej Nawalny war am 20. August auf einem Inlandsflug (Tomsk – Moskau) zusammengebrochen. Er wurde zunächst in einem Omsker Krankenhaus behandelt und dort in ein künstliches Koma versetzt. Der 44-Jährige wurde später auf Drängen seiner Familie in die Berliner Universitätsklinik Charité verlegt. Anfang September wurde Nawalny aus dem Koma geholt und bereits am 23. September aus der Berliner Charité entlassen.
Die Bundesregierung sprach bereits am 2. September von einer Vergiftung Nawalnys mit einem Nervenkampfstoff der „Nowitschok“-Reihe, nachdem Untersuchungen eines Spezial-Labors der Bundeswehr die Belege dafür geliefert hätten.
Laut dem Omsker Krankenhaus wurden in Nawalnys Blut und Urin kein Gift oder Spuren davon entdeckt, als vorläufige Diagnose wurde eine Stoffwechselstörung angegeben, die ein drastisches Absinken des Blutzuckerspiegels verursacht haben soll.
Alexej Nawalny - SNA, 1920, 14.12.2020
Bericht: Hinter Giftanschlag auf Nawalny sollen acht russische Agenten stecken
Die Organisation für das Verbot chemischer Waffen (OPCW) teilte im Okober mit, dass in den Blut- und Urinproben des russischen Bloggers und Kreml-Kritikers Alexej Nawalny Giftspuren festgestellt worden seien, welche auf einen der Nowitschok-Gruppe ähnlichen Nervenkampfstoff schließen ließen. Dieser soll jedoch nicht in der Chemiewaffenkonvention gelistet sein. Die Untersuchung beruhte demnach auf eigenen Analysen der OPCW und soll mit den Befunden der Spezial-Labore in Deutschland, Frankreich sowie in Schweden übereingestimmt haben.
Russland hat bereits mehrmals Deutschland sowie andere westliche Partner und die Organisation für das Verbot chemischer Waffen (OPCW) zur Kooperation im Fall Nawalny aufgefordert, doch weder Berlin noch Paris stellen Russland die erforderlichen Daten zur Verfügung und antworten nicht auf russische Rechtshilfegesuche.
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